„Wir sind keine Missionare“

Interview mit Petra Kohnen, Leiterin der International Language Programs der Deutschen Welle Akademie, über internationale Diplomatie, Kulturkämpfe und die PR-Abteilung der syrischen Armee.

Von Philipp Daum

Petra Kohnen, Leiterin der Deutsche Welle Akademie

Petra Kohnen, Leiterin der Deutsche Welle Akademie

Frau Kohnen, Sie leiten die International Language Programs der Deutschen Welle Akademie. Was genau machen Sie da?

Die Aufgabe der deutschen Welle Akademie ist es, Leute auf der ganzen Welt zu trainieren. Wir zeigen, wie Berichterstattung vonstatten gehen kann. Wir zeigen auf, welches Demokratieverständnis wir haben. Aber es ist nicht so, dass wir unsere Sichtweise aufoktroyieren. Es ist immer ein Geben und Nehmen. Außerdem klopfen nicht wir bei den Ländern an, sondern andersherum. Die Deutsche Welle sendet in alle Welt und die Berichterstattung wird als gut und objektiv empfunden. Das wird gerne in anderen Ländern adaptiert.

An der Deutschen Welle Akademie studieren Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturen. Treffen bei Ihnen nicht Welten aufeinander? Zum Beispiel ganz unterschiedliche Vorstellungen von Demokratie und der Rolle von Presse und Rundfunk? Kommt es manchmal zu handfesten Konflikten in Ihrem Haus?

Ja, das schon. Eigentlich weniger wegen freier Berichterstattung, sondern wegen unterschiedlicher Perspektiven. Zum Beispiel bei Israelis und Palästinensern, da kommt es ab und an schon zu Krisen, bei denen wir Mediatoren einschalten müssen. Zur Rolle des Journalismus: Wir leben vor, wie wir recherchieren, und dann kommen zum Beispiel afrikanische Studenten und sagen, das wäre bei uns gar nicht möglich, wir kommen an das Material überhaupt nicht ran. Dann versuchen wir gemeinsam Strategien zu entwickeln, wie man in restriktiven Ländern an Material kommt.

Aber kommt es nicht auch vor, dass die Rolle des Journalismus ganz anders gesehen wird? Dass Leute zu Ihnen kommen, die sagen, die Presse sollte vielleicht ein wenig staatstragend und weniger kritisch sein?

Ja, bei vielen unser Studierenden stellt sich eine Art Aha-Erlebnis ein: So kann man also auch berichten. Vielen ist das noch gar nicht in den Sinn gekommen, weil in ihren Heimatländern Restriktionen herrschen. Wenn in solchen Verhältnissen dann eine Pressemitteilung reinkommt, dann wird sie, gerade wenn sie von Regierungsseite kommt, einfach abgelesen und nicht kritisch hinterfragt. Hinterfragen ist der kritische Punkt, den wir vermitteln wollen.

Gibt es einen Demokratisierungsauftrag in der Deutschen Welle Akademie?

Nein, wir sind keine Missionare. Wir geben unser Demokratieverständnis weiter. Aber wir kontrollieren nicht, ob die Journalisten, die wir ausbilden, das nachher weiter tragen. Wir haben keine Sanktionsmöglichkeiten. Es funktioniert umgekehrt: Es wird nach unserem Demokratieverständnis gefragt.

Aber es wird ja nicht immer nur nach Demokratieverständnis gefragt, sondern auch nach technischer Expertise. Sie hatten selbst einen Fall angesprochen von einem syrischen Studenten bei Ihnen an der Akademie. Er hatte vorher PR für die syrische Armee gemacht. Der geht doch nicht nach Deutschland, um Demokratie zu lernen?

Das kann durchaus sein. Aber das eine schließt das andere nicht aus. Nicht jeder Student, der zu uns kommt, ist ausgebildeter Journalist. Wir müssen also schon das technische Know-how vermitteln – für Fernsehen, Hörfunk und Print. Im Studiengang ist das aber nicht primär, dort bilden wir nicht nur Journalisten aus. Manche unserer Studierenden gehen auch zu Unternehmen, Regierungen oder eben zum Militär. Aber nach der Ausbildung haben sie zumindest eine andere Sichtweise von uns mitgenommen.

Aus welchen sozialen Schichten kommen ihre Studierenden? Können sich die Ausbildung alle leisten oder ziehen sie gesellschaftliche Eliten an?

Zu uns kommen die bestausgebildetsten Leute aus ihren Ländern, denn wir haben Zulassungsvoraussetzungen. Bewerber brauchen einen Bachelor, sie müssen mindestens zwei Jahre in ihren Ländern gearbeitet haben. Und sie müssen Deutsch und Englisch sprechen können. Das ist für bestimmte Regionen, gerade Afrika oder Asien, eine Herausforderung. Diejenigen, die zu uns kommen, sind die Bestqualifizierten ihrer Länder.

Die Aufnahmekriterien sind also rein formal. Es gibt bei Ihnen keine „Demokratieprüfung“?

Das kann man gar nicht prüfen. Wenn wir jemanden aus Iran, Irak oder Syrien dahaben, dann wissen wir nicht hundertprozentig, auf welcher Seite diese Person steht. Aber wir sehen, wo die Leute gearbeitet haben und was sie nach der Akademie vorhaben – und bis zu einem gewissen Grad müssen wir das einfach glauben. Wenn Sie aber meinen, dass wir irgendwelche Schläfer ausbilden…ich hoffe nicht, wir prüfen natürlich. Aber ganz ausschließen kann man das nie.

Sie werden vom Bundesministerium für Entwicklung finanziert. Was hat die deutsche Gesellschaft von ihrem Programm?

Deutschland ist daran interessiert, gute Kontakte in der Welt zu haben. Wenn wir Leute ausbilden, die ein gutes Image von Deutschland mitnehmen, dann rennen wir, wenn wir mal Probleme haben, offene Türen ein. Was wir betreiben, ist eine Art von Völkerverständigung.

Das, was Sie machen, ist also eher eine Form von Diplomatie als das Werben für Pressefreiheit und Demokratie?

Das eine schließt das andere nicht aus. Aber wenn Sie etwas übergestülpt bekommen, dann wehren Sie sich dagegen. Das will keiner. Unsere Studenten wissen natürlich, dass wir Pressefreiheit haben und wie wir berichten. Und das adaptieren sie dann für ihre Situation, denn manchmal können sie es nicht direkt übernehmen, weil sie mit Sanktionen zu rechnen haben. Aber je mehr Leute die gleiche Denke haben, desto eher kann man etwas verändern – vor allem in kleineren Einheiten wie Redaktionen.