Feine Manieren für Reisejournalisten

Kein Berufsfeld wie jedes andere: Reisejournalismus. Professionelle ethische Normen sind gefragt, Orientierung bietet die Vereinigung Deutscher Reisejournalisten. Von Aleksandra Antokhina, Constanza Godoy und Isabel Stanoschek IMG_0329Es gibt wenige Berufsfelder, die ähnlich spannend und romantisch erscheinen wie Reisejournalismus. Palmenstrände und Sehnsuchtsorte, Abenteuer in fernen Ländern erleben, diese dann mit dem Leser teilen, während andere jeden Tag im Büro sitzen und die gleiche Routine haben. Ein Traum. Doch Träume haben mit der Realität meist wenig zu tun. Auch der Beruf des Reisejournalisten ist in der Praxis kein reiner Traumjob. Es gilt, viele Hürden zu nehmen. Die Vereinigung Deutscher Reisejournalisten (VDRJ) ist die einzige deutschlandweite Berufsvereinigung von Journalisten dieses Fachgebiets. Seit über 50 Jahren unterstützt der VDRJ Reisejournalisten, das heißt sowohl Redakteure, als auch selbstständige Journalisten, sowie PR-Verantwortliche in Agenturen bzw. touristischen Unternehmen bei ihrer Arbeit. Heute zählt der VDRJ ca. 240 Mitglieder. Darunter die Pressesprecherin einer Hotelgruppe ebenso wie den Redakteur einer Lokalzeitung, die Tourismusmanagerin eines großen Reiseanbieters oder den freien Mitarbeiter eines Fernsehsenders. Ziel des Vereins ist es, seriös arbeitende Journalisten und Öffentlichkeitsarbeiter unter einem Dach zu versammeln, sie bei ihrer Arbeit zu unterstützen und über berufliche Probleme offen zu diskutieren.

Nichts für schwarze Schafe

Der Verhaltens-Codex des VDRJ regelt die Berufsausübung, soll die Professionalität und Qualität der Arbeit sicherstellen. Die aufgelisteten Regeln haben die Form ethischer Normen, sind nicht gesetzlich verpflichtend. Bei einem massiven Verstoß kann ein Mitglied jedoch aus dem VDRJ ausgeschlossen werden. Für Reisejournalisten und für PR-Fachleute gibt es jeweils eigene Leitlinien: neunzehn für Reisejournalisten sowie dreizehn für Öffentlichkeitsarbeiter.

Einer der Verhaltensgrundsätze für Reisejournalisten lautet beispielsweise: „Bei unserer Recherche und Berichterstattung verhalten wir uns sensibel gegenüber politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen und respektieren religiöse, ethische und kulturelle Besonderheiten”. Authentisch zu berichten, das ist nach Meinung von Klaus A. Dietsch, Vorsitzender und Sprecher der VDRJ, besonders wichtig. Ein professioneller Reisejournalist „muss sich grundsätzlich mehr von unten in ein Land einfühlen können, die Kultur verstehen und nicht als Mitteleuropäer, sondern demütig vorgehen und alles anhören“, so der Tourismus-Fachmann.

Eine andere Regel des Verhaltens-Codex besagt, dass Journalisten sich für einen „fairen und unabhängigen Reisejournalismus“ engagieren sollen, „der das Thema Tourismus fachkundig, unvoreingenommen und sorgfältig begleitet“. In der Praxis nicht immer einfach. Redaktionen können es sich heutzutage nicht immer leisten, eine journalistische Reise vollständig zu finanzieren. Deshalb nehmen viele Journalisten Dienste von Reiseveranstaltern oder Tourismusbüros in Anspruch, die nicht nur finanzielle Unterstützung gewähren, sondern auch alle notwendigen Unterlagen wie Visa vorbereiten – eine Gratwanderung. Laut Codex nur dann akzeptabel, „solange damit keine expliziten inhaltlichen Verpflichtungen verbunden sind“. Zudem werden Reisejournalisten oft von Sponsoren zu Pressereisen eingeladen – ein sensibler Punkt. Laut VDRJ sollen diese nur dann wahrgenommen werden, „wenn ein journalistisches Interesse vorliegt“ und wenn der Journalist von den Erwartungen des Sponsors unabhängig bleiben kann. „Der Einladende hofft natürlich, dass die Journalisten positiv berichten“, so Klaus A. Dietsch, „aber ich bin der Auffassung, dass man immer authentisch informieren muss. Wenn irgendetwas nicht so gut war, sollte man es auch ansprechen.“

Versuchungen gilt es zu widerstehen

Foto: Asif Akbar

Foto: Asif Akbar

Um sich volle Unabhängigkeit zu verschaffen, ist es für Reisejournalisten unerlässlich, berufliche und private Reisen strikt zu trennen, persönliche Nebenkosten selbst zu zahlen und nicht gar die Familie mit auf Reisen zu nehmen. Doch auch für PR-Fachleute beinhaltet der Codex Verhaltensregeln. Journalisten – egal ob von einer Fernsehsendung mit großer Reichweite oder einer Lokalzeitung mit knapper Reisebeilage – sind demnach „gleich und fair“ zu behandeln, Presseanfragen „schnell, sachlich und zitierfähig“ zu beantworten und alle Methoden unlauterer Einflussnahme zu vermeiden.

Die wichtigste Devise für Öffentlichkeitsarbeiter lautet jedoch, sich als „partnerschaftliche Dienstleister“ zu verstehen und keinesfalls nach dem Motto, „Wer zahlt, schafft an“, Forderungen an die Journalisten zu stellen. Zwar sind beide Seiten, sowohl Publizisten als auch PR-Tätige, auf die gegenseitige Kooperation angewiesen, doch mindestens ebenso bedeutsam ist die Wahrung der Unabhängigkeit voneinander. „Reisejournalismus wurde neben dem Interesse an der weiten Welt erfunden, um ein gefälliges Umfeld zu schaffen für die touristische Industrie“, so der ironische Kommentar des ersten Reisechefs der FAZ, Friedrich Wagner.

Das Ansehen der Berufsgruppe in der Bevölkerung ist nicht das Beste. Leser, Hörer und Zuschauer beurteilen positive Berichterstattung heute schnell kritisch – ein Spagat für die Reisejournalisten.

„Zukunft hat die Ehrlichkeit“, ist Klaus A. Dietsch überzeugt.