Relevant statt nur atemberaubend bis zauberhaft

Jochen Temsch, Ressortleiter Reise bei der Süddeutschen Zeitung, über guten Journalismus, hartnäckige Klischees und besondere Begegnungen.

Interview: Sabine Beßlein und Sabrina Nell, Fotos: Björn Sasse

Jochen Temsch

Jochen Temsch (Bild: Björn Sasse)

Herr Temsch, seit zwei Jahren leiten Sie das Reiseressort der Süddeutschen Zeitung. Was macht guten Reisejournalismus für Sie aus?

Zunächst sind es die gleichen Gütekriterien wie bei allen anderen Ressorts auch: Die Artikel sind aktuell, sie sind gesellschaftlich relevant, sie sind sorgfältig recherchiert und möglichst ansprechend aufbereitet. Außerdem müssen es Geschichten sein, die sich ganz konkret ein interessantes Thema vornehmen. Im Idealfall hat man es so noch nicht gelesen, auf jeden Fall macht es der Artikel dem Leser möglich, das Land ein Stück weit besser zu verstehen.

Welchen Stellenwert hat das Reiseressort innerhalb der SZ, verglichen mit anderen Ressorts?

Es ist sicherlich nicht so hoch angesiedelt, wie Wirtschaft, Politik oder Feuilleton. Aber es wird auch durchaus gewürdigt, was wir an dieser interessanten Schnittstelle der klassischen Ressorts machen. Manche Geschichten, die wir machen, könnten auch in der Politik stehen, andere auch im Wirtschaftsteil.

Es ist also nicht so, dass Reisejournalismus als Spaßveranstaltung abgetan wird?

Solche Vorurteile kommen schon, damit muss man als Reisejournalist einfach leben. Viele Kollegen nehmen an, man sitze den ganzen Tag im 5-Sterne-Hotel am Pool und überlegt sich, wie man jetzt den Sonnenuntergang am besten beschreiben könnte, mit der Palette von A wie atemberaubend bis Z wie zauberhaft. Es ist ein langer, mühsamer und anstrengenderIm Englischen wird zwischen dem biologischen Geschlecht "Sex", und dem soziokulturellen Geschlecht Gender", unterschieden. Im Deutschen gib es allerdings nur einen Oberbegriff: "Geschlecht". Im Englischen wird zwischen dem biologischen Geschlecht "Sex", und dem soziokulturellen Geschlecht Gender", unterschieden. Im Deutschen gib es allerdings nur einen Oberbegriff: "Geschlecht". Gender“ drückt aus, dass geschlechtsspezifische Zuschreibungen dynamisch und veränderbar sind. Der Begriff geht über die biologische Unterscheidung zwischen Geschlechtern hinaus. Gender“ drückt aus, dass geschlechtsspezifische Zuschreibungen dynamisch und veränderbar sind. Der Begriff geht über die biologische Unterscheidung zwischen Geschlechtern hinaus. Weg, auch Kollegen davon zu überzeugen, dass man dieses vermeintlich leichte Metier ernst nimmt und durchaus eine Haltung hat – dass man sich etwas überlegt bei diesen Geschichten und eben keinen Werbekatalog schreibt.

Was ist denn die konkrete Haltung der Süddeutschen?

Das Besondere ist, dass wir das Thema Reise in all seinen Facetten ernst nehmen, seien es die wirtschaftlichen, kulturellen oder auch politischen Implikationen. Wir bringen keine x-beliebige Reportage, weil sie gerade herumliegt, sondern wir gucken wirklich, was momentan aktuell ist und reagieren darauf, wie alle anderen Ressorts einer Tageszeitung auch. Wenn wir wie vor ein paar Wochen beispielsweise mitkriegen, dass die Reisewarnung für Ägypten aufgehoben wird, die TUI Ägypten wieder in ihren Katalog aufnimmt und die große Masse der deutschen Urlauber wieder dorthin geflogen wird, dann wollen wir natürlich sofort schauen: Wie sieht’s denn da jetzt überhaupt aus? Der zweite Punkt ist das Politische: Ist es da jetzt tatsächlich sicher da unten? Gleichzeitig hat das natürlich einen gewissen Servicecharakter: Was passiert da jetzt am Roten Meer?

