Berichterstattung über die SDGs – sich mit (k)einer Sache gemein machen

Von Luise Glum und Cora Wucherer

Eine TransformationIn der Politikwissenschaft, insbesondere in den Internationalen Beziehungen, bezeichnet die Transformation den Vorgang der grundlegenden Veränderung eines politischen Systems und damit auch die gegebene gesellschaftliche wie wirtschaftliche Ordnung. Dabei beschäftigt sich die Forschung vor allem mit Veränderungsprozessen in Staaten sowohl in die Richtung der Demokratisierung als auch in die Richtung der Ent-Demokratisierung. unserer Erde in eine bessere, sprich: nachhaltigere Welt und das schon im Jahr 2030 – für ein so wichtiges wie komplexes Vorhaben braucht es einen Plan. Mit der „Agenda 2030“ trafen die Vereinten Nationen deshalb  im  September  2015  eine  globale Vereinbarung, die die weitere Entwicklung der Welt neu ausloten soll. Hierfür wurden drei verschiedene Dimensionen von NachhaltigkeitNachhaltigkeit gilt als ökonomische oder soziale Entwicklung, die die Folgen der Entscheidungen in der Gegenwart für die Zukunft antizipiert und sie von diesen Folgen abhängig macht. In ökonomischer Hinsicht beschreibt das Konzept der Nachhaltigkeit eine Wirtschaftsweise, Gewinne bereits sozial- und umweltverträglich zu erwirtschaften, anstatt diese erst in Umwelt- und Sozialprojekte zu reinvestieren." vereint – Soziales, Ökologie und Ökonomie –, um Elend entgegenzuwirken und Krisen zu bekämpfen. Diese drei Aspekte wurden in 17 universell gültige Entwicklungsziele mit 169 Unterzielen verpackt, die so genannten „Sustainable Development Goals“ (SDGs) oder auch „Ziele für nachhaltige Entwicklung“. Es handelt sich dabei um das umfassendste Programm der UN bisher. Deren Vorhaben ist es, bereits im Jahr 2030 diese Entwicklungsziele umgesetzt und damit eine nachhaltigere Welt geschaffen zu haben. Die SGDs  lösen damit die  im  Jahr  2000 beschlossenen „Millenniums-Entwicklungsziele“ (MDGs) ab und verbinden deren Armuts- und Entwicklungsagenda mit der NachhaltigkeitNachhaltigkeit gilt als ökonomische oder soziale Entwicklung, die die Folgen der Entscheidungen in der Gegenwart für die Zukunft antizipiert und sie von diesen Folgen abhängig macht. In ökonomischer Hinsicht beschreibt das Konzept der Nachhaltigkeit eine Wirtschaftsweise, Gewinne bereits sozial- und umweltverträglich zu erwirtschaften, anstatt diese erst in Umwelt- und Sozialprojekte zu reinvestieren."s-Agenda des „Rio-Prozess“. Aber nicht nur der Fokus auf NachhaltigkeitNachhaltigkeit gilt als ökonomische oder soziale Entwicklung, die die Folgen der Entscheidungen in der Gegenwart für die Zukunft antizipiert und sie von diesen Folgen abhängig macht. In ökonomischer Hinsicht beschreibt das Konzept der Nachhaltigkeit eine Wirtschaftsweise, Gewinne bereits sozial- und umweltverträglich zu erwirtschaften, anstatt diese erst in Umwelt- und Sozialprojekte zu reinvestieren." unterscheidet die SDGs von den MDGs, die das Augenmerk mehr auf die soziale Entwicklungsdimension legten, vielmehr sind die SGDs universeller angelegt: Erstmals richten sich die Ziele an alle Länder dieser Welt, auch Industrie- und Schwellenländer. Ein anspruchsvolles Unterfangen, das auch in den Medien entsprechend thematisiert wurde und wird.

Eine vielfältige und detaillierte Betrachtung der „Agenda 2030“ und insbesondere deren Aufarbeitung in den Medien war der Anspruch der diesjährigen Konferenz „Bildkorrekturen“ in Leipzig. Um sich dieser Thematik (also der „Agenda 2030“ in der Medienberichterstattung) zu nähern, bietet es sich an, zunächst einmal ins Geburtsjahr der „Agenda 2030“ zurückzureisen. Eine Analyse der Medien im Jahr 2015 offenbart zwei Kategorien von Intentionen der Berichterstattung. Zum einen soll die „Agenda 2030“ kritisch eingeordnet, beurteilt und auf Missstände aufmerksam gemacht werden. Dies geschieht oft in Form des Kommentars, so urteilt die Journalistin Ulrike Scheffer im Tagesspiegel: „Die Vereinten Nationen wollen Hunger und Armut bis 2030 besiegen. Es ist wahrscheinlich, dass dieses Ziel verfehlt wird.“ Ihre Kollegin Marianne Beisheim äußert sich in einem Gastbeitrag in der Zeit etwas optimistischer: „17 Ziele, 169 Unterziele: Die neue Agenda für nachhaltige Entwicklung ist komplex und widersprüchlich – und ein großes Fortschritt, denn es geht ihr um alles.“

