Der Widersprecher

Jahrelang hat der Journalist Khoa Le Trung mit Vietnams Staatsmedien zusammengearbeitet. Jetzt fordert er die Regierung heraus. Was treibt ihn an?

Der Artikel, der Khoa Le Trungs Leben für immer verändern wird, ist im Grunde harmlos. Anfang Juli 2017, wenige Tage vor dem G20-Gipfel in Hamburg, schnappt der vietnamesische Journalist, der in Berlin lebt, Berichte aus Vietnams Staatsmedien auf. Von einem offiziellen Staatsempfang des Premierministers Nguyễn Xuân Phúc ist dort immer wieder die Rede. Das kleine Vietnam im Kreis der ganz Großen – das ist die Botschaft, die das Land damals in die Welt hinausschicken will.

Khoa Le Trung ist skeptisch, prüft nach und wird fündig. Kein offizieller Staatsempfang, sondern nur ein bilaterales Gespräch, das ist die Botschaft, die der Journalist dem Spin der Regierung entgegenhält. Politiker behaupten etwas, Journalisten widerlegen es. Ein gewöhnlicher Vorgang, der sich tagtäglich abspielt und nicht weiter erwähnenswert wäre. Doch was auch Khoa Le Trung in diesen Juli-Tagen vor dem G20-Gipfel noch nicht ahnt: Dieser harmlose Artikel wird schon bald eine heftige Kettenreaktion in Gang setzen.

Über zwei Jahre später steht der Journalist in einem Workshop-Raum des Leipziger Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung vor einer Gruppe von Nachwuchs-Journalisten und spricht über die Umweltverschmutzung, die sich in Vietnam abspielt. „Das ist die Realität, die in den Staatsmedien nicht gezeigt wird“, erklärt Khoa Le Trung. Auf einer Leinwand hinter ihm ist die Seite geöffnet, mit der einst alles anfing: thoibao, eine mehrsprachige Online-Zeitung, die sich primär mit Vietnam beschäftigt und von ihm zu Beginn des Jahrtausends gegründet wurde.

Zunächst ist das alles eher ein Hobby. Khoa Le Trung zieht Anfang der 90er-Jahre nach Deutschland, um Mediengestaltung zu studieren. Seine Online-Zeitung läuft später so nebenher, die Klicks halten sich in Grenzen, von Kritik an der Kommunistischen Partei ist damals noch keine Spur. In Vietnam sieht man in ihm wiederum ein nützliches Werkzeug, um auch grenzüberschreitend Einfluss auszuüben. Also bietet man ihm einen Vertrag an, der im Grunde ein Informationstausch ist: Er liefert geschönte Informationen nach Vietnam, im Gegenzug darf er geschönte Informationen aus den Staatsmedien übernehmen. Ein Gleichgewicht, von dem die vietnamesische Regierung gleich doppelt profitiert.

 

„Und dann war ich plötzlich der Feind“

Khoa Le Trung

 

Als Khoa Le Trung in jenen Juli-Tagen des G20-Gipfels es schließlich wagt, die geschönten Informationen aus Vietnam mit eigenen Recherchen in Frage zu stellen, kündigt er damit den Vertrag auf, der jahrelang gehalten hatte. Seine Klickzahlen schnellen in die Höhe, aber das Gleichgewicht kippt. Aus dem Informationstausch wird ein Informationskampf. Es dauert nicht lange, da meldet sich die vietnamesische Botschaft bei ihm. Sie verlangt die sofortige Löschung des Artikels. „Aber das ist doch nur die Wahrheit“, sagt der Journalist, der anschließend von mehreren Veranstaltungen ausgeladen wird. „Am einen Tag wurde ich noch freundlich behandelt“, erinnert er sich. „Und dann war ich plötzlich der Feind.“

Es ist der Moment, in dem sich etwas zu wandeln beginnt. Erst in Khoa Le Trung, der die Skrupellosigkeit der Ein-Parteien-Regierung zum ersten Mal zu spüren bekommt. Dann auf seiner Seite thoibao, die nun zunehmend kritischer über das Land berichtet. „Ich habe gemerkt, dass wahrheitsgemäße Informationen in Vietnam fehlen“, erzählt der Journalist. Aber wieso nur sperrt sich Vietnam so sehr gegen Kritik, selbst gegen solche der harmlosen Art?

Sind Journalisten Lautsprecher oder Widersprecher? Roger Blum im Gespräch über das vietnamesische Mediensystem. © Christiane Fritsch

Der Schweizer Kommunikationswissenschaftler Roger Blum hat sich intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, wie sich internationale Mediensysteme voneinander unterscheiden. In seinem Buch „Lautsprecher und Widersprecher“ beschreibt er die Ausrichtung einer Medienlandschaft anhand ihres Harmoniegrades. Treten die Medien als Widersprecher der Regierung auf, so wie in Deutschland? Oder verkommt die Rolle der Journalisten stattdessen zu Lautsprechern der Staatsspitze, so wie in Vietnam?

