„Der Islam und der Westen produzieren verzerrte Bilder“

Eine Unterhaltung mit der Kairoer Journalistikprofessorin Enas Mohamed Abou-Youssef über Missverständnisse zwischen den Kulturen, und wie sie sich beheben lassen.

Von Ines Lutz

Ihre Hände bewegen sich fließend, während sie spricht. Sie trägt ein Kopftuch, den Haaransatz sichtbar. Wache Augen, eine warme Stimme. „Einige meiner Studenten denken, dass sich der Westen gegen uns verschworen hat. Darauf sage ich: Was glaubt ihr? Die wachen morgens auf und denken sich: Ach, lasst uns eine Verschwörung gegen den Islam anzetteln. Warum? Weil sie uns hassen? Glaubt ihr, die haben keine anderen Probleme?“ Dr. Abou-Youssef ist Associate Professor für Journalismus an der Universität Kairo. Sie wurde als Kind einer Schauspielerin und eines Bühnenautors geboren. Nach ihrem Journalismusstudium arbeitete sie für das Frauenmagazin „Sayadati“ (My Lady), das im gesamten arabischen Raum vertrieben wird. Bis 2010 war sie Leiterin des „Frauen und Medien“- Forschungszentrums der Universität Kairo.

Eine Seite über Deutschland – darin: Hitler

Als Dr. Abou- Youssef während des ersten Golfkrieges als Fulbright Scholar in den USA unterrichtete, verstand sie, wie wichtig es ist, dass Menschen miteinander sprechen. „Ich dachte mir, dass es die größtmögliche Katastrophe ist, wenn Menschen in den Krieg ziehen, sterben und nicht wissen wofür. Die Soldaten waren falsch informiert. Der Islam und der Westen produzieren verzerrte Bilder. In beide Richtungen. In den Schulbüchern des ägyptischen Geschichtsunterrichts gibt es eine Seite über Deutschland – und die handelt von Hitler.“ Dr. Abou- Youssef engagiert sich für den Austausch junger Medienschaffender zwischen Ägypten und Deutschland. Sie hält es für eine große Chance, eine Generation junger Journalisten zu haben, die die jeweils andere Kultur kennen kennt und respektiert. Viele Auslandskorrespondenten seien nur wenige Wochen im Land und müssten dann über politische Entscheidungen oder historische Ereignisse berichten, ohne die Kultur des Landes begriffen zu haben. Das führe unweigerlich zu Missverständnissen.

„Wir dürfen nicht aufgeben“

Wie im ägyptischen Ausbildungssystem üblich, begann Dr. Abou-Youssef ihr Journalismusstudium im Alter von 16 Jahren. Ob sich ihr Zugang zu dieser Disziplindazu zu den Medien seitdem verändert hat? „Natürlich. Das Alter verändert alles. Früher dachte ich, ein einzelner Artikel könne wirklich etwas bewegen. Heute sage ich meinen Studenten, dass Veränderungen Zeit brauchen. Wir Journalisten können niemanden bestrafen, wir müssen die Menschen überzeugen. Aber wir dürfen niemals aufgeben.“

Im Alter will sie endlich wieder Romane lesen. Die von Nagib Machfus. Er war der erste Literaturnobelpreisträger aus dem arabischen Raum und wandte sich zeitlebens gegen die Ideen eines fundamentalistischen Islam. Dafür wurde er 1994 in einem Attentat schwer verletzt. Als junges Mädchen las Dr. Abou-Youssef seine Bücher zum ersten Mal. Ihr Vater sagte ihr damals, sie würde Machfus nochmal lesen, später. Dann würde sie die Welt anders sehen.