Energiewende in Deutschland: Ein Jahrhundertprojekt? Ein Gespräch mit Dr. Peter Stuckenberger, Vice President Energy Policy bei Siemens Energy

Sicher, sauber und bezahlbar soll die Energiewende sein. Es scheint, dass Konzerne wie die Siemens AG nicht weniger als mit der Quadratur des Kreises konfrontiert sind. Welche Probleme bestehen und wie können sie überwunden werden? Ein Gespräch mit Dr. Peter Stuckenberger, Vice President Energy Policy bei Siemens Energy.

Klimaschutz ist eines der größten Themen unserer Zeit und Deutschland fungiert als Vorreiter. Wie möchte Siemens daran partizipieren?

Siemens hat bereits ein grünes Portfolio, das Technologien beinhaltet, die erheblich zum Umwelt- und Klimaschutz beitragen. Für den Klimaschutz brauchen wir erneuerbare Energien. Siemens Windturbinen, Dampfturbinen für BiogasBiogas ist eine erneuerbare Energiequelle, die aus lokalen Ressourcen produziert wird. Es entsteht unter Sauerstoffabschluss (anaerob) durch die mikrobiologische Zersetzung von organischen Materialien, die Proteine, Fette oder Kohlenhydrate enthalten. Biogas ist ein brennbares, grundsätzlich nicht giftiges Gas, mit einem Methangehalt zwischen 50 und 75 Prozent. Weitere Bestandteile sind Kohlenstoffdioxid (25 bis 45 Prozent), Wasserdampf (zwei bis sieben Prozent), Sauerstoff und Stickstoff (jeweils unter zwei Prozent), sowie Ammoniak, Wasserstoff und Schwefelwasserstoff (jeweils unter ein Prozent). Biogas kann in Elektro- und Wärmeenergie umgewandelt werden. und Biowertstoffverbrennung, Netztechnik, etc. Unsere hocheffizienten Gaskraftwerke sorgen für zuverlässige Stromversorgung, wenn Wind- und Solarstrom nicht ausreichend zur Verfügung stehen. Auch für diesen Fall entwickeln wir zudem den Lang- und Kurzzeitspeicher weiter.

Klingt als wäre die Energiewende technisch unproblematisch machbar. Aber wie steht es um die Rahmenbedingungen?

Auf politischer Ebene wurde mit der Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes der erste Schritt gemacht. Jetzt geht es darum, ein stabiles Marktfundament für die Zeit nach der Kernkraft zu schaffen. Dafür muss man heute bereits die Weichen stellen, etwa, indem man den Energiespeicher von Lasten befreit, die er im Moment noch hat. Zum Beispiel zahlt ein Verbraucher heute den vollen Betrag der EEGDas EEG trat 2000 in Kraft und zielt auf die Förderung der Erzeugung erneuerbarer Energien, wie Windkraft, Wasserkraft und Solarenergie ab. Das erklärte Ziel ist ein Anteil von 80% Erneuerbarer Energien an der Stromversorgung im Jahr 2050.-Umlage beim „Einspeichern“, obwohl er im Netz bei Frequenzschwankungen einspringt und damit eine Systemdienstleistung erbringt. Wenn die systemrelevanten Anlagen also nicht nur nicht gefördert, sondern auch noch mit vollen Abgaben „bestraft“ werden, ist das nicht zukunftsträchtig. Außerdem zahlen wir nichts bis viel zu wenig für eine Tonne CO2. Das europäische Emmissionshandelsgesetz kann nach heutigem Design den fundamentalen Wandel hin zu CO2-armen Technologien nicht herbeiführen.

  • „Innerhalb von 100 Jahren hat der Mensch den ersten Flug aus eigener Hand geschafft und ist auf dem Mond gelandet.“

Sie haben innovative Konzepte, aber Ihnen sind politisch die Hände gebunden?

Technisch ist die Energiewende kein Problem mehr. Aber es stellt sich die Frage, ob es nur die Politik ist, die den Umbau des Systems verzögert, oder ob nicht auch der Markt einfach auf Investitionen verzichtet, solange es geht. Ein Beispiel aus dem Bereich der Energieeffizienz ist die Energiesparlampe. Sie ist zwar kostspieliger als eine Glühbirne, hält aber beträchtlich länger. Die gedankliche Leistung dahinter: Sie ist nach einer Zeitspanne abbezahlt und rentiert sich darüber hinaus. Auf industrielle Ebene gehoben gilt das gleiche. Man muss investieren. Nach einigen Jahren hat es sich amortisiert und man fährt auf einer kostengünstigeren Spur.

Wieso machen noch zu wenige mit? Sind die Bürger uninformiert, ist hier der Journalismus gefragt?

Zum einen geht es ja um Großinvestitionen. Hier herrschen eigene Markt- und Kommunikationsgesetze. Aber in der Tat: Ich befürchte, dass der Journalismus vom Interesse der Menschen gesteuert wird. Über bestimmte Themen, wie zum Beispiel Effizienz wird wenig berichtet, weil es die Leser wenig interessieren könnte. Da würde ich mir mehr Mut von Journalisten wünschen.

Welche Chancen sehen Sie für Siemens ganz konkret in Bezug auf die Energiewende?

