Tatort: Bildkorrekturen

Sextourismus, Menschenhandel, Pädophilie, Entwicklungshilfe – Regisseur Niki Stein und Journalist Martin Block debattierten beim Bildkorrekturen-Kamingespräch nicht über die leichtesten Themen. Zwei Stunden fesselten sie ihr junges Publikum und erlaubten nebenbei einen Blick auf Hintergründe und Entstehungsbedingungen eines der bekanntesten „Tatorte“ aller Zeiten.

Von Peter Bieg

Foto: Gigi Simbre

Foto: Gigi Simbre

Als um 21:08 Uhr der Tatort-Vorspann anläuft, ist der spannendste Teil des Abends schon vorbei. Denn zuvor hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der elften Bildkorrekturen-Konferenz Gelegenheit, zwei der Männer hinter dem Klassiker „Tatort: Manila“ (Erstausstrahlung: 19.04.1998) kennenzulernen und auszufragen: Regisseur Niki Stein und Journalist Martin Block, der die Dreharbeiten auf den Philippinen begleitete, berichteten zwei Stunden lang über ihre Erfahrungen bei Konzeption und Produktion eines der meist diskutierten Tatorte überhaupt und stellen sich den Fragen des Publikums. Juristische, politische und organisatorische Hürden bei ihrem ersten Tatort wurden ebenso thematisiert wie die nachhaltige Wirksamkeit entwicklungspolitischer Maßnahmen.

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) regt Mitte der 90er Jahre das Thema Sextourismus und Menschenhandel bei der Tatort-Redaktion des Westdeutschen Rundfunks (WDR) an. Die Beamten möchten sogar finanzielle Unterstützung bei der Umsetzung eines entsprechenden Tatorts leisten. Obwohl der WDR das Geld des Ministeriums ablehnt, begibt sich der junge Regisseur Nikolaus Stein von Kamienski, genannt Niki Stein, 1996 auf eine sechswöchige Recherchereise auf die Philippinen. Es ist nicht sein erster Flug nach Südostasien, bereits 1988 war der heute 52-jährige Stein mit seiner Frau, in der philippinischen Hauptstadt Manila.

Verschleppt in die Pfalz

Tatort: Manila

Tatort: Manila

Stein und Block berichten den jungen Journalisten von ihrer Ankunft auf dem Archipel und dem Beginn der Recherchen vor mittlerweile 17 Jahren. Das Team erkundet die Stadt, knüpft Kontakte zu Einheimischen und streift durch schummrige Bars und Hotels, die auch von Sextouristen aus dem Westen angesteuert werden. (Die Schilderungen der beiden Gäste auf dem Podium, untermalt von Bildern einer Dokumentation über die Entstehung von „Tatort: Manila“ lassen das Publikum manches Mal schaudern, zwischenzeitliche Lacher gibt es nur als Blocks Holzhocker knirschend den Geist aufgibt und Stein im Laufe einer Antwort völlig die Ausgangsfrage vergisst.) Beim Herstellen von Verbindungen und der sensiblen Suche nach zuverlässigen Informanten im bitterarmen und von Korruption geplagten Manila ist Stein der Zufall ein willkommener Helfer: In einem Heim für von Zwangsprostitution traumatisierte Kinder spricht ihn die damals 15-jährige Marlyn auf ihre eigene Geschichte an. Sie wurde von einem deutschen Urlauber-Ehepaar mit einem Touristenvisum in die Pfalz verschleppt, dort zur Prostitution gezwungen und kehrte nach Ablauf des Visums völlig verstört in ihre Heimat zurück. Heute arbeitet sie selbst als Sozialarbeiterin in einem solchen Heim für traumatisierte Kinder. „Tatort: Manila“ erzählt ihre Geschichte, allerdings verfremdet, da damals noch die Staatsanwaltschaft gegen die mutmaßlichen Täter ermittelte.

„Das war das Beste, was mir passieren konnte“, sagt Stein noch heute über die Begegnung mit Marlyn in Manila. In bedrückenden 90 Minuten erzählt „Tatort: Manila“ von Kindesmissbrauch und Sextourismus zwischen Deutschland und den Philippinen. Zufällig stoßen die Kölner Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) auf einen pädophilen Staatsanwalt, der einen kleinen Philippiner nach Deutschland gebracht hat, um sich in seiner Jagdhütte an ihm zu vergehen. Trotz allzu slapstickhafter Szenen, wie der Flucht des kleinen Jungen mit Ballaufs geladener Dienstwaffe durch das vorweihnachtliche Köln, trotz der allzu durchschaubaren Konstruktion eines mörderischen, eiskalten Staatsanwalts hinter gutbürgerlicher Fassade mit Hausfrau, Sohn und Konzertflügel, trotz Ballaufs allzu unrealistischen Harakiri-Aktionen beim Aufbruch nach Manila schafft es der Krimi, seine Zuschauer auf ein unbequemes Thema aufmerksam zu machen.

Drohanrufe vor der Ausstrahlung

Mehr als zehn Millionen Deutsche haben „Tatort: Manila“ mittlerweile gesehen, noch immer läuft Steins erster Tatort regelmäßig in den Programmen der ARD, auch eine DVD ist erhältlich, der Ordner mit Vor- und Nachbesprechungen, den Block mitgebracht hat, ist prall gefüllt. Martin Block, (der an den letzten Drehtagen im Jahr 1997 den Verein „Tatort – Straßen der Welt e. V.“ zur Hilfe philippinischer Straßenkinder gründete), und Stein wollen ihre Zuschauer aufrütteln und noch heute wird deutlich, wie sehr sie sich mit dem damals nahezu unbearbeiteten Thema Sextourismus auseinandergesetzt haben. „Wir haben uns da in einen Grenzbereich gewagt“, sagt Stein, der in den folgenden Jahren vielfach für seine Regie- und Drehbucharbeiten ausgezeichnet wurde und noch immer vom Thema gefesselt ist. „Ganz unbelastet gehen wir aus diesem Film nicht“. Mit „Tatort: Manila“ löste er eine kontroverse Debatte aus, erhielt vor der TV-Premiere sogar Drohanrufe von Pädophilen.

Der freie Journalist Block war von den „unvorstellbare[n] Lebensumständen“ vor Ort so ergriffen, dass er spontan den Hilfsverein „Tatort – Straßen der Welt e. V.“ zur Hilfe philippinischer Straßenkinder gründete. „Ich habe mich gemein gemacht mit der guten Sache“, sagt er und fügt hinzu: „Der Verein war als Kurzfristaktion gedacht.“ Aus dieser Kurzfristaktion ist längst eine Institution geworden, mit Block als Geschäftsführer. Tatort – Straßen der Welt e.V. kooperiert mit Partnern in Manila und betätigt sich mittlerweile auch in Bereichen wie Fairer Handel, Katastrophenhilfe und der Aufklärungsarbeit in Gefängnissen.

Die Sextouristen strafrechtlich zu verfolgen, ist heute so notwendig wie damals. Einfacher ist es nicht geworden. „Kinderprostitution vor Ort ist versteckter geworden, aber es gibt sie noch immer“, sagt Block. Viel hängt von Polizei und Justiz ab, nach wie vor gibt es Korruption. Auch was die nachhaltige Wirksamkeit journalistischer, künstlerischer und politischer Projekte in und für Entwicklungsländer angeht, haben Stein und Block an diesem Abend allzu romantische Bilder korrigiert.