Zum anderen wollen die Medien über die SGDs informieren, sie zusammenfassen und erklären. Dass die Materie dabei an vielen Fällen gestrafft und sich auf einzelne Punkte fokussiert wird, überrascht ob der Mannigfaltigkeit der SDGs nicht. Insbesondere Ziele, die sich auf Armut beziehen, werden  in  den  Mittelpunkt der Berichterstattung gestellt und genauer betrachtet.  So kommt  es  auch zu zahlreichen Berichten über Armut, bei denen die „Agenda  2030“ eine untergeordnete Rolle spielt oder nur am Rande erwähnt wird. Das zeigt sich in Artikeln mit Titeln wie „Kann man Armut einfach abschaffen?“ in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung oder „Gegen Armut brauchen wir Revolutionen“ in der Süddeutschen Zeitung. Andere SGDs dagegen, wie beispielsweise die SDGs 3: Gesundes Leben für alle, 4: Bildung für alle und 5: Gleichstellung der Geschlechter, sind  in  der Berichterstattung weit weniger  präsent oder finden teils  gar  keine Beachtung.  Des  Weiteren  ist  es  bemerkenswert, dass die Berichterstattung  häufig  an  Personen festgemacht wird, seien es politische Akteure wie Kanzlerin Angela Merkel oder Geistliche wie Papst Franziskus. Diese personenzentrierte Berichterstattung lässt sich in der Bildauswahl, beim Fokus der Artikel oder sogar der kompletten inhaltlichen Ausrichtung von Artikel beobachten. Institutionen – wie die UN selbst – stehen in der Berichterstattung oft eher hinten an. Der Spiegel beispielsweise titelt „Franziskus mahnt die Welt zur Eile“ und hebt den „historischen Auftritt“ des kirchlichen Oberhaupts hervor, während sich das Handelsblatt auf eine Rede von Kanzlerin Angela Merkel fokussiert.

Betrachtet  man  die  generelle  Berichterstattung über die „Agenda  2030“, kommt  es  zu weiteren Spannungsfeldern. Wie auf der Konferenz immer wieder angesprochen wurde, stellt die Thematik der SDGs für den Journalismus kein einfach aufzuarbeitendes Themenfeld dar. Dies lässt sich vor allem damit begründen, dass die SDGs ein komplexes, oft undurchsichtiges und sich stetig wandelndes Netz an Informationen und Geschichten umspannen. Wie Steffen Bauer vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik deutlich macht, besteht eine grundlegende Herausforderung bereits in der Koexistenz der Agenda  2030  und  dem  Übereinkommen von Paris: „Solange die zwei Agenden parallel existieren und nicht integriert, können Synergien nicht voll ausgeschöpft und Trade-offs übersehen werden.“ Interessenkonflikte sieht er jedoch nicht nur im Hinblick auf die internationale Politik, sie prägen auch viele Entwicklungsthemen. Als Beispiel nennt Bauer die Erderwärmung: Eine Beschränkung auf nur  1,5  Grad  wäre aus physikalischer Sicht durchaus möglich, für Negativemissionen mithilfe der Speicherung von Kohlenstoff in Bäumen bräuchte es jedoch wiederum Wasser und Boden – knappe Ressourcen"Der Begriff kommt aus dem Lateinischen (resurgere – „hervorquellen“) bzw. Französischen (la ressource – Mittel, Quelle). Er bezeichnet im weiteren Sinne alle Mittel, die in die Produktion von Gütern und Dienstleistungen einfließen. Zu den natürlichen Ressourcen zählen zum Beispiel Rohstoffe, Wasser, Boden und Luft. Sie werden unterschieden in regenerierbare (z.B. Wälder) und nicht regenerierbare Ressourcen (z.B. fossile Brennstoffe).", die auch für die Nahrungsmittelindustrie zentral  sind.  Was  außerdem eine differenzierte Berichterstattung verlangt,  ist  die  häufig dokumentierte Diskrepanz zwischen Legislatur und Implementierung, die Bauer beschreibt. Ein Fokus nur auf das, was beschlossen wird, würde nicht ausreichen. Die systemisch ausgerichteten SDGs  würden letztendlich eine lokale, spezialisierte Umsetzung fordern,  für deren Erfolg die nationale Legislatur nur beschränkt bürge.

