Unterwegs auf weißen Flecken

Grönland, Kaukasus oder die Wüste Tunesiens: Als Reisejournalist der F.A.Z. ist Freddy Langer immer unterwegs. Ob in die heimatliche Rhön oder in die abgelegensten und bizarrsten Landschaften der Erde spielt dabei keine Rolle. Hauptsache eine Geschichte wird erzählt.

Text: Pina-Marie Heistermann, Fotos: Björn Sasse

„Auf der Landkarte ist Grönland ein riesiger weißer Fleck“, so heißt es in Freddy Langers Reiselesebuch. Solche Flecken bereist er gerne. Er versteht sich nicht als Entdecker und Abenteurer, sondern als Aufklärer, als Experte für einen Ort, über den nur die wenigstens etwas wissen. Mit nur wenig Erfahrung begann er 1989 seine Arbeit im Reiseressort der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Welt war schon aufgeteilt. Unbekannte Orte solle er sich suchen, um zum Zuge zu kommen. Freddy Langer nahm seine Kollegen beim Wort, ging in die höchsten Bergregionen, in Landschaften jenseits der Polarkreise. Die weißen Flecken der Erde.

Seit über zwei Jahrzehnten reist, fotografiert und schreibt Freddy Langer bereits für das Reiseressort der F.A.Z.. Er stieg auf den Kilimandscharo, fuhr vier Tage mit dem Hundeschlitten durch das nördliche Lappland und zeltete auf einer Eisscholle im Polarstrom. Nie vergessen wird er seine Reise zum Nordpol. Mit einer Ski-Expedition ging es elf Tage von der russischen Eisstadion Borneo zum nördlichsten Punkt – querfeldein durch die weite, weiße arktische Landschaft. „Da kommt einem durchaus der Gedanke, man löse sich demnächst in dieser Unendlichkeit auf“, schreibt Langer in einem Bericht. „Zugleich redet man sich ein, man nehme diese gefrorene Landschaft Schritt für Schritt in Besitz – es ist ein Erlebnis, beängstigend nahe am Pathologischen.“

„Nie als Marionette gefühlt“

Als einziges Ressort der F.A.Z. ist der Reiseteil abhängig vom Anzeigenaufkommen. „Die Anzeigen gehen zurück, sind stark von der jeweiligen Saison abhängig“, erklärt Langer sachlich. Daher schwankt der Umfang des Ressorts. „Auf zehn Seiten kommen sechs bis sieben Ziele.“ Nur ein kleiner Teil der Angebote könne daher realisiert werden. Anfangs noch mit vier Journalisten, stemmen heute zwei Redakteure die Reiseberichterstattung der F.A.Z. –sowohl für die Printausgabe als auch für die Website. Täglich trifft eine Vielzahl von Einladungen verschiedener Veranstalter ein. Um die Auswahl zu erleichtern, werden die Angebote auf drei Stapel sortiert – ‚auf keinen Fall‘, ’sollte‘ und ‚könnte‘. Das Konzept müsse interessant sein, eine Geschichte zum Vorschein bringen können. „Nicht nur das Ziel ist ausschlaggebend, auch das Programm.“ Interessante Leute inbegriffen.
„Leute kennen lernen, das macht mir Spaß. Sie geben mir immer wieder neue Ansätze und Perspektiven.“ Nur um der Agentur zu gefallen, tritt Langer keine Reise an. Er setzt sich gerne ab. Macht sein eigenes Ding. Schreibt so wie er will. „Andernfalls macht man sich vielleicht bei der Agentur beliebt. Aber nicht bei der eigenen Zeitung“, so der gebürtige Frankfurter. „Ich habe mich nie als Marionette gefühlt.“

Freddy Langer versucht Farbe in die vielen weißen Flecken zu bringen. Dabei geht es ihm nicht nur darum, etwas vom Land zu sehen, sondern auch, sich auf die Menschen einzulassen. „Wenn man nicht ein gutes Gespräch am Tag geführt oder gehört hat, dann stimmt etwas nicht. Und manchmal muss man auch ein Gespräch herauskitzeln“, sagt Langer schmunzelnd. Serviceorientierten Reisejournalismus lehnt er ab. Er möchte Geschichten erzählen. Der Leser soll nach der Lektüre das Gefühl haben, ‚So, jetzt war ich da.‘

Dabei komme es nicht nur darauf an, etwas zu beschreiben, wie es ist, sondern warum es so ist, wie es ist. „Für eine gute Reisegeschichte muss man nicht viel investieren, außer Zeit und Grips“, meint Langer. Grips vor allem dafür, die richtige Herangehensweise an die Geschichte zu finden: Eine Metaebene, die das Wesen des Ortes und der Menschen beschreibt. Diese kann geografischer, politischer, kultureller oder touristischer Natur sein. Interesse zeigen, begeisterungsfähig sein und mit gewissen Vorkenntnissen anreisen seien Voraussetzungen.

