Demonstrationen statt Touristenströme

„Tourismus ist der Gaul, der den Karren zieht und die Devisen bringt“, so beschreibt der ägyptische Minister Hisham Zaazou, wie bedeutend Tourismus für die ägyptische Wirtschaft ist. Doch Touristen bleiben seit den Demonstrationen aus.

Von Susanna Blum und Isabel Schiemann

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Foto: Sabine Janssens

Seit der Arabischen Revolution und den damit verbundenen politischen Umstürzen und Straßenschlachten sieht es in Ägypten düster aus. Das Land, in dem der Tourismus eine wichtige Einnahmequelle darstellt, leidet seit dem Beginn der Unruhen unter einbrechenden Touristenzahlen und den damit verbundenen wirtschaftlichen Folgen. Obwohl Hotelbesitzer und Gastronomie-Betreiber immer wieder verzweifelt die Sicherheit für Touristen in den Urlaubsorten beteuern, bleiben die Zimmer und Strände rund um Hurghada und Scharm-el-Scheich leer.

Der Tourismus erwirtschaftet 11,3 Prozent des Bruttoinlandprodukts; er ist der wichtigste Arbeitgeber Ägyptens. Jeder fünfte Ägypter verdient direkt oder indirekt am Fremdenverkehr.

Rückgang der Touristen nach dem „Arabischen Frühling“

2010 erreichte der Tourismus am Nil seinen vorläufigen Höhepunkt mit mehr als 14 Millionen Besuchern. In den Jahren zuvor war die Branche stetig gewachsen. Im Januar 2011 setzte der Arabische Frühling dem ein Ende: Die Demonstrationen in Kairo, der Sturz des Präsidenten Muhammad Husni Mubarak und die Übernahme der Regierung durch einen Militärrat verschreckte Touristen und Reiseveranstalter gleichermaßen. Reihenweise wurden Ausflüge abgesagt, Hotelreservierungen storniert und die schnellstmöglichen Rückflugmöglichkeiten gecheckt – der übereilte Aufbruch der ausländischen Touristen glich fast dem im 2. Buch Moses beschriebenen ExodusDie Organisation „Exodus Global Alliance“ ist eine international operierende christliche Organisation aus der sogenannten Ex-Gay-Bewegung. Exodus bietet sogenannte Konversionstherapien (auch: Reparativtherapien) für Homosexuelle an, in denen sie durch den Glauben an Jesus Christus  zu Heteros umgepolt werden sollen. Die „Exodus Global Alliance“ ging aus "Exodus International" hervor. Letztere Organisation löste sich 2013 auf, nachdem ihr Präsident sich öffentlich bei Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender für die Umpolungstherapien entschuldigt hatte.. Und dies war nicht nur ein Momentereignis, auch weiter machten sich in der Zahl der Touristenankünften die politische Unsicherheit bemerkbar: Während 2010 noch mehr als 14 Millionen Besucher nach Ägypten kamen, waren es 2011 nur noch 9,5 Millionen.

Im Juni 2012 erfolgte dann die Wahl Mohammed Mursis, einem Anhänger der konservativen Muslimbruderschaft, zum Präsidenten. Daraufhin schien sich die Lage des Tourismus leicht zu entspannen, aufatmen konnte die Branche dennoch nicht. Denn nur knapp ein Jahr später, im Juli 2013, wurde der demokratisch gewählte Mursi durch das Militär gestürzt und Adli Mansur zum Interimspräsidenten ernannt. Seit dieser Zeit kam und kommt es in Ägypten immer wieder zu Demonstrationen, Übergriffen und Ausschreitungen. Kein Wunder also, dass auch im Jahr 2012 insgesamt nicht mehr als 9,8 Millionen Touristen kamen. Bis heute empfiehlt das Auswärtige Amt wegen der unübersichtlichen Sicherheitslage keine Reisen ins Nildelta außerhalb Kairos und Alexandrias sowie ins Niltal südlich von Kairo bis nördlich von Luxor.

Welche Chancen gibt es für Luxor, Port Said, Abu Simbel und Co.?

