Smart Brother Zukünftig braucht es umweltfreundliche Städte. Die “Smart City” Songdo versucht genau das zu sein. In der deutschen Medienberichterstattung kommt sie trotzdem nicht gut weg.

Von Alexander Gutsfeld

Songdo möchte die Stadt der Zukunft sein. Die südkoreanische Stadt liegt nur 50 km westlich der Hauptstadt Seoul und versucht alles besser zu machen als ihr überfüllter, CO2 und Feinstaub-spuckender Nachbar. Dabei möchte Songdo Antworten auf ein drängendes Problem gegenwärtiger Städte finden: Sie verpesten die menschliche Umwelt. Obwohl nur drei Prozent der Erdoberfläche von Städten bedeckt werden, machen diese 60-80 Prozent des Energieverbrauchs und 75 Prozent der CO2-Emissionen aus. Tendenz steigend. Die Planer von Songdo versuchten, dieser Entwicklung das Konzept einer klimafreundlichen, digital vernetzten Stadt entgegenzusetzen. Die Stadt von morgen soll umweltfreundlich und nachhaltig sein, mit effizientem Verkehr und klimafreundlichen Technologien. In den deutschen Medien stößt Songdo trotzdem auf viel Kritik.

Dabei rühmt sich Songdo, „die smarteste der smarten Städte der Welt“ zu sein (Süddeutsche Zeitung). „Smart“ bedeutet im Fall Songdo: Umweltfreundlich und digital vernetzt. Als im Jahr 2003 die Stadt auf dem Reißbrett geplant und komplett neu errichtet wurde, sollten ihre zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohner an einem Ort leben, der nachhaltig mit seinen Ressourcen"Der Begriff kommt aus dem Lateinischen (resurgere – „hervorquellen“) bzw. Französischen (la ressource – Mittel, Quelle). Er bezeichnet im weiteren Sinne alle Mittel, die in die Produktion von Gütern und Dienstleistungen einfließen. Zu den natürlichen Ressourcen zählen zum Beispiel Rohstoffe, Wasser, Boden und Luft. Sie werden unterschieden in regenerierbare (z.B. Wälder) und nicht regenerierbare Ressourcen (z.B. fossile Brennstoffe)." umgeht. Heute sind auf den Hochhäusern Songdos Solarmodule installiert, das Regenwasser wird gespeichert und das Abwasser wiederaufbereitet. Alle Gebäude der Stadt sind nach dem LEED-Standard für besonders nachhaltige Bauweise zertifiziert. Anfangs als „Geisterstadt“ belächelt, wohnen heute in Songdo rund 150 000 Einwohner (Stand: 21.09.2019). Irgendwann sollen es 260 000 sein.

Mit einer Mischung aus Staunen und Skepsis wird seitdem in den deutschen Medien über Songdo berichtet. Besondere Erwähnung findet in den Artikeln die Straßenbeleuchtung: Die Ampeln richten sich nach dem Verkehr und springen erst an, wenn Menschen unterwegs sind. 30 Prozent Energie soll durch diese Technik im Vergleich zu anderen Städten eingespart werden. „Songdo kennt keine Staus. Songdo kennt auch keine Mülltonnen“, staunt Andrea Schorsch in ntv. An speziellen Stationen werden die Müllsäcke eingesaugt und über ein Rohrleitungssystem in eine RecyclingRecycling ist das Sammeln und (teilweise) Verwerten von gebrauchten Gegenständen und Materialien als Rohstoffe für neue Produkte. Der Begriff hat seinen Ursprung im Griechischen und bedeutet "Wiederverwertung". Gesetzlich wird erst von "Recycling" gesprochen, wenn der Rohstoff zuvor als "Abfall" eingestuft war, andernfalls handelt es sich um "Wiederverwendung". Der umgangssprachliche Gebrauch des Begriffs Recycling umfasst oft beide Bedeutungen. In der wirtschaftlichen Bedeutung ist Recycling die Rückführung von Produktions- und Konsumabfällen in den Wirtschaftskreislauf.anlage transportiert.

Die Artikel in den deutschen Medien lesen sich, als ob ihre Verfasser und Verfasserinnen durch Songdo spazieren und sich dabei kurz in einer besseren Zukunft wähnen – bis ihnen auffällt, dass auch hier trotz verbesserten Verkehrsmanagements überall Autos fahren und mancher Orts sogar Plastikmüll auf den Straßen liegt. Enttäuscht ziehen sie nun umso härter über das Möchtegern-Utopia Songdo her: Das ach so tolle Müllsystem funktioniere nicht richtig (Süddeutsche Zeitung), die Straßen seien acht- bis zehnspurig (Der Spiegel) und abseits der Hochhäuser gebe es nur ödes Marschland (Der Spiegel). Außerdem sei Songdo teuer und elitär: Luxuriöse Apartments und renommierte Schulen und Universitäten sollen reiche Koreaner anlocken. Anstelle von demokratischen Entscheidungsprozessen würden von der IT-Firma CisDer Begriff Cisgender bezeichnet Menschen, deren Geschlechtsidentität mit ihrem körperlichen Geschlecht übereinstimmen. Somit identifizieren sich Cisgender-Personen mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht weitestgehend und unterscheiden sich von Transgender-Personen. Synonym können auch die Begriffe „geborene Frauen/Männer“, „genetische Frauen/Männer“ oder „Biomann“ bzw. „Biofrau“ verwendet werden. Der Begriff wurde 1991 eingeführt, um deutlich zu machen, dass das normal unterstellte Zusammenfallen von Körpergeschlecht und Geschlechtsidentität keine Selbstverständlichkeit sind.co, die vor Ort ihre neuesten Produkte testen wolle, „Top-Down Entscheidungen“ getroffen. Die Stadtbewohner kämen ausschließlich aus der Oberschicht oder oberen Mittelschicht, andere Gesellschaftsschichten suche man vergeblich. Songdo werde so zu einem Projekt von und für ökonomisch-gesellschaftliche Eliten. Die Stadt der Zukunft sei im Fall Songdos lediglich Spekulationsobjekt und Statussymbol. Ein Statussymbol, das vor allem reiche, alte Menschen anlocke. Denn das sei vielleicht die erstaunlichste Erkenntnis aus der Zukunftsstadt, so die FAZ: „Sie wird nicht von technikaffinen Freaks bewohnt, sondern ist vor allem bei Rentnern beliebt“.

