Die Arktis als literarisches Thema

Die Arktis ist nicht unbedingt das beliebteste Urlaubsziel. Melanie Bauer stellt vier Bücher vor, die zeigen, dass die Arktis mehr als Kälte und Eis zu bieten hat.

Von Melanie Bauer

Sten Nadolny: Die Entdeckung der Langsamkeit

Sten Nadolny: Die Entdeckung der Langsamkeit © Piper Verlag

Sten Nadolny: Die Entdeckung der Langsamkeit

„Die Entdeckung der Langsamkeit“ ist die Biographie des englischen Seefahrers und Nordpolforschers John Franklin (1786-1847). John leidet unter einer Behinderung, die zur Folge hat, dass er langsam spricht und denkt. Dieses Handicap scheint zunächst seinen Träumen im Weg zu stehen. Die außergewöhnliche Langsamkeit, die ihn zum Außenseiter macht, kompensiert er durch genaues Beobachten und ein hervorragendes Gedächtnis. Mit der Kriegsmarine begleitet er eine Nordpolexpedition auf der Suche nach der Nordwestpassage, die er schließlich selbst leitet. Obwohl die Expedition scheitert, kann Franklin durch seine gute Auffassungsgabe die Schiffe zweimal vor größeren Unglücken bewahren, wodurch er viele Leben retten konnte. John Franklin wurde vom Autor bewusst nicht authentisch dargestellt. Die Figur hat lediglich wenige Punkte im Lebenslauf mit dem richtigen John Franklin, einem britischen Konteradmiral, gemein.

Das Lob für die „Entdeckung der Langsamkeit“ war von den Kritikern fast einstimmig. Bereits 1980, drei Jahre vor der Veröffentlichung des Werkes, erhielt der Autor für das fünfte Kapitel, „Kopenhagen 1801“, den Ingeborg-Bachmann-Preis. Nach der Veröffentlichung im Jahre 1983 wurde das Werk in fast allen bedeutenden Tages- und Wochenzeitungen in der Bundesrepublik rezensiert.ii Im Spiegel schreibt Hanns Josef Ortheil, dass der Roman einer der wichtigsten auf diesem Gebiet ist. Dem Autor sei endlich gelungen, „was die frühen Bücher Handkes versprachen. Er hat die Langsamkeit aus ihrem Gegenwartsmuff befreit, er hat ihr eine notwendige, historisch weit gespannte Dimension gegeben. Zugleich aber hat er die Haltung des modernen Einzelgängers, diese Aussteigerbewegung in die Arktis, nicht nur vorgeführt, sondern sie gegen die erstarrten Systeme des zugreifenden Lebens (der Technik, der Industrie und am Ende-besonders kunstvoll- auch gegen die Politik) gehalten.“

In allen Rezensionen wird vor allem die Stilkunst hervorgehoben. Der Roman sei sprachlich meisterhaft dargeboten, elegant und sicher, sowie sprachlich gewandt und anschaulich erzählt. Es wurde nur eine negative Kritik in der Stuttgarter Zeitung gefunden. Gerhard Stadelmaier stört es, dass Nadolyns Werk so ordentlich hintereinander weg erzählt ist. Er beschreibt den Roman nur als hübsches Buch, das letztlich enttäuschend, flach und literarisch nicht gelungen ist.

Eigene Bewertung: Es ist ein abwechslungsreicher und spannend erzählter historischer Roman, der auf das Prinzip der Langsamkeit setzt, welches dem Geschwindigkeitswahn der industriellen Gesellschaft entgegen gesetzt wird. Dadurch bietet das Buch eine gekonnte Abwechslung zu anderen Werken dieser Art.

Christoph Ransmayr: Die Schrecken des Eises und der Finsternis

Christoph Ransmayr: Die Schrecken des Eises und der Finsternis © Fischer Verlag

Christoph Ransmayr: Die Schrecken des Eises und der Finsternis

In seinem Roman „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ erzählt Christoph Ransmayr die Geschichte von der königlichen und kaiserlichen österreichisch-ungarischen Nordpolarexpedition in den Jahren 1872 bis 1874. Weyprecht und Payer entdecken eine unter dem Eis verborgene Inselgruppe. Parallel zu der realen Geschichte erzählt der Autor eine fiktive Geschichte über einen jungen Italiener namens Josef Mazzini, der 1981 auf Spitzbergen verschwand und den der Buchautor angeblich persönlich kannte. Mazzini untersucht über 100 Jahre später die Zusammenhänge dieser Expedition und macht sich auf den Weg, dieses ebenfalls zu erleben.v Der in Wien aufgewachsene Italiener entdeckt die Dokumente der Payer-Weyprecht-Expedition und verfällt diesen allmählich:

„Es war, als ob jener Sog, der schon Mazzinis frühe Phantasiegestalten in den höchsten Norden verweht hatte, nun auch ihn selbst erfasst hätte und fortzog. Mazzini rannte einer verjährten Wirklichkeit nach. Für diesen Lauf waren alle Archive zu eng, zu klein.“ Die Geschichte „entlarvt den Entdeckerehrgeiz als Wahn, als unsinnige Jagd nach persönlichem und nationalem Ruhm“. Weyprecht erklärt in seinem Tagebuch, dass „der Pol selbst (…) für die Wissenschaft vollständig gleichgültig [ist]. Ihm nahe gekommen zu sein, dient ebenfalls zur Befriedigung der Eitelkeit…“