Neben der stetigen Betonung der Sicherheit für Reisende in den touristischen Gebieten wären beispielsweise die Verbesserung und Ausweitung des Angebots, wie zum Beispiel Nilkreuzfahrten sowie Öko- und Wüstentourismus und die verstärkte Nutzung der Mittelmeerküste gute Möglichkeiten zur ökonomischen Verbesserung der Lage. Auch eine Steigerung der Investitionen in die touristische Infrastruktur zur Schaffung neuer Arbeitsplätze und zur Stabilisierung der Wirtschaft wäre denkbar. Mit einem positiven Ende der politischen Übergangsphase und der damit verbundenen gesellschaftlichen TransformationIn der Politikwissenschaft, insbesondere in den Internationalen Beziehungen, bezeichnet die Transformation den Vorgang der grundlegenden Veränderung eines politischen Systems und damit auch die gegebene gesellschaftliche wie wirtschaftliche Ordnung. Dabei beschäftigt sich die Forschung vor allem mit Veränderungsprozessen in Staaten sowohl in die Richtung der Demokratisierung als auch in die Richtung der Ent-Demokratisierung., könnte der Tourismus beflügelt werden.

Jedoch zeigen sich gleichzeitig viele Risiken: Bevor nicht die öffentliche Ordnung wieder stabilisiert ist, sich eine solide politische Entwicklung des riesigen Landes mit fast 90 Millionen Einwohnern abzeichnet und die Touristen wieder das Gefühl haben, in Ägypten sicher und in einem angenehmen Umfeld ihren Urlaub verbringen zu können, ist an eine dauerhafte Erholung der Tourismusbranche kaum zu denken. Dies würde den ohnehin schon stark angeschlagenen Sektor noch weiter schwächen. Auch wenn ägyptische Reiseveranstalter wie Hany Guirgis wie ein Mantra beschwören, „dass die Touristenorte am Roten Meer nicht von Demonstrationen oder Unruhen betroffen seien“, so besteht dennoch die Gefahr, dass es auch hier zur Eskalation kommen könnte. Abschrecken könnte das nicht nur die Touristen selbst, sondern auch ausländische Investoren.

Hoffnung für die Wintersaison

Ob sich die Situation in der früheren Reisehochburg wieder gänzlich erholen wird und wann mit einer Rückkehr der einstigen Touristenströme zu rechnen ist, bleibt abzuwarten. Nachdem im November und Dezember in den meisten europäischen Ländern wie Deutschland, Frankreich und Italien, aus denen laut dem ägyptischen State Information Service die häufigsten Ägypten-Reisenden kommen, die Reisewarnungen jedoch aufgehoben oder zumindest abgemildert wurden, konnte immerhin eine minimale Verbesserung bei den Buchungen registriert werden. Tourismus-Minister Hisham Zaazou wagt so zu hoffen: „Für den Herbst, vor allem aber für den Winter, ist Ägypten eines der besten Reiseziele für deutsche Urlauber. Wir sind bereit, sie zu empfangen.“ Damit die Sphinx nicht weiterhin alleine dem ägyptischen Sonnenuntergang entgegenblicken muss und sich auch die Lebensbedingungen der Menschen vor Ort verbessern, kann nur gehofft werden, dass die politischen Unruhen enden und wieder Ruhe einkehrt. Da sich die Tourismusbranche jedoch auch nach dem Attentat in Luxor, bei dem 1997 über 60 Menschen zu Tode kamen, nach einem anfangs massiven Einbruch der Buchungszahlen schlussendlich wieder erholte, stehen die Chancen hierfür nicht schlecht. Denn letztlich gewinnt vielleicht doch das Interesse an den Jahrtausende alten Bauwerken, die Sehnsucht nach Traumstränden und Tauchressorts am Roten Meer über Zweifel und Bedenken der Reisenden. Dies wäre für das Land sehr wichtig, denn nur mit einer stabilen politischen Lage kann Aufschwung in den Tourismus gebracht werden, um den von Ägyptens Tourismus-Minister beschriebenen „Karren“ wieder aus dem Dreck zu ziehen.

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