„Nachhaltiger Tourismus ist ein Schönwetterthema“

Reisen und NachhaltigkeitNachhaltigkeit gilt als ökonomische oder soziale Entwicklung, die die Folgen der Entscheidungen in der Gegenwart für die Zukunft antizipiert und sie von diesen Folgen abhängig macht. In ökonomischer Hinsicht beschreibt das Konzept der Nachhaltigkeit eine Wirtschaftsweise, Gewinne bereits sozial- und umweltverträglich zu erwirtschaften, anstatt diese erst in Umwelt- und Sozialprojekte zu reinvestieren." – lässt sich das wirklich verbinden? Antje Monshausen setzt sich jeden Tag mit dieser Frage auseinander. Wir haben die Leiterin von Tourism Watch, einer Arbeitsstelle bei Brot für die Welt, über Pauschaltourismus und Lobbyarbeit befragt.

Von Dorothea Wagner

 

Antje Monshausen (Bild: privat)

Antje Monshausen (Bild: privat)

Bei der Podiumsdiskussion der Tagung wurden Sie mit der Aussage konfrontiert, dass nachhaltiges Reisen nicht möglich ist – also sollte man am besten gar nicht mehr reisen. Was sagen Sie dazu?

NachhaltigkeitNachhaltigkeit gilt als ökonomische oder soziale Entwicklung, die die Folgen der Entscheidungen in der Gegenwart für die Zukunft antizipiert und sie von diesen Folgen abhängig macht. In ökonomischer Hinsicht beschreibt das Konzept der Nachhaltigkeit eine Wirtschaftsweise, Gewinne bereits sozial- und umweltverträglich zu erwirtschaften, anstatt diese erst in Umwelt- und Sozialprojekte zu reinvestieren." hat eine ökonomische, eine ökologische und eine soziale Dimension, die bei der Bewertung untrennbar miteinander verbunden sind. Die nachhaltige Flugreise gibt es nicht, dafür sind die Klimawirkungen des Fliegens zu immens, gerade weil sie am stärksten die Menschen in Entwicklungsländern treffen. Eine Fernreise sollte man sich deswegen gut überlegen und nicht zum alltäglichen Konsumgut verkommen lassen. Je nachdem, wie Tourismus gestaltet ist, kann er aber eine armutsreduzierende Wirkung haben. Deswegen glaube ich, dass Tourismus, wenn sich Reisende und Reiseveranstalter richtig verhalten, insgesamt eine positive Wirkung haben kann.

Und wie sieht dieses richtige Verhalten von Touristen aus?

Die Reisenden sollten Zeit mitbringen und den Wunsch, sich auf die Kultur des Reiselandes einzulassen. Das gehört zur sozialen und kulturellen Komponente der NachhaltigkeitNachhaltigkeit gilt als ökonomische oder soziale Entwicklung, die die Folgen der Entscheidungen in der Gegenwart für die Zukunft antizipiert und sie von diesen Folgen abhängig macht. In ökonomischer Hinsicht beschreibt das Konzept der Nachhaltigkeit eine Wirtschaftsweise, Gewinne bereits sozial- und umweltverträglich zu erwirtschaften, anstatt diese erst in Umwelt- und Sozialprojekte zu reinvestieren.". Bezüglich der ökonomischen Dimension sollten Touristen außerdem darauf achten, dass ihre Ausgaben der lokalen Bevölkerung zugutekommen. Statt einen All-Inclusive-Urlaub zu buchen, sollten sie beispielsweise lieber auf einer Rundreise in verschiedenen mittelständischen Hotels übernachten und in den normalen Restaurants essen. Auch von Ausflügen können lokale Anbieter profitieren. Es kommt also auf das Bewusstsein der Touristen an, wofür sie ihr Geld ausgeben und wie sie sich im Reiseland verhalten.

Auch auf ihren Geldbeutel? Können auch Studenten nachhaltig reisen?

Eine Reise nach diesen Prinzipien ist nicht automatisch teurer als eine Pauschalreise. Gerade Studenten, die meist längere Reisen unternehmen, können vor Ort auch Angebote vergleichen. Durch eine gute Vorbereitung und die guten Sprachkenntnisse können sie meist ein Angebot mit einem guten Preis-Leistungsverhältnis finden.

Ein Hausboot in Kairo, ein altes Holzhaus in Grönland – bei der Plattform Airbnb vermieten Privatpersonen ein Zimmer oder ihre Wohnung an Touristen. Ist das für Sie ein positives Beispiel für nachhaltiges Reisen?

Auf der einen Seite schon. Es ist immer etwas Schönes, wenn ein naher Kontakt zwischen den Reisenden und der lokalen Bevölkerung besteht. Aber ich sehe Airbnb nicht uneingeschränkt positiv. Denn die Touristen suchen sich natürlich das netteste Zimmer aus: saniert, mit schönen Möbeln, eigenem Badezimmer und mit guter Lage. Ein Zimmer also, das nur ein Mensch mit höherem Einkommen bereitstellen kann. Gleichzeitig bucht der Tourist keine Übernachtung in einem Hotel, worunter das etablierte lokale Gewerbe leidet. Also die Unternehmen, die der normalen Bevölkerung monatlich ein Gehalt zahlen. Das Geld könnte also bei der falschen Stelle landen.