Auch Deutschland hat weiße Flecken

Unterwegs sein, das ist Freddy Langers Passion. „Aufbrechen. Ausbrechen. Grenzen überschreiten. Nichts anderes bedeutet ‚reisen‘ in seinem buchstäblichen Sinn“, so der Journalist. Ist er selbst auf der Suche nach einem neuen Abenteuer, einer neuen Geschichte, dann geht er auch mal den einfachen Weg: „Ich Suche mir auch mal Ziele aus, indem ich mit dem Finger auf die Karte tippe.“

Doch es muss nicht immer das Extreme sein. Auch Deutschland bietet viel Unbekanntes. Unterwegs auf dem Jean-Paul-Weg im Fichtelgebirge, auf den Spuren Georg Büchners von Gießen nach Offenbach oder das nordfriesische Dorf ‚Welt‘ umrundend – in der eigenen Heimat hat Langer manches Abenteuer erlebt. „Wir hatten das Dorf einmal umrundet oder besser: umrunden wollen, immer wieder jedoch landeten wir vor irgendwelchen Entwässerungskanälen,“ schreibt er in seinem Artikel über die sonderbare Weltumrundung. „Aber die Hindernisse hatten uns den Spaß an unserer Expedition ebenso wenig nehmen können wie der Wind, der von der Nordsee her so heftig über das Land blies, dass er bei unserem Picknick zwischen Kühen und Schilf die Wurstscheiben vom Brötchen hob.“

„Wie wenig Eisberg verträgt ein Mensch?“

Doch immer wieder zieht es ihn in die Ferne. Und in die Kälte. In den Norden. Besonders angetan hat es ihm der weiße Fleck Grönland. „Die Arktis, Grönland – das ist ein besonderer Ort“. Wenn Freddy Langer von diesem Ort erzählt, dann strahlen seine Augen. Die Leidenschaft ist deutlich zu spüren. Einmal das Inlandeis zu überqueren, das ist sein größter Traum.
Ein Land zu bereisen, seine Menschen kennenzulernen, die Kultur zu verstehen – das heißt auch nachzudenken und Probleme zu erkennen. „Oft fragt man sich später: Was ist eigentlich daraus geworden“, sagt Freddy Langer ruhig. Hier setzt für den Reisejournalisten auch die Verantwortung seines Berufsfeldes an: „Man muss nicht alles unterstützen, kann dem Tourismus auch Einhalt gebieten. Dabei müssen natürlich auch Probleme erwähnt werden.“ Gerade in Grönland ist der Klimawandel allgegenwärtig. Erhöhte Temperaturen haben in den vergangenen Jahren die Landschaft stark verändert. „Wie wenig Eisberg verträgt ein Mensch?“, fragt sich Langer. Kurz hält er inne. Er wirkt nachdenklich. „Ich war schon lange nicht mehr in der Arktis. Die Bilder sind erschreckend.“ Allein um die Veränderungen zu sehen und begreifen zu können, will er wieder zurückkehren.

Freddy Langer hat noch zehn Jahre als Reisejournalist vor sich – jedenfalls nach seiner Prognose. Für ihn machen das zehn Reisen im Jahr. Also Hundert, die ihm noch bevorstehen. Dass eine in die Arktis führen wird, ist sicher. Vielleicht führt ihn das nächste Abenteuer sogar zu einem neuen weißen Fleck: Zum Inlandeis Grönlands.

Fotos: Björn Sasse

FAZ Journalist Freddy Langer

FAZ Journalist Freddy Langer

Freddy Langer wurde am 19.12.1957 in Frankfurt geboren. Er studierte Amerikanistik, Anglistik sowie Film-und Fernsehwissenschaften. Bereits während seines Studiums arbeitete er für die Frankfurter Allgemeine Zeitung für das Feuilleton sowie das Magazin. Seit 01.09.1989 arbeitet er für das Reiseblatt der F.A.Z., dessen Leitung er 2002 übernahm. Zudem ist er im Feuilleton für Fotografie zuständig. Neben seiner Tätigkeit als Journalist schreibt Freddy Langer Bücher über Amerika, Grönland, die Sahara oder fotografiert Prominente mit Schlafbrille. Im Mai 1981 schoss er das erste Foto, damals noch mit einem Freund als Motiv. Seitdem hat er über 450 Prominente vor die Linse bekommen.

 

 

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Reiseberichte:

Kalifornien – Ein Reiselesebuch (1988)
So weit, so gut – Unterwegs in sechs Kontinenten (1998)
Australien – Ein Reiselesebuch (2008)
Grönland – Ein Reiselesebuch (2008)
Südsee – Ein Reiselesebuch (2008)
Sahara – Ein Reiselesebuch (2009)
Alles zu Fuß – Aufbrechen. Grenzen überschreiten. Ein Reiselesebuch (2009)
Grand Canyon und Las Vegas – Ein Reiselesebuch (2010)
Weitergehen – Auf berühmten Wegen und wunderlichen Pfaden. Ein Reiselesebuch (2012)

Weitere:

Schlafbrillen (2006)
Frauen, die wir liebten – Filmdiven und ihre heimlichen Verehrer (2008)
Blind Date – 40 Schriftsteller inkognito (2010)