Bewusster in die Ferne

Jedes Jahr locken neue bunte Kataloge mit Last-Minute-Angeboten zu Billigpreisen Touristen in den Urlaub. Doch unüberlegtes Reisefieber hat Folgen: Umweltschäden, Monopole und schlechte Löhne. Reiseexperten geben Empfehlungen für nachhaltigeren Tourismus

Von Marija Ustinova

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Foto: Caroline von Eichhorn

Die öffentliche Podiumsdiskussion der Bildkorrekturen 2013 fand am Donnerstag, den 29.11.2013 statt. Diskussionsteilnehmer waren Anita Cristina Escher Echeverría, Botschafterin der Republik El Salvador in Deutschland, Petra Thomas, Mitarbeiterin des „forum anders reisen“ (einem Verbund von 130 hauptsächlich deutschen Reiseveranstaltern, die sich dem nachhaltigen Tourismus verschrieben haben), Antje Monshausen von „Tourism Watch“ und „Brot für die Welt“ sowie Jochen Temsch, Journalist und Leiter der Reiseredaktion der Süddeutschen Zeitung. Die Moderation der Diskussion übernahm Jutta Prediger vom Bayerischen Rundfunk.

Eingeleitet wurde die Podiumsdiskussion mit einem Beitrag des Radiosenders Bayern 2, der sowohl Hintergründe als auch Zahlen und Fakten über die deutschen Touristen und deren Destinationen lieferte. 2012 ging der Trend in Richtung Fernreisen. Diese konnten einen Zuwachs von vier bis fünf Prozent verzeichnen, während in Deutschland allein in diesem Segment für das Jahr 2013 mit einem neuen Umsatzrekord von 25 Milliarden Euro gerechnet werden darf.

El Salvador setzt auf „Pueblos Vivos“

Zunächst wurde über die Notwendigkeit für die wirtschaftliche Entwicklung El Salvadors, den Tourismussektor auszubauen, gesprochen. Das vorherrschende Bild des mittelamerikanischen Landes werde hauptsächlich durch Berichte über den Bürgerkrieg, der dort bis in die 1990er Jahre herrschte, Bandenauseinandersetzungen, Drogen, Kriminalität und Waffen beherrscht, so die Diskutanten.

Auf die Frage der Moderatorin, was Touristen in El Salvador ansehen sollten, lenkte Petra Thomas die Aufmerksamkeit auf eine Förderinitiative der Dorfgemeinschaften. Die sogenannten „Pueblos Vivos“ sind lebendige Dörfer, die sich zusammen geschlossen haben, um Touristen zu beherbergen und Einblicke in den Alltag der Landbevölkerung zu ermöglichen. Thomas erläuterte die Möglichkeit, dadurch als Tourist in die Alltagskultur einzutauchen sowie das Land und die lokale Bevölkerung kennen zu lernen und zu unterstützen. Es sei notwendig für die Zufriedenheit beider Seiten, die Menschen, die im Tourismus arbeiten, von Beginn an in Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Da solche Begegnungen mit den Menschen eines fremden Landes authentisch seien, besitze dieses Konzept der lebendigen Dörfer großes touristisches Potenzial.

Trend zu Fernreisen belastet die Umwelt

IMG_1222Auch Antje Monshausen, Expertin für eine kritische Auseinandersetzung mit Tourismus, schloss sich dem an. Die Partizipation der lokalen Bevölkerung sei einer der wichtigsten Faktoren für nachhaltigen Tourismus. Lange Aufenthalte und die Auseinandersetzung mit den Menschen, mit deren Sprache und Kultur intensivierten den Tourismus einerseits. Fernreisen stellten meistens weite Flugreisen dar und belasteten die Umwelt, daher seien längere Aufenthalte und selteneres Reisen wesentliche Elemente eines nachhaltigeren Tourismus.

Der Trend zu nachhaltigeren Tourismusinitiativen ist in Südamerika nicht nur auf El Salvador beschränkt, wie Petra Thomas erklärte. Strandaufenthalte würden vielfach um Landeskultur-Reisen ergänzt, einer Kombination aus Besichtigungen von historischen Monumenten entlang der Maja-Route und Begegnungen mit der Landbevölkerung.

