Oh wie nah ist Temelín: Atomstrom in Tschechien

Während in Deutschland und Österreich Anti-Atom Konsens ist, bleiben Atomkraftwerke in Tschechien unantastbar. Beobachtungen über unser Nachbarland.

Drei Nachbarn – drei Positionen

März 2011. In Japan kämpfen die Fukushima-Betreiber gerade um ihre Atomreaktoren, während meine Erasmus-Freunde und ich in Finnland zum gemeinsamen Saunagang antreten. Das Unglück ist auch unser Gesprächsthema. Michi aus Wien ist stolz, dass die Österreicher, die „sonst ja die deppertsten Sachen mitmachen“ nie in das Atomgeschäft eingestiegen sind. Die neusten Ereignisse haben den Anti-Atomkraft-Demonstrationen in seinem Heimatland neuen Aufschwung gegeben. Vor allem das Atomkraftwerk Temelín hinter der tschechischen Grenze lässt sie über den Nachbarn fluchen. Immerhin auf die Deutschen ist noch verlass, die planen in diesem Moment schon die Energierevolution. Über so viel Ökostrombegeisterung kann Petr aus Prag nur lachen – es sei ja auch leicht, keinen Atomstrom zu produzieren, wenn man wie die Österreicher zwei Drittel seiner Energie importiere*, „den schlimmen tschechischen Atomstrom natürlich auch“.

Tschechien: Verfechter der Atomenergie?

Vier Jahre später sind wir längst wieder in unseren Heimatländern. An der tschechischen Überzeugung scheint sich nichts geändert zu haben: Man setzt auf Atomenergie, die etwa ein Drittel des Strommixes im Land ausmacht. Interessiert es denn überhaupt nicht, was die deutschsprachigen Nachbarn in Sachen Energie so vehement verfechten? Dr. Herbert Barthel, Referent des Bund Naturschutz in Bayern, zeigt sich langfristig zuversichtlich: „Die Tschechen schauen sehr interessiert nach Bayern herüber. Für die Zukunft wird sich Tschechien am Modell Energiewende orientieren“. Es seien aber nur wenige, die heute in Tschechien an einen Atomausstieg denken.

Österreich sponsert den Widerstand

Das ärgert die Österreicher so sehr, dass sie Anti-Atomkraft-Verbände in Tschechien mit eigenen Steuergeldern subventionieren. Bisher, wie es scheint, ohne Erfolg. Oder doch nicht? Der AKW-Betreiber ČEZ musste Anfang des Jahres verkünden, dass man Temelín jetzt doch nicht ausbauen werde, weil die tschechische Regierung einen garantierten Abnahmepreis für Atomstrom ablehnt. Bei Ministerpräsident Sobotka muss wohl die neue Strategie der österreichischen Lobby aufgegangen sein: Die hat mittlerweile aufgegeben, die Tschechen mit ethnischen oder ökologischen Bedenken mobilisieren zu wollen und rechnet ihnen jetzt stattdessen vor, warum sich Atomenergie ökonomisch schlicht nicht lohnt. Und auch Petr sieht in der Atomenergie nicht mehr die zukunftsweisende Energieversorgung seines Landes: „sobald es für Tschechien erprobte Alternativen zur Atomkraft gibt, werden die AKWs hier an Bedeutung verlieren.“

Anteil der Atomenergie an der Gesamtstromversorgung 2013

Atomstrom_D_CZ_A*Der Strombedarf wurde 2013 in Österreich zu 11,7% mit Importen gedeckt, die zum Großteil aus Deutschland und Tschechien kommen. Greenpeace Austria schätze den Atomstromanteil dieser Importe auf 4-7%. 2013 verabschiedete das österreichische Parlament eine Novelle, die den Import von Atomstrom ab Januar 2015 ganz verbietet.                                                                     

(Quellen: Nuclear Energy Agency NEA, bmwfw.gv.at, greenpeace.org/austria)