„Politiker haben bereits zukünftige Berichterstattung im Kopf“ Bericht von Livia Valensise und Mathias Tertilt

Die Kommunikationswissenschaftlerin Nayla Fawzi hat den Einfluss der Medien auf die deutsche Energiepolitik nach Fukushima untersucht. Sie fand heraus: Politiker sind trotz hohem Konfliktpotential auf Journalisten angewiesen.

Wissenschaflerin Nawla Fawzi hat den Einfluss der Medien auf die Politik untersucht.

Wissenschaflerin Nayla Fawzi hat den Einfluss der Medien auf die Politik untersucht.

Nayla Fawzi forschte im März 2011 schon seit über einem Jahr an ihrer Promotion zum Thema „Medialisierung der Energiepolitik aus Sicht von politischen Akteuren und Journalisten“ als es im japanischen Fukushima zur Nuklearkatastrophe kam. „Ich habe überlegt, ob ich meine Befragung verschiebe, weil ich Angst hatte, aufgrund von Fukushima könnten die Ergebnisse beeinflusst werden. Es fand eine verzerrte Wahrnehmung statt und Energiepolitik war in den Medien das Thema“, erklärt Fawzi im Interview.

Ihre Dissertation beschäftigte sich schließlich mit der Frage: „Machen Medien Politik?“ Dafür befragte sie 338 Politiker, NGO-Mitarbeiter, Wissenschaftler und Journalisten zum Einfluss der Medien auf politische Entscheidungsprozesse.  Wegen der gesamtgesellschaftlichen Relevanz lag das Thema Energiepolitik auf der Hand.  „Im Endeffekt haben dadurch, dass die Energiepolitik durch Fukushima so aktuell war, sehr Viele bei der Befragung mitgemacht“, sagt Fawzi.

Konflikte zwischen Medien und Politik

Während viele deutsche Medien und Bürger im Frühling 2011 einen sofortigen Atomausstieg forderten, gerieten Politiker unter Druck. Ein Spannungsszenario, das für das Zusammenspiel von Medien und Politik beispielhaft ist. Denn Journalisten und Politiker folgen in ihren Arbeitsweisen sehr unterschiedlichen Logiken, schreibt Fawzi in ihrer Dissertation – und das führt oftmals zu Konflikten: „Politiker folgen dem Muster langer Prozesszeiten, komplexer Themen und Konsensentscheidungen“, sagt Fawzi, „Die Medien scheinen eine genau gegenteilige Herangehensweise zu haben: Kurze Zeiten, Themen vereinfachen, alles auf Gewinner und Verlierer zuspitzen.“

Trotz dieser Unterschiede sind Politiker und Journalisten aufeinander angewiesen: „Die Situation Politik ohne Medien gibt es nicht“, erklärt Fawzi. „Meine Befragung brachte zum Vorschein, dass die politische Elite die Medien strategisch einsetzt, um miteinander zu kommunizieren.“ Dabei gaben einige Politiker zu, dass sie Argumente überspitzt darstellten, weil sie wüssten, dass sie dann erfolgreicher seien.

Am meisten überraschte Fawzi aber folgendes Ergebnis: „Dass die Medien auch auf nicht-öffentliche Momente des politischen Prozesses Einfluss haben, ist neu. Ein Grund dafür könnte sein, dass Politiker selbst bei Verhandlungen im geschlossenen Raum schon die zukünftige Berichterstattung im Kopf haben.“

Gut oder schlecht?

Verschlechtern Journalisten also die Qualität politischer Prozesse, indem sie verfrüht die Schlagzeile für den Folgetag fordern? „Es hat auf jeden Fall einen negativen Effekt auf das Verhandlungsklima, wenn Politiker bei nicht-öffentlichen Verhandlungen wissen, dass die Medien draußen darüber berichten“, sagt Fawzi. Andererseits führe die starke Berichterstattung auch dazu, dass der Atomausstieg in der deutschen Öffentlichkeit so lange Thema gewesen sei. Es gab also auch einen „positiven Effekt“.