„Nicht alles nachplappern, was erzählt wird“

Vor knapp zehn Jahren besuchte sie Kuba das erste Mal. Auf einer Pressereise. Lilo Solcher, heute Jurorin der Vereinigung Deutscher Reisejournalisten (VDRJ) und Redakteurin, über die Vereinbarkeit von kritischem Reisejournalismus mit finanzierten Pressereisen, die Entpolitisierung des Reiseteils, die Entwicklungen in der Branche und die Rolle des VDRJ.

Von Dalia Antar

Frau Solcher, Sie haben Kuba zweimal durch organisierte Pressereisen besucht. Glauben Sie, dass Pressereisen im Allgemeinen einen guten Einblick in ein Land geben können, vor allem im Hinblick auf die journalistische Unabhängigkeit(, Vermischung PR-Journalismus, Unterstützung von vorherrschenden Images über ein Land etc.)?

Kuba und Pressereisen. Das ist eine schwierige Frage. Pressereisen sind natürlich immer Reisen, die etwas propagieren sollen, also per se nicht frei von Propaganda. Veranstalter und Fremdenverkehrsämter wollen ihr „Produkt“ zeigen und präsentieren es natürlich im besten Licht.

Kann man da noch kritisch berichten?

Die Einladenden nehmen keinen Einfluss auf die Berichterstattung. Da kann man also durchaus kritisch sein. Könnte sein, dass man danach nicht mehr von dem Fremdenverkehrsamt eingeladen wird. Das muss man riskieren und verschmerzen. Zumal ich als freie Journalistin kaum die Möglichkeit habe, die Reise selbst zu finanzieren. Natürlich hast Du recht, dass durch solche Pressereisen vorherrschende Klischees oft bestärkt werden. Aber da gilt eben auch: Nicht alles nachplappern, was vorerzählt und vorgezeigt wird, sich selbst ein Bild machen, mit den Leuten vor Ort ins Gespräch kommen, recherchieren – auch im Internet.

Sie sind Redakteurin des Columbus und sitzen daneben in der Jury der Vereinigung Deutscher Reisejournalisten (VDRJ), die jährlich die besten Reiseberichte prämiert. Wie wählen Sie die Texte aus? Ist es heute schwieriger, gute Reiseberichte zu finden?

Nein, es ist keineswegs schwieriger gute Reiseberichte zu finden. Eher im Gegenteil. Allerdings: Viele der ausgezeichneten Reportagen stehen nicht im Reiseteil, sondern in der Politik, der Kultur, auf den Reportageseiten. Das ist auch ein Zeichen dafür, dass der Reiseteil eher entpolitisiert und zum Schönwetter- und Wohlfühl-Segment verkommt, um Anzeigen zu generieren. Schade drum! Die Leser des Reiseteils sind ja nicht dümmer als die Leser der anderen Ressorts.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung des Reisejournalismus?

Da geht leider vieles den Bach runter, weil es immer weniger Möglichkeiten gibt, gute Reportagen zu angemessenen Honoraren unterzubringen. Print-Medien zahlen zum Teil Hungerlöhne, selbst die großen Blätter sparen. Und im Rundfunk oder auch im Fernsehen werden gute und lange Reisereportagen immer seltener, eine Erfahrung, die unsere Columbus-Jurys, die Preise für Print, Hörfunk und TV vergeben, von Jahr zu Jahr machen.

Gibt es heute mehr oder weniger „unabhängige“ Journalisten?

Das kann ich nicht beurteilen. Sicher gab es auch früher schon Journalisten, die sich „kaufen“ ließen und die gibt es heute genauso. Und sicher gab es früher schon Journalisten, die sich wie Klaus Betz ihre eigene Nische gesucht haben und sich da ein Fachwissen erarbeitet haben, das sie befähigte, kritisch und unabhängig zu berichten. Ich hoffe, dass es solche Journalisten auch heute noch gibt – auch für den Journalismus im Allgemeinen.

Glauben Sie, die VDRJ leistet einen aktiven Beitrag für den unabhängigen Reisejournalismus? Wie könnte man das verbessern?

Ja, ich glaube schon, dass die VDRJ einen aktiven Beitrag für unabhängigen Journalismus leistet. Durch die Preise, die alljährlich zeigen, was guter Reisejournalismus sein kann und durch das Magazin, das die Problematik immer wieder thematisiert. Zum Netzwerken ist die VDRJ eine gute Adresse, auch weil PR und Veranstalter Mitglieder sind. Das könnte allerdings auch zu Abhängigkeiten führen, wie viele Kritiker meinen. Nur: So bekommen junge Journalisten auch die notwendigen Kontakte. Es ist eine diffizile Gemengelage – wie so oft in unserem Beruf. Eine Lösung sehe ich nicht, im Gegenteil. Nicht nur in vielen Reiseteilen, auch in Magazinen werden Redaktion und Werbung nicht mehr so streng getrennt wie es sein sollte. Auch da versuchen wir übrigens von der VDRJ aus gegenzusteuern.

Sie haben das Blog, Lilo’s Reisen. Welche Fernziele behandeln Sie und wie finanzieren Sie sich ihre Reisereportagen heute?

Myanmar ist dieses Jahr dazu gekommen, die Radtour im südafrikanischen Soweto. Vancouver und Vancouver Island. In die Ferne wird man immer noch eingeladen, das ist nicht das Problem. Aber jede(r) hat auch ein Privatleben und Fernreisen sind Zeitfresser. Wer nicht nur für seinen Beruf und die Reisen leben will, kann deshalb nur ein paar Fernreisen pro Jahr unternehmen. So einfach ist das. Die Reportagen entstehen zum Teil bei Pressereisen, teilweise auch aus Urlaubsreisen, die ich dann selbst finanziere und teilweise mit Unterstützung von Hoteliers und Fluggesellschaften.

Was nehmen Sie für sich aus der Konferenz Bildkorrekturen mit?

Die Ernsthaftigkeit der Nachwuchsjournalisten und die Notwendigkeit der NachhaltigkeitNachhaltigkeit gilt als ökonomische oder soziale Entwicklung, die die Folgen der Entscheidungen in der Gegenwart für die Zukunft antizipiert und sie von diesen Folgen abhängig macht. In ökonomischer Hinsicht beschreibt das Konzept der Nachhaltigkeit eine Wirtschaftsweise, Gewinne bereits sozial- und umweltverträglich zu erwirtschaften, anstatt diese erst in Umwelt- und Sozialprojekte zu reinvestieren.".