Das wird dann wirklich in dieser Woche gemacht, jemand fliegt runter und in der nächsten Woche kommt’s ins Blatt. Das ist der Idealfall einer Reisegeschichte, wie sie bei uns stehen sollte. Das kann man nicht immer, weil man als Reiseredaktion nicht so schnell die ganze Welt abdecken kann, aber man sollte es versuchen. Solch eine Reaktion auf aktuelle Themen nach allen journalistischen Regeln gibt es nur noch bei den anderen großen Mitbewerbern, von FAZ bis Zeit. Ich wage zu behaupten: Die Zeitungen, die so was machen, kann man an einer Hand abzählen.

Wonach suchen Sie denn die Aufträge aus, um diese journalistische Qualität zu sichern und nicht von Einladern abhängig zu werden?

Die erste Entscheidung ist immer: Ist es journalistisch betrachtet ein Thema oder nicht? Die Destination selbst spielt da die untergeordnete Rolle, man kann auch aus Paris, aus Wien, aus Graz, aus nahen Zielen spannende Geschichten mitbringen, das muss gar nicht unbedingt das Exotischste sein. Dann ist tatsächlich die Frage: Wie kann man’s organisieren? Wir haben ein Netz aus Korrespondenten, die in den Ländern leben und berichten können. Dadurch können wir unsere Unabhängigkeit wahren. Aber wir nehmen auch Einladungen an und nehmen zum Teil Flüge oder Hotels in Anspruch, die von Einladenden übernommen werden. Darauf wird im Reiseteil auch hingewiesen. Das ist in der Branche leider so. Es wäre natürlich schöner, wenn man das Budget hätte, das anders zu machen. Ein wichtiger Garant für Qualität sind natürlich auch kritische, distanzierte Autoren, die sich nicht vereinnahmen lassen – die haben wir.

Spannende Geschichten haben Sie in den vergangenen Jahren sicher einige erlebt- gibt es irgendetwas ganz besonders Schönes oder Schlimmes, das Ihnen mal passiert ist?

Es gibt so besondere Reisemomente, die man mit den Einheimischen hat. Ich erinnere mich an eine Begegnung in Burma, ganz abgelegen im Nordosten des Landes, wo es überhaupt keine Autos gibt, sondern nur Ochsenkarren durch die Gegend gezogen werden. Dort habe ich die Ruine von einem uralten buddhistischen Tempel besichtigt. Da kam ein alter Mönch und hat gesehen, dass ich ein Fremder bin. Er hat mich einfach herumgeführt und versucht, mir etwas zu zeigen. Diese Freude zu erleben, dass man dort als Tourist noch so was Besonderes ist, dass man extrem willkommen ist und auf so eine Neugier stößt, das hat mich sehr berührt. Ein ganz leiser Moment letztendlich mit diesem Mann, dessen Gesicht genauso alt und verwittert war wie der Tempel selbst. Generell sind die Begegnungen das A und das O. Diese Möglichkeit, weltweit zu arbeiten, andere Kulturen und großartige Menschen kennenzulernen, das finde ich einfach toll an dem Beruf.

Was würden Sie jemandem mit auf den Weg geben, der sich auch für diesen tollen Beruf interessiert?

Für mich ist das immer noch der schönste Beruf, den ich mir vorstellen kann, und ich kann jeden jungen Menschen, der das möchte, nur ermutigen, dieses Ziel zu verfolgen. Es war noch nie leicht Journalist zu werden, das war es auch vor 20 Jahren nicht. Was ich nach wie vor sagen kann: Dranbleiben, Geduld haben und sich kontinuierlich bei den Redaktionen ins Gedächtnis rufen, Themenvorschläge machen, sorgfältig arbeiten und, ja, der Rest ist halt ein Quäntchen Glück.