Solche Themen als JournalistIn differenziert darzustellen ist keine leichte Aufgabe. Dr. Markus Behmer von der  Universität Bamberg  stellt deshalb die  Problemdiagnose:  „Die Berichterstattung  ist  meist fokussiert auf Krisen, Probleme, Kriege  …  ist  das alles?“ Die unzureichende, vereinfachte Darstellung von Themen zu hinterfragen – das sollte auch der Anspruch von „Bildkorrekturen“ sein. Auch Steffen Bauer kritisiert den Diskurs über die SDGs, die so ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht werden könnten. Die wichtigste Errungenschaft der SDGs im Gegensatz zu den MDGs sei ihr universeller Anspruch, aber „in der Praxis herrscht die Gefahr des Zurückfallens in alte Muster, nach denen die SDGs in Europa immer noch weitgehend als Entwicklungsthematik wahrgenommen und diskutiert werden“. Doch selbst wenn von Seiten der Medien eine angemessene Beschäftigung mit den Thematiken stattfindet, kann es sein, dass die Berichterstattung wiederum für die Rezipienten nicht ansprechend ist. Journalistin Heike Janßen spricht sich für einen „lösungsorientierten“ Journalismus aus. Sie schlägt vor, komplizierte Themen in kleine Einheiten zu unterteilen und ihnen ein Gesicht zu geben. Gerade bei Themen wie dem Klimawandel bestünde außerdem die Gefahr, beim Publikum eine Abwehrhaltung auszulösen, als Reaktion auf beängstigende Szenarien. Ihr Credo lautet deshalb: „Nennt die Fakten, aber lasst sie nicht damit allein“.

Von diesem Statement ausgehend lohnt es sich, einen Schritt zurückzugehen: welche Rolle haben JournalistInnen in der Berichterstattung über die „Agenda 2030“ und ganz generell? Auf diese Frage gibt es keine eindeutige Antwort, weder in der Wissenschaft, noch im öffentlichen Diskurs. Schon allein von Land zu Land können die Auffassungen von Journalismus verschieden sein, wie die brasilianische Journalistin Brunna Marques Duarte erklärt: „Die Rolle von Journalisten in Brasilien unterscheidet sich von Deutschland. Soziale Medien sind sehr viel wichtiger, die Rolle besteht darin, die richtigen Themen oder Frames zu setzten, auch während Wahlen. Dies sollte wieder zurück zur Mediation gehen, zum Aufzeigen verschiedener Seiten, sodass die Menschen mit all den Infos umgehen können.“ Duartes Anmerkungen decken sich auch mit Erkenntnissen der „Worlds of Journalism Study“  2019.  In  Brasilien herrscht  laut  der Studie ein deutlich „interventionistisches“ Rollenverständnis, das heißt, JournalistInnen sehen sich als  aktiv  am politischen Geschehen beteiligt;  während  in  Deutschland stark die „akkomodative“ Rolle vorherrscht, nach der für JournalistInnen die Zufriedenheit des Publikums im Vordergrund steht, gepaart mir einer etwas größeren Ausprägung des Selbstverständnisses als Kontrollorgan.

Die kritische Distanz, die das journalistische Rollenverständnis in Deutschland und vielen anderen Ländern mit sich bringt, bedeutet in Bezug auf die „Agenda 2030“, selbst in Hinblick auf eine so international anerkannte Institution  wie  die  UN  nicht  in  einen sogenannten „Verlautbarungsjournalismus“ zu verfallen – ganz entsprechend dem „kritisch Einordnen“, das in den deutschen Medien verbreitet ist (auf der Konferenz aber eher kurz kam). Denn die „Agenda 2030“ ist ein Rahmen, der nicht gleichzusetzen ist mit seinen thematischen Inhalten. Auch wenn Ziele wie Bekämpfung der Armut, Umweltzerstörung oder Ungleichheit wahrscheinlich für die allermeisten JournalistInnen selbstverständlich erstrebenswert sind, sind diese Themen nicht synonym mit ihrem zugehörigen „SDG“. So muss trotzdem – oder auch gerade deswegen – die Möglichkeit bestehen, dass JournalistInnen die „Agenda  2030“ kritisch hinterfragen  können: Wieviel  PR  steckt hinter einer solchen Agenda? Wer  war  in  den  Entscheidungsprozess mit einbezogen? Wie realistisch  ist  der  tatsächliche Impact,  den  eine solche Agenda haben kann (nachdem der Vorgänger, die MDGs wenig bewegen konnten)? Wie alle Themen, so hat auch die „Agenda 2030“ viele Seiten, denen der Journalismus offen, aber kritisch gegenübertreten kann: für eine bessere Berichterstattung über eine bessere Welt.