„Ich spaziere eigentlich auf der Welt herum“

Die GEO-Redakteurin Katja Senjor war schon fast überall auf dem Globus. Auf verschiedene Art und Weise.

Von Anna Dreher

Sie hat einfach mal alles mitgenommen. Denn wie entscheidet man, was man braucht, wenn man nicht weißt, wohin es geht? Die Antwort auf diese Frage hätte Katja Senjor wohl ohnehin nicht verstanden. Grönländisch ist nicht einfach. Also hat die Journalistin einfach abgewartet was passiert und ihre Tasche gepackt, wenn sich ihre Gastfamilie auf den Weg gemacht hat. 3000 Kilometer entfernt von Deutschland ist das Leben anders. In Grönland ist das Leben anders. Eine Woche mit einer Inuit-Familie in Ost-Grönland zusammen, umgeben von Gletschern, Eisbergen, die aus dem arktischen Meer herausragen, umgeben von kleinen, einfachen Häuser, Schlittenhunden und Robben.

„Es gibt kein Klo, nur einen Eimer. Das ist irgendwann unangenehm. Es gibt keine Möglichkeit sich zu waschen, weil es einfach kein fließend Wasser gibt, sondern eine öffentliche Dusche zu bestimmten Zeiten“, sagt Katja Senjor. „Das war wirklich ein Extrem, da kam ich schon an meine Grenzen.“ Fünf Jahre ist die Reise schon her, aber die Eindrücke sind hängen geblieben. Eindrücke von einer außergewöhnlichen Lebenswelt, deren Reiz in ihrer Einfachheit liegt. „Sprache ist dort kein Mittel der Kommunikation. Es wird mehr über das Tun kommuniziert. Das war eine große Herausforderung.“

„Wir sind absolut von der Optik getrieben“

Seit 1996 ist Katja Senjor Redakteurin beim Reisemagazin GEO Saison und konzipiert zudem seit neun Jahren das Heft „Reisen mit Kindern“.. Mit welchen Erlebnissen sie zurück an den Schreibtisch kommt, weiß Katja Senjor nie. Dass sie ihren Koffer immer wieder packen wird, aber schon. „Was mich immer wieder begeistert ist die Begegnung mit Menschen. Man hat die Chance, Gast zu sein im Leben anderer Menschen“, sagt Senjor. Die Rolle als Eindringling, die Journalisten stets auf unterschiedliche Art und Weise einnehmen, versuche sie sich dabei immer bewusst zu machen. Freundschaften auf Zeit sind eine immer wiederkehrende Erfahrung. „Manche schicken mir jahrelang Plätzchen. Aber ich bin Journalist. Ich fahre wieder nach Hause und schreibe eine Geschichte“, sagt Senjor.

Eine Geschichte, die viel erzählen kann und dabei oft viel weglassen muss. Reisen sind gefüllt mit Erlebnissen, jedes einzelne erzählenswert. Aber es muss sortiert werden. Und gekürzt. „Wir sind eine Zeitschrift, das heißt wir sind absolut von der Optik getrieben. Mit guten Fotos ist eine Geschichte größer. Aber manchmal ist es so, dass ich 12 000 Zeichen bestelle, eine klassische Reportage. Der Autor schreibt eine granatenmäßig gute Geschichte und hat so tolle Ideen, schickt aber 18 000 Zeichen. Normalerweise würden wir das gnadenlos zusammenkürzen. Aber der Text ist so gut, dass du beim Kürzen merkst: du machst die Geschichte kaputt. Dann lassen wir sie so“, sagt Senjor.

Sie hat selbst schon viel geschrieben. Über europäische Länder, über Australien, die Seychellen, Hawaii, Indien, über die USA – die Liste lässt sich fortsetzen. „Ich spaziere eigentlich jeden Tag auf der Welt herum“, sagt sie. (Aber: „Jeder, der eine Geschichte veröffentlicht, hat Verantwortung für das Thema und für die Menschen und für die Natur. Man stellt ja immer ein Stück Öffentlichkeit her“, sagt die Mutter einer 13-jährigen Tochter. „Man sollte auch Sachen veröffentlichen, die unangenehm sind. Aber ich empfinde das nicht als Last, sondern als Chance, als Pflicht.“ )

Bis zu 25 Produktionen parallel

Selbst wenn die Journalistin wieder in Hamburg vor ihrem Schreibtisch sitzt, ist das Reisen noch nicht vorbei. Anrufe, E-Mails, Besprechungen. In der Regel arbeitet Senjor an bis zu 25 Produktionen parallel. Wenn sie nicht neue Hefte koordiniert oder Texte für die nächste Geo Saison bearbeitet, recherchiert sie selbst an eigenen Geschichten. Immer mit den Pflichtfragen: Wo ist die Geschichte? Wie werde ich dem Land gerecht? Früher sei ein Redakteur schon mal eine Woche voraus geflogen, um Themen, Autoren und Fotografen zu suchen, Kontakte zu knüpfen und schließlich aus diesem Gesamtpaket ein Heft zu konzipieren. Heute surft er erst mal im Internet. „Früher, das war natürlich die ideale Art. Aber dass man ohne Thema los fährt – das macht man nicht und ich rate auch sehr davon ab. Man verzettelt sich“, sagt Senjor. „Das ist eben der Knackpunkt beim Reisen: Alles ist möglich. Man kann alles machen, das ist die totale journalistische Freiheit.“

Eine Freiheit, die beim Reisen selbst nicht immer gegeben ist. Besonders als Frau müsse sie sich manchmal fragen, ob sie nun mit einer Fotografin oder mit einem Fotografen reist. „In Indien bestellte der Fotograf das Essen und ich bekam das gleiche. Wenn ich interviewt habe, wurde ihm geantwortet. Das ist dann so. Das ist Teil der Kultur“, sagt Senjor. Über eine Voodoo-Zeremonie in Benin staunt sie noch heute. „Du bist da unter 2000 singenden, tanzenden Menschen, kaum Licht und vor dir werden Schafe zeremoniell geschlachtet. Man sitzt mittendrin und kann nicht raus“, sagt Senjor. „Das sind Erlebnisse, die jahrelang nachklingen. Diese Voodoo-Zeremonie hatte eine unglaubliche Wucht.“

Katja Senjor ist mutiger geworden durch die vielen Erlebnisse. Und glücklich. Zu Ende ist ihre Reise aber noch lange nicht. In manchen Ländern war sie noch nicht, in manche Länder will sie zurück. „Ich habe schon so viel erlebt und gesehen, aber noch nicht genug. Genug ist es ja eh nie“, sagt sie. „Aber es geht, glaube ich, gar nicht darum, die ganze Welt zu sehen und zu erobern, sondern darum, anzukommen.“