Wie viel Mensch verträgt ein Eisbär?

Immer mehr Touristen wollen die einzigartige Natur in Grönland bestaunen. Doch das Ökosystem der Polarregionen ist sensibel. Das Land muss sich entscheiden: Naturschutz fördern oder mit Tourismus die Wirtschaft ankurbeln?

Von Monika Huth und Isabel Stanoschek

Eisberge in Grönland. Foto: Magdalena Pawlowsa

Eisberge in Grönland. Foto: Magdalena Pawlowsa

Der Hals der Möwe steckt in einer Dose. Ein Plastiknetz schmückt das Geweih des Elchs. Der Körper der Robbe hat sich in einem Seil verfangen. Schockierende Bilder, mit denen die Journalistin und Arktisexpertin Birgit Lutz, Touristen für die besondere Schutzbedürftigkeit der nördlichsten Region unseres Planeten zu sensibilisieren versucht. Notwendig macht dies die Entdeckung der Arktis als Reiseland. Wo sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts nur wenige Abenteurer und Forscher hinwagten, klicken heute Touristenkameras im Akkord. Das „ewige Eis“, einst Berühmtheiten wie Fridtjof Nansen und Roald Amundsen vorbehalten, hat sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu einem immer beliebter werdenden Reiseziel entwickelt.

2012 ließen sich circa 110.000 Touristen von den niedrigen Temperaturen in ihrer Urlaubsdestination nicht schrecken und bereisten die Inseln Grönland, Spitzbergen oder Franz-Josef-Land. Eine beachtliche Zahl angesichts der Gesamtbevölkerung von ungefähr 60.000 Menschen. Zahlreiche Besucher kommen mit einem der inzwischen in großer Anzahl verkehrenden Kreuzfahrtschiffe. Viele Globetrotter und Abenteuerlustige wollen die einzigartige Natur der Polarregion und die Kultur der Inuit erleben.

Der Massentourismus ist in der Arktis angekommen

Grönland ist das touristisch am besten erschlossene Gebiet. Seit 1999 erlebt die Insel einen regelrechten Besucher-Ansturm, der 2008 mit knapp 85.000 Gästen seinen bisherigen Höhepunkt erreichte. Bis Mitte 2013 kamen fast 35.000 Touristen – möglich, dass der Wert von 2008 heuer geknackt wird. Ähnliches gilt für die zu Spitzbergen gehörenden Inseln. Nach einem enormen Besucheranstieg seit Ende der 1990er Jahre, bereisten 2008 etwa 41.000 Touristen die Inselgruppe. Hochsaison für Reisen in die Arktis sind die Sommermonate von Juni bis September.

Gastronomie und Hotelwesen jedoch spielen als Einnahmequellen kaum eine Rolle, nur wenige Grönländer arbeiten in diesem Bereich. Auf Franz-Josef-Land existiert keinerlei touristische Infrastruktur. Wer dennoch eine Reise auf die nördlichste Inselgruppe Europas unternehmen möchte, braucht viel Geduld und das nötige Kleingeld. Eistaugliche Expeditionsschiffe meist russischer Veranstalter verkehren für Touristen in unregelmäßigen Abständen ab Murmansk.

Gepflegtes Abenteuer

Ein Drink an Deck mit Sicht auf einen Eisberg, dabei einen Blick auf einen Eisbären – ganz nah und doch geschützt – erhaschen? Kreuzfahrten in die Arktis machen es möglich, ein Großteil der Touristen erkundet die Polarregion via Schiff. Jährlich umfahren zwischen 20.000 und 30.000 Kreuzfahrtgäste die arktischen Inseln, meist zwischen Juli und September. Angeboten werden diese Pauschal-Touren sowohl von den großen Reiseveranstaltern in Deutschland, als auch von Unternehmen, die sich auf das Reiseziel Arktis spezialisiert haben. Zwischen Mittagsbuffet und Gala-Dinner haben die Gäste Zeit für einen Landgang, während des Nachmittagskaffees zieht die „Eiswüste“ vorbei – das warme Schiffsinnere muss dabei nicht verlassen werden. Individueller Abenteuerurlaub sieht anders aus. Zelt-, Ski- und Hundeschlittentouren – wenn auch organisiert – kommen dem schon näher. Reiseanbieter wie Hauser Exkursionen versprechen „Wildnis mit Komfort“ in Kleingruppen. Freilich sind auf dem Weg zum Nordpol auch Helikopterflüge inklusive. Die persönliche Herausforderung sucht trotzdem nur ein Bruchteil der Besucher.

Naturschutz vs. Tourismus: Ökosystem in Gefahr

Das Ökosystem der Polarregionen ist sensibel, die arktische Natur einzigartig – auch einzigartig schutzbedürftig. Mit den steigenden Touristenzahlen nehmen die Belastungen für die ohnehin durch den Klimawandel bedrohte Umwelt zu. Kreuzfahrt- und Expeditionsschiffe verschmutzen Luft und Wasser, die infrastrukturelle Erschließung bedroht den Lebensraum von Tieren und Pflanzen, Touristen produzieren Müll. Entsprechend setzt sich eine zunehmende Zahl von Reiseveranstaltern für nachhaltigen Tourismus ein und unterstützt mit Hilfe der Einnahmen aus den Reisen verschiedene Naturschutzprojekte. „Reiseerlebnisse, die sich am Menschen und an der Umwelt orientieren“, verspricht beispielsweise forum anders reisen, eine Vereinigung von 130 Reiseveranstaltern. Die Organisation bietet unter dem Gebot der NachhaltigkeitNachhaltigkeit gilt als ökonomische oder soziale Entwicklung, die die Folgen der Entscheidungen in der Gegenwart für die Zukunft antizipiert und sie von diesen Folgen abhängig macht. In ökonomischer Hinsicht beschreibt das Konzept der Nachhaltigkeit eine Wirtschaftsweise, Gewinne bereits sozial- und umweltverträglich zu erwirtschaften, anstatt diese erst in Umwelt- und Sozialprojekte zu reinvestieren." Expeditionen in die Arktis mit verschiedenen Wanderungen und Bootstouren an.

Eisbären tollen im Schnee. Robbenbabies unternehmen erste Tauchversuche. Ein Wal streckt seine majestätische Schwanzflosse aus dem Meer. Birgit Lutz zeigt den Touristen, für die sie auf Expeditionsschiffen Vorträge hält, zunächst stimmungsvolle Tierbilder, dann Fotos ihrer verendeten Artgenossen. Die Touristen will sie zu „Botschaftern der Region“ machen. Lutz ist überzeugt, „wenn man sich in der Arktis richtig verhält, richtet man auch keinen Schaden an“.