Hinterm Horizont ist Feinstaub Warum deutsche Medien kaum über Probleme im Ausland berichten

Von Carolin Rückl & Ben Kutz

„Hund beißt Mann ist keine Meldung, Mann beißt Hund allerdings schon“, lautet eine alte journalistische Weisheit. Zurückzuführen ist sie auf die Nachrichtenwerttheorie, die seit vielen Jahren die journalistische Arbeit prägt. Außergewöhnliche Themen haben Vorzug, genauso Geschichten mit regionalem Bezug. Je mehr der Inhalt eines Artikels in die Lebensrealität der LeserInnen passt, desto berichtenswerter ist er für die Medien. Themen, die „weiter weg“ sind, fallen da schnell unter den Tisch. Umweltschutz zum Beispiel.

Zwar hat die Berichterstattung über Themen rund um Klimaschutz in den letzten Jahren zugenommen, der Nachrichtenfaktor Nähe ist aber nach wie vor von großer Bedeutung. Was vor der Haustür passiert, ist für die Menschen nun einmal relevanter als irgendwo auf der Welt.

Gerade mit Blick auf die internationale Berichterstattung belegen Studien diese scheinbare Relevanz von Regionalität. Der Kommunikationswissenschaftler Thomas Hanitzsch forscht an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität unter anderem zu internationaler Krisenberichterstattung. Er sieht in der Regionalität von Nachrichten einen Faktor, der in der Auslandsberichterstattung nach wie vor eine maßgebliche Rolle spielt: „Die Forschung zeigt, dass geografische Nähe ein wichtiger Faktor bei der Nachrichtenauswahl ist. Es kommt aber darauf an, was mit ‚regional‘ gemeint ist. So konzentriert sich die Berichterstattung innerhalb Europas stärker auf Ereignisse, die innerhalb der ‚Region‘ Europa stattfinden“, sagt Hanitzsch.

Insbesondere über das Thema Feinstaub in Städten ist in der vergangenen Zeit eine rege Diskussion ausgebrochen. Gibt man den Suchbegriff „Feinstaub“ in eine Nachrichten-Suchmaschine ein, erscheinen zahlreiche Meldungen: Deutsche Städte, die regelmäßig Grenzwerte überschreiten und den „Feinstaubalarm“ ausgerufen haben oder – gerade zum Jahreswechsel – zahlreiche Diskussionsbeiträge, ob in den Innenstädten weiterhin geböllert werden darf, schließlich würden die Raketen extrem viel Feinstaub freisetzen.

Auslandsberichterstattung findet sich dagegen oft nur am Rande. Und wenn doch ein Fokus auf andere Länder gelegt wird, besteht oft eine geografische oder kulturelle Nähe zu Deutschland oder die Zeitungen schreiben nur über Einzelereignisse, lassen aber den größeren Zusammenhang unerwähnt.

Der Journalismusforscher Lutz Mükke sieht eine solche Fokussierung auf regional nahe Einzelereignisse in der aktuellen Entwicklung der Auslandsberichterstattung begründet. In einem Dossier für das Netzwerk Recherche versucht er sich der oft beschworenen Krise des Auslandsjournalismus aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive zu nähern. Diese Krise äußere sich vornehmlich darin, dass die Auslandsberichterstattung in Deutschland wegen zwei Faktoren sukzessive an Bedeutung verlieren würde. Laut Mükke gebe es erstens eine stärkere Selbstbezüglichkeit, die Inlandsberichterstattung eine stärkere Bedeutung gebe. „Besonders bei Regionalmedien“ wären diese Regionalisierungs- und Lokalisierungstendenzen spürbar. „Und zweitens“, so der Forscher weiter, „nimmt der Deutschlandbezug innerhalb von Auslandsberichterstattung zu.“ Folgt man Mükke, ist die „Nähe“ als Auswahlfaktor von Nachrichten also nicht nur ein in vielen Redaktionen gängiger, sondern ein zusehends an Bedeutung gewinnender Faktor bei der Auswahl von Nachrichten.

 

Schon 1965 haben die Wissenschaftler Galtung und Ruge, die die Nachrichtenwerttheorie maßgeblich mitgestalteten, Bedenken über ihre eigene Theorie geäußert. Wenn nie über Themen im Ausland berichtet wird, würden ferne Länder als gefährliche und andersartige Orte wahrgenommen. Dadurch festigt sich eine Erwartungshaltung der Leserïnnen. Außerdem berichten Zeitungen viel lieber über negative Ereignisse, was zusätzlich den Eindruck verstärkt, „dort im Ausland“ passiere nur Schlimmes.