Auf NachhaltigkeitNachhaltigkeit gilt als ökonomische oder soziale Entwicklung, die die Folgen der Entscheidungen in der Gegenwart für die Zukunft antizipiert und sie von diesen Folgen abhängig macht. In ökonomischer Hinsicht beschreibt das Konzept der Nachhaltigkeit eine Wirtschaftsweise, Gewinne bereits sozial- und umweltverträglich zu erwirtschaften, anstatt diese erst in Umwelt- und Sozialprojekte zu reinvestieren."ssiegel achten

Derartiges wird von „forum anders reisen“ unterstützt. Das Ziel, so Thomas, sei nachhaltiger Tourismus, worunter eine besonders umweltschonende und naturverträgliche Art zu reisen zu verstehen sei. Nachhaltiges Reisen sei jedoch nicht gleichzusetzen mit Individualtourismus. Wichtig seien die kritische Auseinandersetzung mit Land, Kultur und Menschen sowie die gleichmäßige Unterstützung lokaler Dienstleister. Dies alles umzusetzen brauche Zeit, erläuterte Antje Monshausen, weshalb sie eine Mindestreisedauer von drei Wochen empfiehlt.

Um nachhaltigen Tourismus zu fördern, müsse man umfassende und kritische Hintergrundinformationen liefern, erklärte Jochen Temsch. Die Wahrnehmung des Reisens würde sich, so der Leiter der Reiseredaktion der Süddeutschen Zeitung, gerade in Richtung NachhaltigkeitNachhaltigkeit gilt als ökonomische oder soziale Entwicklung, die die Folgen der Entscheidungen in der Gegenwart für die Zukunft antizipiert und sie von diesen Folgen abhängig macht. In ökonomischer Hinsicht beschreibt das Konzept der Nachhaltigkeit eine Wirtschaftsweise, Gewinne bereits sozial- und umweltverträglich zu erwirtschaften, anstatt diese erst in Umwelt- und Sozialprojekte zu reinvestieren." verändern, ähnlich dem zunehmenden Bewusstsein für ökologisch korrekt angebaute Lebensmittel. Auch wissenschaftliche Studien zeigten, dass 40 Prozent der Urlauber gerne nachhaltiger verreisen würden, wobei Temsch darauf verwies, dass weitaus weniger Menschen im Alltag bereit seien, auch mehr Geld zu zahlen. Im Verlauf der Diskussion riet er, sich im Vorfeld gründlich bei den Reiseanbietern über ökonomische und ökologische Hintergründe der Organisation vor Ort und im zu bereisenden Land zu erkundigen und mehr Wert darauf zu legen, dass Angestellten faire Löhne gezahlt werden. Außerdem solle man auf transparent arbeitende Anbieter sowie Siegeln zur NachhaltigkeitNachhaltigkeit gilt als ökonomische oder soziale Entwicklung, die die Folgen der Entscheidungen in der Gegenwart für die Zukunft antizipiert und sie von diesen Folgen abhängig macht. In ökonomischer Hinsicht beschreibt das Konzept der Nachhaltigkeit eine Wirtschaftsweise, Gewinne bereits sozial- und umweltverträglich zu erwirtschaften, anstatt diese erst in Umwelt- und Sozialprojekte zu reinvestieren." und Ökologie achten.

Lieber in der Nähe Urlaub machen

IMG_1179Zwar ist für viele Fernreiseziele wie El Salvador, kein Visum nötig, doch rät Antje Monshausen davon ab, kurzentschlossen und schlecht vorbereitet aufzubrechen, da dies die Qualität des Reisens erheblich mindere. Auch wenn nachhaltiges Reisen teurer sei, kämen die Touristen auf ihre Kosten. Für kurzfristigen Urlaub empfahl Monshausen, Reiseziele im näheren Umfeld.

Die Podiumsdiskussion beleuchtete viele Aspekte des Tourismus, negative wie positive. Der Fokus der Teilnehmer lag jedoch auf dem Entwicklungspotential, das ein Land in ökonomischer, ökologischer und sozialer Hinsicht durch einen bewussteren und nachhaltigeren Reisestil der Touristen ausschöpfen kann.