Gefangene des Eises

Kannibalismus, Kältewinter und verlorene Gliedmaßen: Für die Erforschung der Arktis zahlten Entdecker einen hohen Preis. Mancher kehrte nie zurück.

Von Malte Hennecke

 

Minus 81 Grad: Erste gescheiterte Nordpolexpedition Franklins

John Franklin - British Museum - J.R. Freeman Co. Ltd

John Franklin – British Museum – J.R. Freeman Co. Ltd

Der Brite John Franklin nahm 1818 unter David Buchan erstmals an einer Expedition teil, die im Auftrag der neuen Weltmacht England den Nordpol erreichen sollte. Doch die beiden Schiffe – Franklin war Kommandant der „Trent“ – verkeilten sich bei -81°C nahe Spitzbergen im Eis, was die Expedition zur Umkehr zwang.

 

 

 

 

 

 

 

Gefangen im Eis – Franklins Erkundung der Nordwestpassage

Gefundenes Schriftstück der Franklin-Expedition

Gefundenes Schriftstück der Franklin-Expedition

Um eine nördliche Route um Amerika zu finden, brach Franklin am 19. Mai 1845 mit den damals eistauglichsten Schiffen, der „Terror“ und der „Erebus“, zunächst zu den Disko-Inseln vor Grönlands Westküste auf. Von dort aus führt die Route weiter nach Norden. Trotz der guten Ausstattung – die Schiffe hatten eine Dampfmaschine, eine umfangreiche Bibliothek und ihre Räume waren beheizbar – sollte die 134 Mann starke Besatzung nie von ihrer Expedition zurückkehren.

Die Witwe Franklins finanzierte mehrere Bergungsexpeditionen, um das vermisste Schiff zu finden. Erst Jahre später entdeckten sie Leichen und ein Schriftstück, das unterschiedliche Deutungen zuließ. So könnte die Besatzung entweder an einer Bleivergiftung, hervorgerufen durch die Konservendosen, oder an Skorbut gestorben sein. Sicher ist, dass sich die Schiffe im Herbst 1846 im Packeis nördlich von Cape Felix verkeilten. Nach zwei Überwinterungen starb Franklin im Juni 1847, die verbliebene Besatzung überwinterte ein drittes Mal, bevor sie die Schiffe verließ und unter Umständen sogar dem Kannibalismus verfiel. Gefundene Knochenreste legen dies nahe.

 

Rettung mit der Bibel: Die Tegetthoff-Expedition

Das Schiff Admiral Tegetthoff festgefroren im Eis. (Copyright: Public)

Das Schiff Admiral Tegetthoff festgefroren im Eis. (Copyright: Public)

Mit dem Ziel, die Nordostpassage zu erkunden, brach das österreichisch-ungarische Expeditionsschiff Admiral Tegetthoff unter der Leitung von Carl Weyprecht und Julius Payer im Juli 1872 von Norwegen gen Norden auf. Bereits im August blieb es im Eis stecken und trieb in damals unbekannte Gefilde ab. Am 30. August 1873 entdeckte die Besatzung eine nur einzelnen norwegischen Fischern bekannte Inselgruppe und benannte sie nach ihrem Kaiser „Franz-Josef-Land“. Nach einem zweiten Winter im Eis und zahlreichen Expeditionen zu Fuß und mit Schlitten, u.a. zum 82. Breitengrad, beschloss die Expeditionsleitung, das Schiff zurückzulassen und auf Schlitten mit allen Aufzeichnungen und Instrumenten, den Rückweg durch die zerfurchte Eiswildnis anzutreten. Wochen der zehrenden Eiswanderung brachten die Mannschaft schließlich zurück zum Schiff – die Norddrift hatte die Heimkehr nach Süden unmöglich gemacht. Verzweifelt und bereit, den Tod auf dem Schiff zu empfangen, motivierte Weyprecht die hungernde Mannschaft mit einer Bibel zu einem erneuten Marsch, sodass sie am 14. August 1874 offenes Meer erreichte und von russischen Schiffen gerettet werden konnte.

 

Express nach Japan – Die erste Durchquerung der Nordostpassage

Adolf Erik Nordenskiöld - Gemälde von Georg von Rosen (Bild: Public)

Adolf Erik Nordenskiöld – Gemälde von Georg von Rosen (Bild: Public)

Adolf Erik Nordenskiöld durchquerte, nachdem er Erfahrung auf einigen anderen Expeditionen gesammelt hatte, von 1878-1880 als erster Mensch die Nordostpassage – die Seeroute zwischen Europa und Asien – und umrundete gleichzeitig den eurasischen Kontinent. Das auf den Namen „Vega“ getaufte Segelschiff mit zusätzlicher Dampfmaschine, legte am 4. Juli 1878 in Göteborg ab. Im September 1879 war sie, nachdem sie nordwestlich der Beringstraße eingefroren war, bis Japan vorgedrungen und fuhr über den Suezkanal zurück nach Europa.