Die Energiewende kann bestimmte Geschäfte und Märkte ins Positive wie ins Negative drehen. Der Gasturbinenmarkt wird durch den günstigen Anteil an Kohlestrom ans Aus gedrängt, während wir auf der anderen Seite feststellen, dass wir bei der Windenergie die Kosten durch den starken Zubau nach unten skalieren konnten. Das wirkt sich auf unsere globale Angebotssituation aus. Für Siemens ist die Energiewende eine Chance, wir lernen aber auch, dass sich Dinge gegen unser Portfolio verändern können. Gerade die Frage nach der Netzführung, Stichwort smart gridEin intelligentes Stromnetz mit kommunikativen Vernetzung. Durch diese Vernetzung können die miteinander verbundenen Teile optimiert und überwacht werden. Ziel ist es, eine effiziente und zuverlässige Energieversorgung zu gewährleisten., wird in Deutschland eine entscheidende sein.

Dr. Peter Stuckenberger und Maleen Bösenberg. Foto: Anna Schaller

Dr. Peter Stuckenberger und Maleen Bösenberg. Foto: Anna Schaller

Da regenerative Energien nicht immer gleich zur Verfügung stehen, besteht der Bedarf der Energiespeicherung. Wie geht Siemens mit diesem Problem um?

Beim Speicher haben wir im Moment aufgrund der geringen Zahl an Projekten ungleich höhere Kosten im Vergleich zu etablierten Stromerzeugungsarten. Die Herausforderung wird sein, den Speicher wirtschaftlich zu machen.

Wenn im Jahr 2022 das letzte Kernkraftwerk abgeschaltet wird und wir nach wie vor Speicherprobleme haben, entsteht dann eine Deckungslücke?

Ja, wir werden vermutlich regional zumindest in bestimmten Jahreszeiten Engpässe bekommen. Eine Lösung wäre es, Reservekraftwerke vorzuhalten, die im Betrieb gehalten werden, damit sie gegebenenfalls kurzfristig anspringen. Oder man geht von vornherein über Kapazitätsmärkte und zahlt für bestimmte Mengen Gas, Wind- und Sonnenenergie eine Prämie.

Wie können Engpässe vermieden und Versorgungssicherheit gewährleistet werden?

Wir werden in den nächsten Jahren einen großen Anteil an erneuerbaren Energien zubauen, was zu teils erheblichen Stromüberschüssen führt. Eine relativ günstige Speicherlösung wäre dann zum Beispiel ein Warmwasserspeicher.

Alle wollen die Energiewende, aber keine neuen Stromtrassen. Aktuell wehren sich in Bayern Bürgerinitiativen und Herr Seehofer vehement dagegen. Kommen da Probleme auf das Energiesystem zu?

Ja, denn wir bekommen eine systemische Schieflage. Die Trassen sollen nicht gebaut werden damit Investoren von großen Netzbetreibern daran Geld verdienen, sondern sie haben eine systemische Notwendigkeit. Wir haben ein Überangebot an Windstrom abends und nachts im Norden und an Sonnenergie beispielsweise an vielen Frühjahrstagen in Bayern. Ein Ausgleich zwischen Norden und Süden funktioniert nur über Stromtrassen. Natürlich funktioniert es auch trassenfrei, aber dann muss das zentralisierte Energiesystem von Deutschland innerhalb kürzester Zeit umgewandelt werden. Davon sind wir noch weitentfernt. Und so lange wird man bei einem Überangebot die Windturbinen aus dem Wind drehen und abschalten, denn wohin mit dem Strom? Und in Bayern müsste man dann im umgekehrten Fall einen Ersatz schaffen. Dann wird es aber teurer für die Bayern als für die Norddeutschen. Um so etwas zu erklären kommen nun Journalisten ins Spiel.

In wie fern?

Ich würde mir wünschen, dass sich Journalisten mit uns unterhalten, von uns kritisch Aufklärung einfordern. Und kritisch bedeutet, sich auch noch andere Quellen zu suchen, Wissenschaftler oder NGO’s. Aber da muss man halt Arbeit und Zeit investieren.

Dr. Peter Stuckenberger

Dr. Peter Stuckenberger
Peter Stuckenberger ist 45 Jahre alt. Er hat in Erlangen Kunst- und Buchwissenschaften studiert und in Architektur promoviert. Seit 13 Jahren arbeitet er nun bei Siemens. 2001-2003 war er Vorstandsredenschreiber von Heinrich von Pierer sowie danach in unterschiedlichen Geschäftgebieten mit dem Schwerpunkt Energietechnik tätig.
Auch in seiner Freizeit beschäftigt er sich viel mit den Themen der Zukunftsforschung und NachhaltigkeitNachhaltigkeit gilt als ökonomische oder soziale Entwicklung, die die Folgen der Entscheidungen in der Gegenwart für die Zukunft antizipiert und sie von diesen Folgen abhängig macht. In ökonomischer Hinsicht beschreibt das Konzept der Nachhaltigkeit eine Wirtschaftsweise, Gewinne bereits sozial- und umweltverträglich zu erwirtschaften, anstatt diese erst in Umwelt- und Sozialprojekte zu reinvestieren.". Darüber hinaus macht er gerne Musik. Die Jazzmusik ist für ihn ein ein guter Rückzugsort für die Seele.