Zwischen Klimahysterie und Klimabewusstsein

Ob extreme Waldbrände in Australien oder Fridays for Future in Deutschland: Es vergeht kaum ein Tag ohne Schlagzeilen zum Klimawandels. Der Journalist Philipp Abresch, der sich mit dem NDR in seiner Reihe #wetterextrem – Der Norden im Klimawandel auf die Suche nach den Spuren des Klimawandels in Norddeutschland gemacht hat, spricht im Interview über die mediale Berichterstattung zum Klimawandel und die Rolle der Medien beim Thema NachhaltigkeitNachhaltigkeit gilt als ökonomische oder soziale Entwicklung, die die Folgen der Entscheidungen in der Gegenwart für die Zukunft antizipiert und sie von diesen Folgen abhängig macht. In ökonomischer Hinsicht beschreibt das Konzept der Nachhaltigkeit eine Wirtschaftsweise, Gewinne bereits sozial- und umweltverträglich zu erwirtschaften, anstatt diese erst in Umwelt- und Sozialprojekte zu reinvestieren.". | VON Vera Baumann und Amelie Schardt

Mit dem NDR haben Sie die Reihe #wetterextrem – der Norden im Klimawandel gedreht. Ist es Ihnen auch ein persönliches Anliegen, den Klimawandel zu verfolgen und Bewusstsein zu schaffen?

Als der NDR mich wegen einer Reihe zum Klimawandel in Norddeutschland fragte, war ich erst skeptisch, weil ich dachte, dass das schwierig zu bebildern wäre. Man kann ja nicht immer nur Gewitter und hohe Wellen zeigen. Doch dann wurde mir bewusst, dass ich in den zehn Jahren in Asien die ganze Zeit über den Klimawandel berichtet habe und dass alles miteinander zusammenhängt: die unglaubliche Trockenheit im australischen Outback, die Farmer, die kein Futter für ihre Rinder haben, der sich erwärmende Ozean, die Korallen, die kaputt gehen oder die Wirbelstürme auf den Philippinen, die eine unglaubliche Zerstörung anrichten – das ist alles Klimawandel. Deshalb finde ich das Projekt des NDR wichtig und spannend. Wir haben uns dann eine Elektroschwalbe geschnappt und sind etappenweise durch Norddeutschland gereist auf der Suche nach den Folgen des Klimawandels.

Als Auslandskorrespondent sind sie ja sehr viel geflogen. Sehen Sie das Fliegen als gerechtfertigt, indem sie Aufklärungsarbeit über den Klimawandel leisten?

Man kann das nicht wieder gut machen. Man kann es zwar kompensieren und klimafreundliche Projekte unterstützen, aber das CO2, das ich verursacht habe, ist jetzt da und bleibt noch eine Weile. Meine Kollegen haben mir einmal vorgerechnet wieviel ich verursacht habe in den zehn Jahren als Korrespondent und Vielflieger: 270 Tonnen CO2, das ist so viel wie ein Durchschnittsdeutscher in dreißig Jahren verursacht. Ich war eigentlich immer so ein „Klima-Hallodri“, ich mag das Fliegen und habe auch einen Motorradführerschein. Der Dreh in Norddeutschland hat mir aber vor Augen geführt, wie wichtig es ist, dass wir etwas tun. Wir wollten eigentlich nur zeigen, wie sich der Klimawandel im Norden zeigt und wie die Menschen sich darauf einstellen, aber am Ende konnte ich mit meiner eigenen Meinung nicht zurückhalten, dass ich denke, dass wir handeln müssen.

Das Thema des Klimawandels ist in den deutschen Medien schon seit längerem ziemlich zentral. Beschäftigen sich Journalisten in den südostasiatischen Medien ebenso mit den Themen Klimawandel und NachhaltigkeitNachhaltigkeit gilt als ökonomische oder soziale Entwicklung, die die Folgen der Entscheidungen in der Gegenwart für die Zukunft antizipiert und sie von diesen Folgen abhängig macht. In ökonomischer Hinsicht beschreibt das Konzept der Nachhaltigkeit eine Wirtschaftsweise, Gewinne bereits sozial- und umweltverträglich zu erwirtschaften, anstatt diese erst in Umwelt- und Sozialprojekte zu reinvestieren."?

