„Reisejournalisten müssen abwägen, ob ihre Arbeit nutzt oder schadet“

Ein Reisejournalist muss gute Geschichten und Hochglanzfotos von exotischen Orten mitbringen. Er sollte aber auch ein Gefühl für die Verantwortung im Gastland, für Stereotype und Blickwinkel entwickeln. Eine schwierige Balance.

Von Felix Hütten

Jochen Temsch, SZ

Jochen Temsch, Leiter der SZ-Reiseredaktion (Bild: Björn Sasse)

In der Zeitung immer gern gelesen: Berichte von Reisen aus fernen Ländern. Kein Ziel scheint zu weit, keine Geschichte exotisch genug. Bei kritischer Nachfrage, unter welchen Voraussetzungen diese Reisen stattfinden, wird schnell klar: Reisejournalist*innen lassen sich häufig von Unternehmen einladen. Jochen Temsch, Chef der Reiseredaktion der Süddeutschen Zeitung und sein Kollege Freddy Langer von der FAZ geben zu, dass sie und ihre Kolleg*innen oftmals auf Einladung unterwegs sind. Die beiden Journalisten aber halten diese Praxis für verantwortbar – schließlich lasse man sich keinesfalls von den Geldgebern beeinflussen. Eine unabhängige Berichterstattung könne weiterhin gewährleistet werden, so Temsch und Langer.

Doch stimmt das?

Diese Frage wurde bei dem Panel „Verantwortung“ auf der Tagung Bildkorrekturen diskutiert. Das Ergebnis: Viele Studierende bezweifeln, dass Reiseberichterstattung kritisch und unabhängig vom Geldgeber ist. Denn: Alleine die Auswahl, über welches Reiseziel berichtet wird, ist von den Angeboten der Unternehmen abhängig. Damit nehmen diese direkten Einfluss auf die Themensetzung – von Unabhängigkeit keine Spur. Die häufige Argumentation, dass auch Sportjournalist*innen die Stadiontickets und Kritiker*innen Theater- und Konzertkarten nicht selbst bezahlen, ist aus der Sicht vieler Studierender nicht zulässig: Eine freie und unabhängige Presse müsse, so der Tenor, die Arbeitsmaterialen selbst bezahlen, um sich von äußeren Einflüssen zu befreien. Egal ob Bücher, Tickets, Abendessen oder Reisen: Journalismus könne nur kritisch und frei sein, wenn er sich selbst trägt.

In einem zweiten Abschnitt sprachen die Studierenden über die Frage, welchen Einfluss Reisejournalismus auf die Regionen hat, aus denen berichtet wird. Freddy Langer, Chef des Reiseteils der FAZ, antwortete: „Reisejournalisten müssen immer abwägen, ob ihre Arbeit nutzt oder schadet.“ Dennoch dürfe die Macht der Journalist*innen nicht überschätzt werden, so Langer. „Es ist nicht so, dass nach einem Artikel in der FAZ sofort alle Hotels ausgebucht sind.“

Gier nach maßgeschneiderten Texten

Auf die Frage, welche Entwicklungschancen Reisejournalismus für ärmere Länder hat, diskutierten die Teilnehmer*innen kontrovers über den Begriff der Entwicklung. Auch wenn sich die Studierenden einig waren, dass weltweit Armut bekämpft werden müsse, so impliziere der Entwicklungsbegriff oftmals, dass andere Länder den vermeintlich goldenen, europäischen Weg einfach nachgehen müssten – was weder möglich, noch erstrebenswert sei. „Solange du berichtetest, was alle hören wollen, ist das ok“, erklärt Daniel Márquez Soares, Student der Deutschen Welle Akademie aus Ecuador, das Problem. „Aber wer macht sich schon die Mühe, hinter die Kulissen in einem dir fremden Land zu schauen und zu schreiben, was vielleicht niemand lesen will?“

Auch Stereotypen sind ein großes Problem der Journalisten. Reisen sie mit festen Erwartungen, dann versperren sie sich den Blick, schauen nicht nach Besonderem, Anderem und Kontroversem, so die Meinung vieler Studierenden. Es könne passieren, dass verschiedene Aspekte ignoriert werden – und nur berichtet, was verlangt wird. Dieses Verlangen komme auch von den Leser*innen selbst: Insbesondere in Themenmagazinen erwarten die Käufer*innen maßgeschneiderte Texte, die oftmals mit der Realität vor Ort wenig gemein haben.

Doch wie vermeidet man Stereotype? Eine Möglichkeit: versuchen, den nicht-europäischen Blickwinkel einzunehmen. Da kein Mensch seine Prägung einfach ablegen kann, sei es wichtig, sich über die eurozentristische Perspektive bewusst zu werden – und diese zu hinterfragen.