Der Autor äußert dadurch seine sozialkritische Meinung, welche beinhaltet, dass es falsch wäre anzunehmen, dass die Entdeckungsreisen ausschließlich der Wissenschaft wegen organisiert worden waren. Vielmehr wurden Entdeckungen den Machtzwecken untergeordnet. Der Inhalt ist vom Autor bewusst nüchtern und sachlich und die Sätze eher kurz gehalten. Er gibt Nordpolarmeer-Touristen Ratschläge, schreibt Bibelzitate, geografische und nautische Tabellen nieder, listet alle Teilnehmer der Nordpolexpedition und die Namen inklusive Herkunft aller Schlittenhunde auf. Diese Punkte, sowie die Zitate aus den Briefen, Tagebüchern und Buchveröffentlichungen (zum Beispiel von Julius von Payer und Carl Weyprecht) wirken sehr authentisch und realistisch. Die Einbeziehung der Aufzeichnungen der Expeditions-Teilnehmer in den Roman hat einen häufigen Perspektivenwechsel zur Folge. Zusätzlich platzierte der Autor elf Abbildungen aus dem 1876 in Wien publizierten Buch, „Die österreichisch-ungarische Nordpol-Expedition in den Jahren 1872-1874“.

Dem Erzähler kommt im ganzen Buch eine wichtige Rolle zu, weil er die einzige Instanz ist, die sich über alle Zeitebenen erhebt. Auf diese Weise wird die Expedition auf drei verschiedenen Zeit- und Erzählebenen präsentiert. Das Buch ist insgesamt eine Mischung aus einem Roman, Essay und einer Dokumentation.

Eigene Bewertung: Die stetig wechselnden Perspektiven ermöglichen keinen mühelosen Lesefluss, jedoch verbindet der Autor auf eine gelungene Art und Weise eine (in Auszügen) reale Begebenheit mit einer fiktiven Geschichte von dem jungen Mazzini. In manchen Sequenzen fällt die Wirklichkeit der beiden Geschichten zusammen. Sie stehen parallel nebeneinander und werden lediglich optisch voneinander getrennt. (Die Dokumente der Expedition sind jeweils kursiv geschrieben.) Dies macht die Geschichte noch lebendiger, realer und verbindet beide Geschichten geschickt miteinander.

 

Georgina Harding: Die Einsamkeit des Thomas Cave

Georgina Harding: Die Einsamkeit des Thomas Cave Ⓒ Bloomsbury Berlin

Georgina Harding: Die Einsamkeit des Thomas Cave

Thomas Cave geht mit seinen Walfänger-Freunden eine Wette ein und will den Winter allein im hohen Norden überleben. Mit etwas Proviant und einem Notizbuch lassen ihn seine Freunde 1616 in einer Hütte zurück und treten die Heimreise an. Ein Experiment, das vor ihm noch keiner gewagt hat. Die Tage werden kürzer und Cave ist dem arktischen Winter ebenso ausgesetzt, wie den eigenen Dämonen. Er kämpft mit seiner Angst, seinem Aberglauben und seinen Erinnerungen. In der Einsamkeit der arktischen Wildnis sucht ihn seine Vergangenheit heim. Die Frau, die er liebte und die Trauer, die ihn in den Norden trieb.

Ein Kritiker ist davon sehr angetan, wie die Autorin in ihrem Debütroman dem Mythos Arktis eine neue Facette abgewinnt. In dem Roman wird eine „historische Recherche“ mit „genauer Naturschilderung und der Dramaturgie extremer psychischer Belastung“ gelungen zusammen geführt. Der Roman ist in seinen Augen ein „gelungener Versuch, es mit dem Mythos Eis und mit dem Mythos Mann noch einmal anders zu versuchen.“

 

Jo Lendle: Alles Land

Jo Lendle: Alles Land © Perlentaucher

Jo Lendle: Alles Land

Jo Lendle erzählt die Geschichte über den Getriebenen, Alfred Wegener. 1930 bricht die Hauptfigur auf, um der Menschheit zu zeigen, dass es möglich ist, im grönländischen Inlandeis zu überwintern. Nach verschiedenen Schwierigkeiten schafft es Alfred Wegener jedoch nicht mehr zurück an die Küste und kommt ums Leben. Der Meteorologe und Polarforscher wollte seine Theorie der Kontinentalplattenverschiebung beweisen, welche nach seinem Tod in Vergessenheit geriet und erst drei Jahrzehnte später Anerkennung fand. Tilman Spreckelsen berichtet sehr angetan von der Lektüre über den Entdecker der „Kontinentaldrift“, Alfred Wegener. So instruktiv er die Lektüre schildert, es ist doch ein Roman, der niemals prätendiert, ein authentisches Bild des Forschers zu liefern, versichert der Rezensent.

Schon in seiner Kindheit, so berichtet Jostmann in der Süddeutschen Zeitung, fiel Wegener durch seine Wissbegierde auf. Der Leser erfährt viel über den intellektuellen Mut Wegeners, der etwa richtungsweisende Hypothesen zur Entstehung der Mondkrater aufstellte. Man lernt hier aber auch einen gelehrten „Sonderling“ kennen, der an seiner Nicht-Anerkennung leidet und sich immer mehr von Frau und Kindern entfremdet. Der Kritiker lobt neben dem Einfallsreichtum, mit welchem Lendle über Wegeners Leben schreibe, insbesondere dessen gekonnte Nachahmung des knappen Jargons der spätwilhelminischen Zeit.