Goldenes Licht bei Minus 38 Grad

Schon elf Mal war sie am Nordpol, im Sommer 2013 hat sie auf Skiern Grönland durchquert – und immer wieder zieht es sie nach ganz oben auf dem Globus. Was sie mit der Arktis verbindet – und wie sie sie schützen will, darüber sprach mit uns die Journalistin Birgit Lutz. Die Liebe einer Frau zu einer der beeindruckendsten Gegenden der Welt.

Von Kristin Weiß und Bianca Eberle

Ihre Liebe zur Arktis, die Birgit Lutz dazu motiviert, die einzigartige Weite des Nordens schützen zu wollen, begann, als sie während einer Journalistenreise auf dem russischen Atomeisbrecher Yamal 2007 zum ersten Mal das ewige Eis sah: „Es war neblig und es erschienen zunächst nur ein paar Schollen, dann immer mehr in diesem tiefschwarzen Wasser. Als die Sonne aufging und die Landschaft in ein goldenes Licht tauchte, war es um mich geschehen.“ Sie erzählt weiter mit strahlenden Augen und einer sanften Stimme: „Wundervolles Licht und die Stille, das ist es, was die Arktis für mich so besonders macht.“

Reisejournalistin Birgit Lutz

Reisejournalistin Birgit Lutz (Bild: Björn Sasse)

Da wundert es nicht, wenn Birgit Lutz davon spricht, dass sie bereits bei ihrer ersten Reise vom ‚arktischen Virus‘ gepackt wurde. Der Virus, der sie immer wieder ins Eis gehen lässt, der dafür sorgt, dass sie zuhause täglich mehrere Stunden trainiert und ihr Essen abwiegt, um auf Touren fit zu sein, der Virus, der bedeutet, dass der Norden für sie niemals langweilig wird und sie eigentlich gar nicht mehr weiß, wie ihr Leben war ohne das Eis. Birgit Lutz schreibt von all diesen Szenen in ihrem Buch, das sie 2012 publizierte: Unterwegs mit wilden Kerlen. Darin beschreibt sie tagebuchähnlich von ihrer Fußwanderung zum Nordpol. Einerseits emotional, wenn sie von ihren Erfahrungen erzählt, andererseits sachlich, wenn sie über den Lebensraum Arktis berichtet: „Wer im arktischen Eis immer nur die kalte Wüste sieht, dem wird sich diese Welt nie öffnen.“

Nicht nur in westlichen Maßstäben denken

Der Lebensraum Arktis, der für viele Tiere und Pflanzen sowie für die Inuit Heimat ist, wird aufgrund großer Mengen an Plastikmüll, die aus dem Süden heran getrieben werden und sich an den Küsten der Inseln sammeln, dem Schmelzen des Eises aufgrund des Klimawandels und ungeregelten Ankünften von Touristen und Expeditionsteams zum „bedrohten Kontinent“. „obwohl die Arktis kein Kontinent im eigentlichen Sinne ist“, sagt Lutz, „denn sie hat sieben Anrainerstaaten, die sich auf gemeinsame Richtlinien einigen und sich gemeinsam stark machen müssten,“ Sie verdeutlicht, dass „für die Arktis der Schutz des Einzelnen nicht ausreicht. Man müsste mehr dafür tun“.

Auf die Frage, was man also tun könnte, hat Birgit Lutz eine eindeutige Antwort: „Die Arktis bräuchte einen Arktisvertrag, der ähnlich wie bei dem bereits bestehenden Antarktisvertrag das Verbot des Rohstoffabbaus beinhaltet und die Reisen in die Arktis regeln sollte, was momentan eine Illusion ist. Man darf vor allem nicht nur mit unseren westlichen Maßstäben an so ein Thema rangehen.“

Die Inuit, die Bewohner der nördlichsten Gebiete der Erde, haben dies zu spüren bekommen. Innerhalb der letzten Jahrzehnte wurden sie mit dem wachsenden Tourismus vom Jagdvolk zum Dienstleister gedrängt: „Den Inuit wurden unsere europäischen Ansichten übergestülpt, sie kamen in nur einer Generation vom Iglu ins Internet. Die Folgen sind Alkoholmissbrauch, hohe Selbstmordraten und totale Entwurzelung.“ Birgit Lutz spricht energischer. „Man muss verdeutlichen, dass die Arktis nicht so weit weg ist von uns, wie es scheint.“