 

 

 

 

 

 

Nansens Grönland-Durchquerung

Fridtjof Nansen (Bild: Public)

Fridtjof Nansen (Bild: Public)

Der Norweger Fridtjof Wedel-Jarlsberg Nansen durchquerte 1888 Grönland erstmals von Ost nach West. Von Island aus gestartet, verließen Nansen und seine fünf Männer die Jason, einen Robbenfänger, und bestiegen Beiboote, die aufgrund der starken Strömung nach Süden abgetrieben wurden, sodass sich die Mannschaft hunderte Kilometer entfernt vom ursprünglich geplanten Landungspunkt befand und selbst wieder etwas nördlicher ruderte. Das Erreichen des letzten Schiffes für die Rückreise in Christianshåb wurde durch schlechtes Wetter immer unwahrscheinlicher und Nansen entschied am 26. August stattdessen Godthåb als neues Ziel anzupeilen. Dort angekommen, waren seit dem Verlassen der Jason 78 Tage vergangen, für den eigentlichen Marsch brauchte die Mannschaft 49 Tage und trotz des verkürzten Weges fuhr kein Schiff mehr nach Europa. Nansen musste sieben Monate in Godthåb verbringen, konnte jedoch die Lebensweise der Inuit studieren, was ihm auf seinen späteren Expeditionen zugute kommen sollte.

 

So nördlich wie noch nie: Nansens Fram-Expedition

Nansens Schiff Fram (Bild: Fridtjof Nansen)

Nansens Schiff Fram (Bild: Fridtjof Nansen)

1893 unternahm Fridtjof Nansen von Norwegen aus eine weitere Expedition, die den Nordpol zum Ziel hatte und sich dieses Mal den Eisdrift zunutze machen sollte. Zunächst segelte Nansen mit seiner zwölf Mann starken Besatzung auf der Nordostpassage zu den Neusibirischen Inseln, wo er die Fram im Eis festfrieren ließ. Nach anfangs eher ungünstiger Driftrichtung und Geschwindigkeit passierte sie am 2. Februar 1894 den 80. Breitengrad und Nansen entschied, eine zu lange und unberechenbare Fahrt befürchtend, Schiff und Besatzung auf Höhe des 84. Breitengrads zu verlassen und gemeinsam mit Fredrik Hjalmar Johansen auf Skiern und Hundeschlitten fortzufahren. Als das Vorankommen aufgrund der Verhältnisse und einer südlichen Eisdrift immer schwieriger wurde, entschied sich Nansen zur Umkehr.

Die letzte Positionsbestimmung ergab eine nördliche Breite von 86° 13,6′, womit sie den bis dato nördlichsten Punkt erreicht hatten. Am 21. August 1896 kam es zu einem Wiedersehen aller Expeditionsteilnehmer. Johansen und Nansen hatten den Winter in einem Lager auf der Jackson-Insel verbracht und konnten mit Hilfe von Frederick George Jackson und dessen Versorgungsschiff in ihre Heimat zurückkehren. Die Fram war mit der verbliebenen Besatzung weitergedriftet und wieder ins offene Wasser gelangt.

 

Zähmung der Nordwestpassage: Amundsens Weg zum Pazifik

Roald Amundsen und seine Crew auf der Gjöa (Bild: Corbis)

Roald Amundsen und seine Crew auf der Gjöa (Bild: Corbis)

Roald Amundsen gelang es von 1903-1906, auch durch die Fürsprache durch Nansen, erstmals die Nordwestpassage vom Atlantik zum Pazifik, entlang der nördlichen Küste Amerikas zu durchqueren. Mit einer Besatzung von sechs Mann verbrachte er zwei Winter auf der King-William-Insel, wo er die Lebensweise und Überlebenstechniken der dort lebenden Netsilik-Inuit erforschen konnte. Während der Durchquerung wurden Skelettreste und Geräte der verschollenen Franklin-Expedition gefunden.