Natürlich sieht man auch in der Zeitung und im Fernsehen jeden Tag die Folgen vom Klimawandel. Südostasien leidet enorm unter Naturkatastrophen wie Erdrutsche, Regenfälle, Überflutungen, Wirbelstürbe oder Korallenbleiche. Aber den zweiten Schritt, die Verknüpfung der Ereignisse mit dem Klimawandel und dass das menschengemacht ist, sehe ich in den Medien nicht immer.

Über die Folgen des Klimawandels haben Sie berichtet, um Aufmerksamkeit zu generieren. Denken Sie, man sollte darüber verstärkt berichten, um auch in der Praxis etwas zu verändern?

Man muss dabei auch bedenken, dass es ganz viele Leute gibt, für die der Klimawandel kein Thema ist, weil sie nicht daran glauben oder weil sie vielleicht andere Sorgen haben. Diesen Menschen müssen wir mit unserem Programm auch gerecht werden und deshalb gehören auch andere Themen hinein. Für mich ist die Klimaberichterstattung sehr wichtig, aber ich glaube auch, dass man aufpassen muss, keine Hysterie zu verbreiten. Wichtiger ist, dass man Fakten darlegt und diese auch transparent macht. Wir hatten eine YouTube-Serie mit sechs Folgen zum Klimawandel und da haben wir versucht jede Zahl, die wir nennen, mit einer glaubwürdigen Quelle zu hinterlegen. Dadurch entsteht bei den Zuschauern vielleicht auch ein eigenes Bild und wir müssen gar nicht „missionarisch“ tätig werden.

Zum Abschluss möchten wir noch einmal auf das Thema der Bildkorrekturen Konferenz zu sprechen kommen. Was denken Sie, welche Bilder gibt es in den deutschen Medien über Vietnam, die man verändern sollte?

Mein Eindruck ist, und das muss ich auch selbstkritisch anmerken, dass man in Deutschland von Vietnam immer nur das Bild eines wunderschönen Reiselandes hat. Das stimmt auch, es ist ein wunderschönes Land mit grandiosen Landschaften und einer vielfältigen Kultur. Der Vietnamkrieg hat das Bild Vietnams auch bis heute geprägt und ganze Generationen in Deutschland politisiert, die dann auf die Straße gegangen sind. Aber es gibt auch noch ein anderes Vietnam und darüber habe auch ich erst durch das heutige Panel mit dem Blogger Le Trung Khoa viel gelernt. Er hatte einige negative Erlebnisse mit seinem Heimatland und ich glaube, wenn man dafür ein bisschen sensibler wird, dann ist das schon ein großer Erfolg dieser Konferenz.

Philipp Abresch

Wer ist Philipp ADer Journalist Philipp Abresch während des Panels über Vietnambresch? Philipp Abresch ist Journalist des NDR und ehemaliger ARD-Auslandskorrezspondent für Südostasien. Nach seinem Studium in Berlin machte er ein Volontariat beim NDR. Seine Arbeit als Auslandskorrespondent begann er 2009 im ARD-Studio in Singapur. 2011 wurde er Studioleiter des Studios in Tokio und wechselte 2014 als Studioleiter zurück nach Singapur. Als Leiter des ARD-Studios in Singapur leitete er die Berichterstattung aus über 13 Ländern in Asien. Er drehte unter anderem Beiträge für die Tagesschau und die Tagesthemen. 2019 drehte er mit dem NDR die Reihe #wetterextrem – Der Norden im Klimawandel, bei der er sich mit seinem Team auf die Suche nach den Spuren des Klimawandels in Norddeutschland machte.

Le Trung Khoa

Der vietnamesische Journalist und Blogger Le Trung KhoaWer ist Le Trung Khoa? Le Trung Khoa ist ein vietnamesischer Journalist, der von Deutschland aus arbeitet. Er ist Chefredakteur der vietnamesischsprachigen Onlinezeitung thoibao.de, die von Millionen vietnamesischen Lesern genutzt wird. Er berichtet unter anderem über Themen, die in den staatlichen kontrollierten Medien Vietnams nicht aufgegriffen werden. Le Trung Khoa war als Sprecher auf der Bildkorrekturen Konferenz in Leipzig zum Thema Vietnam zu Gast, um über seine Arbeit als regierungskritischer Journalist zu sprechen.

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