Und die legen viel Wert auf Ruhe und Sicherheit. In Songdo lebt es sich somit nicht nur umweltbewusst und nachhaltig – sondern auch unter totaler Überwachung, 24 Stunden am Tag. Die Sensoren und 980 Kameras regeln nämlich nicht nur den Verkehrsfluss und die Luftverschmutzung, sondern überwachen auch den Alltag der Stadt. Die Kameras filmen die Gebäude, um ihre Bewohner vor Einbrüchen zu schützen und lesen die Nummernschilder aller Autos, die in die Stadt fahren. Alle gesammelten Informationen werden schließlich in der Einsatzzentrale ausgewertet. Dutzende Mitarbeiter sichten das Material und stehen im Kontakt mit Polizei und Feuerwehr. „Wer sich in einem Park laut streitet, sollte wissen, dass die Sensoren mithören können – und wenn ein Streit zu laut wird, fragt möglicherweise ein Mitarbeiter der Einsatzzentrale über den am Kameramast angebrachten Lautsprecher: ‚Brauchen Sie Hilfe?’ (Der Spiegel). Für Europäer klinge das zwar abschreckend, so Katharina Graca-Peters im Spiegel. “Koreaner aber sind gegenüber digitaler Datennutzung grundsätzlich aufgeschlossen.” Schließlich diene die Überwachung dem Schutz der Stadtbewohner und sei deshalb in ihrem Sinne, zitiert der Artikel Stadtplaner und -bewohner. Die Stadt der Zukunft stellt man sich in der deutschen Medienlandschaft trotzdem ganz anders vor. Dabei stellt sich Andrea Schorsch in ntv die Frage, was mit all den Daten geschieht, deren Informationsfluss laut Stadtverwaltung erst die digitale Vernetzung und somit die umfangreiche Energie- und Ressourceneinsparung ermögliche: „Ein Missbrauch der Daten gehört selbstredend nicht zum Konzept Songdos“, so Schorsch. Theoretisch aber sei er möglich.

Der Fokus auf das Thema Überwachung in den Artikeln der deutschen Medien über Songdo sorgt dafür, dass die „Smart City“ eher wie eine Dystopie aus Orwells Roman „1984“ erscheint, als eine grüne, nachhaltige Stadt der Zukunft: „Big Brother ist überall“ (SZ). Es ist vor allem diese Totalüberwachung, die den deutschen Kommentatoren aufstößt und ihre restlichen Kritikpunkte zu Randnotizen degradiert. Schorsch kommentiert: „Das Leben in Songdo ist überwacht. Das gesamte Leben, 24 Stunden am Tag. Ganz gleich, ob bei der Arbeit, zu Hause oder unterwegs. Die Kameras, Chips und Sensoren halten Bewegungsmuster fest; die eines jeden Menschen. Die komplette Stadt und all ihre Abläufe unterliegen einer RundumkontrolleAls Troll bezeichnet man im Netzjargon eine Person, die ihre Kommunikation im Internet auf Beiträge beschränkt, die auf emotionale Provokation anderer Gesprächsteilnehmer zielt. Dies erfolgt mit der Motivation, eine Reaktion der anderen Teilnehmer zu erreichen..“ Katharina Graca-Peters wird im Spiegel gar kreativ und titelt in Anlehnung an das Musical „My Fair Lady“ etwas holprig: „Es grünt so grün, wo Südkoreas Kameras stehen“.

 

Die Stadt der Zukunft sollte nicht totalüberwacht sein, auch nicht zum Wohle der Sicherheit. Darin ist sich die deutsche Medienberichterstattung einig. Und auch die gähnende Leere und Ödnis im Stadtbild mache Songdo zu keiner Stadt in der man gerne wohnt. Songdo sei, so Hanns Neubert in Heise online, zwar ein Aushängeschild für die Smart City vom Reißbrett geworden. Aber keine Stadt, in der man glücklich wird. Doch genau das sollten die Planer einer nachhaltigen Stadt anstreben: Eine Stadt zu schaffen, die nach den Bedürfnissen seiner Bewohner und Bewohnerinnen fragt, „alltagsnah, nutzerfreundlich und ohne Ängste vor Totalüberwachung“. Eine Stadt also, die in die Zukunft blickt und dabei trotzdem – oder gerade deswegen – menschliche Begegnungsräume schafft, gerne auch ohne digitale Hilfe.