Warum beschäftigt sich ein evangelisches Entwicklungswerk wie Brot für die Welt mit Tourismus?

Bereits seit den 1970er Jahren setzt sich der kirchliche Entwicklungsdienst mit dem Thema auseinander. Damals blühten der Massentourismus und damit auch der Kindersextourismus in Asien auf. Unsere dortigen Schwesterkirchen baten deswegen darum, dass wir als Kirche unsere gesellschaftliche Stellung in Deutschland nutzen, um Reisende aufzuklären und zu sensibilisieren. Zuerst stand die Fachstelle Ferntourismus also vor allem für Bildungs- und Sensibilisierungsarbeit. Seit den späten 1990er Jahren hat sich für die Fachstelle dann der Name Tourism Watch durchgesetzt. Heute steht nun auch die entwicklungspolitische Lobbyarbeit gegenüber Politik und Unternehmen im Mittelpunkt.

Als Leiterin der Arbeitsstelle Tourism Watch sind Sie Ansprechpartnerin von Journalisten, wenn es um das Thema nachhaltiges Reisen geht. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Von Reiseredaktionen erhalten wir nur wenige Anfragen. Stattdessen kommt durchschnittlich etwa eine Anfrage in der Woche von Journalisten aus den Wirtschafts-, Gesellschafts- oder Politikressorts, die die Themenbereiche Entwicklungspolitik, NachhaltigkeitNachhaltigkeit gilt als ökonomische oder soziale Entwicklung, die die Folgen der Entscheidungen in der Gegenwart für die Zukunft antizipiert und sie von diesen Folgen abhängig macht. In ökonomischer Hinsicht beschreibt das Konzept der Nachhaltigkeit eine Wirtschaftsweise, Gewinne bereits sozial- und umweltverträglich zu erwirtschaften, anstatt diese erst in Umwelt- und Sozialprojekte zu reinvestieren." und Tourismus aus wirtschaftlicher, gesellschaftlicher oder politischer Sicht beleuchten. Insgesamt muss man aber leider sagen, dass nachhaltiger Tourismus ein Schönwetterthema ist – also ein Thema, über das berichtet wird, wenn gerade Platz dafür übrig ist.

Wie will Tourism Watch das ändern?

Wir erstellen alle drei Monate einen Informationsdienst im Zeitschriftenformat, der den Journalisten aktuelle Hintergrundinformationen zu Tourismus und Entwicklung liefert. Darin greifen wir aktuelle Themen auf, die die Menschen in den Urlaubsländern gerade beschäftigen. Wir sind ja ein sehr kleiner Fisch, Tourism Watch hat nur 1,75 feste Mitarbeiterstellen. Deswegen ist es für unsere Arbeit wichtig, dass wir gut vernetzt sind. Viele Artikel für das Heft liefern uns beispielsweise Partnerorganisationen oder NGOs vor Ort, mit denen wir den Kontakt halten.

Was würden Sie sich aus entwicklungspolitischer Sicht vom Reisejournalismus wünschen?

Eine differenziertere Berichterstattung. Dass Journalisten auf ihrer Pressereise nicht nur mit den Reiseveranstaltern und dem Tourismusminister sprechen, die den Tourismus als etwas rein Positives darstellen. Sondern dass sie auch mit der Bevölkerung und den lokalen NGOs Kontakt aufnehmen, die vielleicht etwas zu den Schattenseiten des Tourismus erzählen möchten. Erst dann ergibt sich ein realistisches Bild.

 

Über Tourism Watch

Tourism Watch ist die Nachfolgeorganisaton der Fachstelle Ferntourismus, die 1976 erstmals durch ein Bildungsprogramm der Evangelischen Kirche gefördert wurde. Seit vielen Jahren ist die kleine Arbeitseinheit Teil der Entwicklungsarbeit der Kirchen und seit 2012 Teil der Politikabteilung von Brot für die Welt. Die Arbeisstelle setzt sich dafür ein, dass die Belange der lokalen Bevölkerung bei der touristischen Planung stärker berücksichtigt werden. Im Mittelpunkt steht dabei die Wahrung der Menschenrechte, aktiver Kinderschutz durch die Reisewirtschaft und Klimagerechtigkeit im Tourismus. Dafür steht die Lobby- und Advocacy-Organisation im Dialog mit Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft. Mit einem vierteljährlich erscheinenden Informationsdienst liefert Tourism Watch den Redaktionen Hintergrundberichte zu aktuellen Herausforderungen der Tourismuspolitik, Entwicklungspolitik und Reisewirtschaft.

Über Antje Monshausen

Seit 2012 ist Antje Monshausen Referentin für Tourismus und Entwicklung und leitet die Arbeitsstelle Tourism Watch, bei der ihre Karriere 2008 auch begann. Zwischenzeitlich arbeitete die gebürtige Dortmunderin als entwicklungspolitische Referentin für die finanzielle Förderung international agierender NGOs. Davor studierte sie Geographie und Lateinamerikastudien in Dresden. Antje Monshausen lebt mit ihrer Familie in Berlin.