„Ich habe die Wirtschaftsbrille auf“

Von Berlin aus koordiniert Matthias Brüggmann als International Correspondent die Auslandsberichterstattung des Handelsblatts. Über die Vorteile der „Wirtschaftsbrille“, die Verantwortung in Krisenregionen und den journalistischen Umgang mit totalitären Staaten.

Von Timo Steppat

Matthias Brüggmann

Matthias Brüggmann

Das Handelsblatt wirbt gerne damit, dass es von „Entscheidern“ aus der Wirtschaft gelesen wird. Inwiefern beeinflussen Sie die Tourismusbranche, wenn Sie über Krisen in Urlaubsländern wie Ägypten berichten?

Das Handelsblatt hat für Touristikunternehmen einen besonderen Stellenwert und wir nehmen das sehr ernst. Wir sind keine Panikmacher, das schätzen unsere Leser. Ich glaube, dass Wirtschaftsberichterstattung in dieser Hinsicht die ehrlichere Perspektive in der Meinungsbildung einnimmt.

Was meinen Sie konkret mit der „ehrlicheren Perspektive“?

Wir schauen auf andere Dinge als ein „normaler“ politischer Korrespondent und oft haben wir einen differenzierteren Blick. Während der Aufstände bin ich nach Ägypten geflogen und natürlich war ich auf dem Tahrir-Platz. Aber danach habe ich mich mit der Wirtschaftsministerin getroffen, mit Vertretern des Metro-Konzerns, die dort große Märkte betreiben, mit den Handelskammern und ich habe damals mit einem ägyptischen Großunternehmer gesprochen. Ich denke, es handelt sich um einen anderen Fokus, als wenn fast ausschließlich Muslim-Bruderschaft oder die jungen Demonstranten thematisiert werden. Ich glaube, wir sind uns unserer Verantwortung sehr bewusst.

Worin drückt sich diese Verantwortung aus, gibt es konkrete Regeln?

Wir haben im Haus sehr harsche Standesregeln, das betrifft Punkte wie Transparenz oder Aktienbesitz. Für mich selbst habe ich ein über die Jahre Gerüst entwickelt, an dem ich mich orientiere. Ich versuche immer vor Ort zu sein, wenn’s brennt. Ich versuche aber auch, wie gesagt, immer einen anderen Blick einzufangen. Was bedeutet es beispielsweise für ein Unternehmen wie Mercedes oder Siemens, wenn dort Massenproteste mit vielen Demonstranten stattfinden?

Aha, also so etwas wie ein Wertegerüst. Was muss man sich darunter vorstellen?

Ich war elf Jahre lang in Russland. Ich nehme für mich in Anspruch, dass ich über ein Unternehmen wie Gazprom differenzierter berichtet habe als viele politische Journalisten. Ich habe die Wirtschaftsbrille auf. Um beim Beispiel Gazprom zu bleiben: Natürlich stimmt es, dass ein solcher Staatskonzern seine internationalen Konkurrenten schwächen will, wenn er Gas aus Aserbaidschan oder Kasachstan kauft und damit den Weltmarkt zu seinen Gunsten neu sortiert. Deshalb ist es legitim zu schreiben, dass Gazprom ein Unternehmen ist, das im Interesse des Kremls agiert. Das habe ich thematisiert. Aber ich habe auch geschrieben, dass Gazprom ökonomisch richtig gehandelt hat, weil das Gas aus Aserbaidschan billiger ist als eigenes. Dieses Zusammenspiel ist mein Versuch, verantwortungsvoll zu berichten.

Inzwischen berichten Sie von Berlin aus. Macht es einen Unterschied, ob man Korrespondent ist oder das Geschehen von Deutschland aus betrachtet? Ist man durch diese Distanz in seinen Urteilen zurückhaltender?

Ich finde, es macht keinen großen Unterschied. Natürlich, wenn man dort lebt, ist man näher dran. Ein Beispiel: Wenn [Boris] Jelzin stirbt, dann brauche ich den Korrespondenten dafür, dass er mir eine gute Reportage liefert, dass er beschreibt, was genau abgelaufen ist und was jetzt passiert. Hat er dann noch Zeit, wäre es toll, wenn er den Kommentar schreiben könnte. Aber das kann auch ein Russland-Kenner von Deutschland aus machen.

Gehen wir von Russland nach China: Das Handelsblatt – so mein persönlicher Eindruck – sieht in dem Land in erster Linie einen fantastischen Handelspartner, dabei werden Menschenrechte oder die Zivilgesellschaft weniger thematisiert.

Unsere Berichterstattung über China ist absolut differenziert. Wir berichten auch über Themen wie Menschenrechte. Die Zeiten, in denen das Handelsblatt über die Deutsche Einheit nur im Hinblick auf die Betonpreise berichtet hat, sind lange vorbei. Wir haben inzwischen einen breiteren Blick. Bezogen auf China: Wir waren die erste Zeitung, die eine Geschichte gemacht hat über die neuen VW-Werke im Westen Chinas, wo die Minderheit der Uiguren besonders stark vertreten ist. Der Unterschied zwischen uns und anderen ist: Wir achten nicht nur auf die Menschenrechte, sondern berichten auch darüber, welche Rolle VW heute in China spielt, welche Rolle China für VW spielt und welche Abhängigkeiten aus solchen Fabriken für den deutschen Konzern entstehen.

Das heißt, Sie versuchen die Balance zu wahren?

Man kann bei China ausschließlich Tibet, die Uiguren und fehlende Demokratie berücksichtigen. Trotzdem gibt es dort auch ein ganz normales Leben und trotzdem ist China heute ein wichtiger Handelspartner für Deutschland.

Aber wenn Deutschland nach Saudi-Arabien Panzer verkauft und im Handelsblatt dies positiv beurteilt wird, fehlt dann nicht etwas? Muss die politische Situation in einem Land nicht immer auch in der Berichterstattung mitschwingen?

Nein. Bei mir schwingt es nicht immer mit, es würde den Blick verstellen. Allerdings muss ich zu Saudi-Arabien sagen, dass ich das Land immer als Vergleichsgröße für meine Iran-Berichterstattung nehme. Über den Iran wird grundlegend negativ berichtet. Natürlich gibt es dort fürchterliche Ungerechtigkeiten und Demokratiedefizite, aber auch Rechte und Fortschritte, die Saudi-Arabien als totalitäres Land auch in 20 Jahren nicht erreichen wird.

Darf Deutschland mit einem totalitären Staat Geschäfte machen?

Wenn Deutschland Panzer an Saudi-Arabien liefert, muss das Teil der Berichterstattung sein. Es gibt, rein rational, für die Saudis keinen wirklichen Grund, Panzer zu haben. Aus Gesichtspunkten der Landesverteidigung ist es schwierig zu rechtfertigen, warum Deutschland dorthin Panzer verkauft. Es sind politische Entscheidungen. In bestimmten Artikeln haben wir diese Aspekte nicht aufgegriffen.

Wieso?

Leser wollen, dass Journalisten Themen für Sie gewichten. Dazu gehört, dass nicht jeder Beitrag zu Saudi-Arabien sich auch mit Menschenrechtsfragen beschäftigt. Um die nächste Frage vorweg zu nehmen: Es gibt natürlich dazu keine Blattlinie, dass wir besonders die Interessen von Krauss-Maffei oder Rheinmetall vertreten. Es verbietet sich, undifferenziert über Saudi-Arabien zu berichten. Unser Kapital als Zeitung sind Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit. Sobald wir diesen Anspruch verlieren oder Leser Zweifel daran bekommen, sind wir erledigt.

Vielen Dank für das Gespräch.