Ähnliches stellt Lutz Mükke fest: „Das von Massenmedien auf diese Weise gezeichnete Gesamtbild ist hochgradig verzerrt und surreal.“ Mükke zufolge werde gerade von vielen Journalistïnnen, die selbst im Ausland tätig sind, die Fokussierung auf akute Brennpunkte kritisiert, die nicht zuletzt die langfristige und dauerhafte mediale Begleitung von Entwicklungen erschwere.

Ein Standpunkt, den beispielsweise Golineh Atai in einem Interview mit dem NDR bestätigt. Von 2015 bis 2018 arbeitete Atai für die ARD als Korrespondentin in Moskau und empfand dabei als größte Herausforderung in der täglichen Arbeit mit den deutschen Redaktionen, „den Menschen auf der anderen Seite der Leitung dazu zu bewegen, die Welt von hier aus zu sehen. Das Bemühen, Brennpunkte nicht innerhalb kurzer Zeit zu blinden Flecken werden zu lassen.“

Nicht zuletzt das oft löchrige Korrespondentïnnennetz deutscher Medienhäuser und -anstalten ist ein Indiz für die scheinbar mangelnde Bereitschaft der Stammredaktionen an einer dauerhaften und flächendeckenden Berichterstattung. Zwar beschäftigt die ARD für Deutschland immer noch vergleichsweise viele feste Korrespondentïnnen, doch auch für die ARD berichten nur zwei Korrespondentïnnen aus „fast 40 afrikanischen Ländern südlich der Sahara“. Es ist mehr als fraglich, wie ein einziges Auslandsstudio periphere Gebiete von enormer geographischer Fläche abdecken soll, ohne sich auf akute Brennpunkte zu beschränken.

Kein Wunder also, dass das Thema globaler Umweltschutz – und konkret die Feinstaubbelastung in Städten weltweit – eher ein Nischenthema in der Berichterstattung ist. Solche Nachrichten finden sich ganz oft nur, wenn es um kurzfristige Ereignisse geht oder wenn Deutschland als Aufhänger genutzt wird, um dann auch über andere Länder zu berichten.

Thomas Hanitzsch zufolge liegt das in der Regel daran, dass die journalistischen Nachrichtenwerte mit den Publikumserwartungen korrespondieren. „Daher ist es ökonomisch wenig sinnvoll, an den Nachrichtenwerten vorbei zu berichten. Aber es mag Themen geben, die normativ wichtig sind, die aber von Nachrichtenwerten benachteiligt sind“, beschreibt er den aktuellen Stand der Kommunikationsforschung.

Manche Medien versuchen, mit diesem „klassischen“ Umgang mit Nachrichtenfaktoren zu brechen. Stark in diesem Bereich ist beispielsweise die taz, aber auch Auslandsmedien wie die Deutsche Welle. Sie berichten vermehrt über andauernde, anstatt punktuelle Entwicklungen und auch über Regionen ohne geografische oder kulturelle Nähe zu Deutschland. Mit Schlagzeilen wie „Feinstaubalarm in Südkorea: Das ist die Seouler Luft“ oder „Dreckige Luft in Indien: ‚Lass mich atmen‘“ hat auch das deutsche Publikum die Chance, einen Einblick in Umweltprobleme anderer Länder zu bekommen, auch wenn dieser noch relativ klein ausfällt.

Nicht alle Medien können es sich allerdings leisten, auch solche „normativ wichtigen“ Themen zu besetzen, insofern diese möglicherweise „schlecht laufen“ und dementsprechend ökonomisch wenig attraktiv sind. Ein weltweites Netz an Korrespondentïnnen, wie es die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten unterhalten, erfordert außerdem enorme Finanzierungsmittel. Daher „leisten die vornehmlich merkantil orientierten privaten Fernseh- und Rundfunkanstalten hier denkbar wenig“, schreibt Mükke in seinem Dossier.

Auch die Korrespondentïnnen der finanziell besser aufgestellten Medienhäuser arbeiten jedoch unter teils prekären Bedingungen, wie oben bereits angedeutet. Aktiv im Ausland arbeitende Akteurïnnen ebenso wie die Kommunikationswissenschaft sind sich daher darin einig, dass Journalistïnnen aus Platz- und Zeitgründen nicht die Gesamtheit aller potenziell verfügbaren Informationen vermitteln können. „Daher ist Berichterstattung immer und notwendigerweise selektiv“, resümiert auch Thomas Hanitzsch. Ob die Auslandsberichterstattung also ein korrektes Bild von der tatsächlichen Lage im Ausland zeichne, liege daher letztlich oft im Auge der Betrachtenden.