Blickt man auf die Weltkarte von Reporter ohne Grenzen, einer Nichtregierungsorganisation, die regelmäßig eine Rangliste der Pressefreiheit ermittelt, wird klar, wie stark die Medien in Vietnam eingeschränkt sind. Die Fläche des Landes ist auf der Karte dunkel gefärbt, so als habe jemand die Nacht über Vietnam ausgekippt. Im Reporter-ohne-Grenzen-Jargon bedeutet das übersetzt: Höchste Alarmbereitschaft! In der Rangliste belegt Vietnam Platz 176. Knapp unter Syrien, knapp über Nordkorea, das sind die Sphären, in denen sich Vietnams Medien bewegen.

 

„Jedes Mediensystem hat seine roten Linien“

Roger Blum

 

Denn private Medien gibt es in Vietnam praktisch keine. TV-Sender, Radio-Sender und Zeitungen stehen stattdessen allesamt unter RegierungskontrolleAls Troll bezeichnet man im Netzjargon eine Person, die ihre Kommunikation im Internet auf Beiträge beschränkt, die auf emotionale Provokation anderer Gesprächsteilnehmer zielt. Dies erfolgt mit der Motivation, eine Reaktion der anderen Teilnehmer zu erreichen. und werden konsequent auf Parteilinie getrimmt. Mit immer schärferen Gesetzen und Einschüchterungsversuchen wird eine Atmosphäre geschaffen, die potenziell kritische Journalisten in die Selbstzensur treibt. Als sich mit dem Internet neue Kanäle öffneten, verhängte die Regierung Haftstrafen gegen Blogger. Wenn der Wissenschaftler Roger Blum sagt, dass jedes Mediensystem seine roten Linien hat, dann scheinen diese roten Linien in Vietnam derzeit näher und näher zu kommen.

Ein Journalist wie Khoa Le Trung ist in diesem System nicht vorgesehen. Aber das ist eben die Krux mit dem grenzüberschreitenden Einfluss: Er kann sich auch umdrehen. Plötzlich ist da ein Widersprecher unter Lautsprechern. Er lebt tausende Kilometer entfernt. Und entzieht sich somit dem direkten Einflusses des vietnamesischen Staates.

Am 23. Juli 2017, etwa zwei Wochen nach den Turbulenzen des G20-Gipfels, wird der Vietnamese Trịnh Xuân Thanh, der in Deutschland Asyl ersucht hatte, in seine Heimat entführt. Die deutsche Politik ist entsetzt, zwischen den Ländern beginnt eine Eiszeit. Und Khoa Le Trung macht sich sofort an die Arbeit. Er spricht mit der Anwältin des Entführten, schreibt etliche Artikel, stellt wieder die Version Vietnams in Frage. Die Klickzahlen steigen und steigen.

 

„Manchmal muss man eben ein bisschen mutig sein“

Khoa Le Trung

 

Khoa Le Trung kämpft gegen ein autoritäres Regime. Kann er Erfolg haben? © Vera Baumann/Amelie Schardt

Der Konflikt zwischen dem Journalisten und seinem Heimatland eskaliert schließlich. Erst wird thoibao in Vietnam gesperrt, dann kommt es zu staatlichen DDOS-Angriffen. Das Landeskriminalamt schaltet sich ein. In Vietnams Medien wird Khoa Le Trungs Gesicht abgebildet. Er gilt nun als Staatsfeind. Morddrohungen sind die Folge. Ein Journalist schreibt gegen das System an – und das System wehrt sich mit allen Mitteln.

Viele Menschen kommen früher oder später an einen Punkt, an dem sie entscheiden müssen, was ihnen wichtig ist. Ist es all das wert? Der Polizeischutz bei der Arbeit? Der nicht-verlängerte Pass, weil der Gang in die Botschaft zu gefährlich wäre? Der Verzicht auf Urlaub in der Heimat, weil sich dort ein ‚Unfall‘ ereignen könnte?

Khoa Le Trung hat sich für das Weitermachen entschieden. „Manchmal muss man eben ein bisschen mutig sein“, sagt er. Er stört sich daran, dass sich Vietnam als nachhaltiges Land inszeniert, obwohl es keine Medien gibt, die die Einhaltung der NachhaltigkeitNachhaltigkeit gilt als ökonomische oder soziale Entwicklung, die die Folgen der Entscheidungen in der Gegenwart für die Zukunft antizipiert und sie von diesen Folgen abhängig macht. In ökonomischer Hinsicht beschreibt das Konzept der Nachhaltigkeit eine Wirtschaftsweise, Gewinne bereits sozial- und umweltverträglich zu erwirtschaften, anstatt diese erst in Umwelt- und Sozialprojekte zu reinvestieren."sziele kontrollieren. Er freut sich darüber, wenn vietnamesische Staatsmedien einen Falschbericht löschen, nachdem thoibao diesen widerlegt hat. Und er wirkt geradezu begeistert, wenn er von seinen anonymen Informationsquellen erzählen kann, die manchmal sogar von höchster Parteiebene kommen.

Kann man von Deutschland aus ein autoritäres Regime in Asien ins Wanken bringen – mit nichts anderem als Informationen? Es wirkt wie der Versuch, Wasser in ein löchriges Glas zu füllen. Aber je länger man sich mit dem Journalisten unterhält, desto klarer wird, dass da jemand fest daran glaubt, mit seiner Arbeit etwas verändern zu können. Denn was selbst ein harmloser Artikel so alles anrichten kann, das weiß Khoa Le Trung ja nur allzu gut.