 

 

 

Mit zwei Zehen auf Expedition – Peary am Nordpol

Robert Edwin Peary (Bild: Library of Congress)

Robert Edwin Peary (Bild: Library of Congress)

Robert Edwin Peary unternahm zwischen 1891 und 1909 mehrere Expeditionen nach Grönland und auf das arktische Eis, bei denen er acht Zehen durch Erfrierung verlor. Eine 1908 begonnene Polarexpedition brachte ihn nach eigenen Angaben am 6. April 1909 mit Hilfe seines Assistenten und vier Inuit an sein Ziel, der erste Mensch am Nordpol zu sein, was heute jedoch stark angezweifelt wird. Im Laufe seiner Karriere verschleppte Peary zudem sechs Inuit aus Grönland nach New York, wo sie als lebende Objekte für anthropologische Forschungen im Keller eines Museums festgehalten wurden.

 

 

 

 

 

Wettrennen zum Nordpol – Byrd und Amundsen

Amundsens und Nobiles Luftschiff Norge (Bild: Public)

Amundsens und Nobiles Luftschiff Norge (Bild: Public)

Am 11. Mai 1926 brachen Roald Amundsen, Umberto Nobile und deren Sponsor, der Millionär Lincoln Ellsworth, in Norwegen zur Überquerung des Nordpols in einem Luftschiff auf, was ihnen am 12. Mai gelang und sie zu den ersten Menschen machte, die den Nordpol zweifelsfrei erreicht haben. Denn der Erfolg ihres Konkurrenten, des Amerikaners Richard Byrd, der behauptete, zwei Tage zuvor dort gewesen zu sein, konnte nie bewiesen werden.

 

 

 

Gestrandet auf dem Packeis – Unfall Nobiles und Tod Amundsens

Umberto Nobile an Bord des Luftschiffs Norge (Bild: Library of Congress)

Umberto Nobile an Bord des Luftschiffs Norge (Bild: Library of Congress)

Zur genaueren Erforschung erreichte Umberto Nobile bereits am 24. Mai 1928 ein weiteres Mal, wieder in einem Luftschiff, den Nordpol, musste aber das Absetzen in einem aufblasbaren Boot wegen schlechter Wetterverhältnisse aufgeben. Auf dem Rückweg – das Höhenruder war vereist – streifte die Gondel das Packeis. Nobile wurde mit neun weiteren Männern auf das Eis geschleudert, der Rest der Besatzung verblieb an Bord und fuhr weiter, ihr Schicksal ist bis heute ungeklärt. Mit einem Funkgerät, das einer der Männer an Bord aus dem Luftschiff warf, konnte Nobile ein SOS-Signal absenden, welches von einem russischen Hobbyfunker empfangen wurde und zu einer internationalen Rettungsaktion führte. Auch Amundsen wollte seinen Kollegen retten und nachdem die italienische Regierung versucht hatte, dies zu verhindern, startete er in einem Flugboot der französischen Marine mit dem Piloten René Guilbaud. Die Maschine verschwand am 18. Juni auf ihrem Weg nach Spitzbergen. Es wurden lediglich Wrackteile gefunden, sodass die genaue Unglücksursache ungeklärt bleibt. Nobile konnte am 23. Juni von einem schwedischen Piloten gerettet werden, am 12. Juli folgte die restliche Besatzung auf einem russischen Eisbrecher.

 

 

Unter der Arktis

Die USS Nautilus bei ihrer Rückkehr in New York (Bild: Public)

Die USS Nautilus bei ihrer Rückkehr in New York (Bild: Public)

1958 unterquert das weltweit erste nukleargetriebene U-Boot, die USS Nautilus, das Nordpolareis von Alaska nach Grönland.

 

 

 

 

 

 

 

Mit Atomkraft durchs Eis

Heute nur noch ein alter Kahn: Der Atomeisbrecher Sibir 2012 (Bild: Kiselev D.)

Heute nur noch ein alter Kahn: Der Atomeisbrecher Sibir 2012 (Bild: Kiselev D.)

Der Atomeisbrecher Sibir durchquert 1987 als erstes Schiff die arktische Eisdecke bis zum Nordpol.

 

 

 

 

 

 

 

Markierung des Nordpol durch Russland

Aufnahme des U-Boots Mir (Bild: NOAA Ocean Explorer)

Aufnahme des U-Boots Mir (Bild: NOAA Ocean Explorer)

2007 brachten zwei russische U-Boote in mehr als vier Kilometern Tiefe eine russische Fahne auf dem Meeresboden am geografischen Nordpol an. Forscher Sergej Baljasnikow verglich den Akt mit dem Hinterlassen der amerikanischen Flagge auf dem Mond, während die dänische Regierung ihn lediglich als „bedeutungslosen Gag für die Medien“ sah. Laut dem Sprecher des dänischen Außenministeriums habe das „für die juristische Durchsetzung völkerrechtlicher Ansprüche […] nicht die geringste Bedeutung.“