„Die Arktis holt alles aus dir heraus“

Birgit Lutz: Unterwegs mit wilden Kerlen © btb-Verlag

Birgit Lutz: Unterwegs mit wilden Kerlen © btb-Verlag

Über die Arktis könnte Lutz stundenlang schwärmen: „Dort herrscht eine andere Kälte, ein anderes Licht, es ist einfach alles so wunderschön.“ Dabei hat die Arktis Birgit Lutz sich nicht immer nur von ihrer schönen Seite gezeigt. Etliche Male musste sie im totalen Whiteout gehen, der Moment in der Arktis, wenn im Schneesturm alle Konturen, Schatten und der Horizont verschwinden und nur eine weiße Wand zurück lässt. Sie musste Winde erleben, die zusammen mit der Kälte die Temperatur auf weit unter minus 50 Grad brachten und dabei „den Willen fast auffressen“, und wurde aufgrund des Eisdrifts immer wieder Kilometer weit abgetrieben vom eigentlichen Ziel, dem Nordpol.

„Die Arktis holt alles aus dir heraus. Aber so viel sie dir nimmt, so viel gibt sie dir auch.“ Letztendlich hat sie bei ihrer ersten Polwanderung den nördlichsten Punkt des Globus nach zwölf Tagen und circa 180km erreicht, wobei sie und ihre beiden Kameraden „nur“ rund 100 Kilometer entfernt vom Nordpol abgesetzt worden waren. Eine Tortur auf driftendem, teils brechendem Eis, mit mehr als 100 Kilo schwerem Schlitten, den die zierliche Frau zog. Und trotzdem steht für sie fest: „Ich würde es immer wieder tun!“

Im Frühjahr 2014 erscheint ein Buch von Birgit Lutz über eine Expedition, bei der sie 2013 560km von West- nach Ostgrönland wanderte. Danach zieht es die ‚Poliarnitsa‘ – „so werden im Russischen die Frauen genannt, die sich aufmachen zum Pol,“ – zurück in den kalten Norden, nämlich mit den Skiern durch die Finnmark, der nordöstlichsten Region Norwegens.

Birgit Lutz lächelt: „Manche Momente möchte man konservieren, für immer. Man möchte sie in einen Schrank legen und ab und zu wieder herausholen, wieder genau das Gleiche fühlen, genau das Gleiche sehen, genau das Gleiche hören.“ Und diese Momente, diese Gefühle sind es wohl, die den arktischen Virus speisen.

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Über Birgit Lutz:

Die 1974 in Neumarkt in der Oberpfalz geborene heutige Journalistin und Buchautorin, studierte zunächst Germanistik und Journalistik in Bamberg und Rom, ehe sie als Redakteurin zu süddeutsche.de kam. Seit dem erhielt sie zahlreiche Journalistenpreise, unter anderem den myself-Liebling-Award in der Kategorie „Entdecken“. Seit 2007 spezialisierte sie sich auf den nördlichen Lebensraum und unternahm, neben einem Circumpolarstudies Studium an der University of the Arctic in Kanada, 19 Reisen in die Arktis und eine in die Antarktis. Neben ihrer eigentlichen Tätigkeit als Journalistin und Autorin, hält sie regelmäßig Vorträge über das Ökosystem, die Geschichte und Abenteuer in der Arktis als Expeditionsmitglied auf Schiffen.

Bibliographische Angaben zum Buch:

Lutz, Birgit: Unterwegs mit wilden Kerlen. Eine Frau erobert die Arktis. München: btb Verlag 2012.

Link zum Buch: http://www.amazon.de/Unterwegs-mit-wilden-Kerlen-erobert/dp/3442753406

Link um Studiengang: http://www.uarctic.org/SingleArticle.aspx?m=39&amid=5193

Link zu ihrer Webseite: http://www.birgit-lutz.de/