Verkehr im Ausland: Wie Medien unsere Wahrnehmung prägen Zu Transportsystemen in anderen Ländern kursieren eine Menge Klischees. Das könnte auch mit Mustern in der Auslandsberichterstattung zusammenhängen.

Von Sophia Baumann und Lisanne Dehnbostel

Der Zustand von Transportsystemen im Ausland zählt zu jenen Themen, über die viele ziemlich genau Bescheid zu wissen glauben: In asiatischen Mega-Cities drohen zum Berufsverkehr riesige Staus. In Frankreich fallen die öffentlichen Verkehrsmittel ständig aus, weil gestreikt wird. Und in den USA fahren alle mit großen Pick-ups herum. So zumindest lauten die weit verbreiteten Annahmen. Aber entsprechen sie der ganzen Wirklichkeit? Das wird im Alltag selten hinterfragt – dafür aber auf der „Bildkorrekturen“-Konferenz in Leipzig. Hier sprachen Expert*innen unter anderem darüber, wie Medien über die „Ziele nachhaltiger Entwicklung“ (SDGs) der Vereinten Nationen berichten. „Die Berichterstattung ist nicht genug und überhaupt nicht nachhaltig“, fasst Prof. Dr. Markus Behmer, einer der Organisatoren der Konferenz, zusammen. Und tatsächlich lassen sich in der Medienberichterstattung einige Muster finden, die erklären, aus welchen Gründen viele Bürger*innen ein unterkomplexes Bild von Verkehr im Ausland haben.

„Wir werden gern schockiert”

Warum, zum Beispiel, ist der Eindruck von ausländischen Verkehrssystemen häufig negativ? Das könnte damit zusammenhängen, dass auch in den Medien tendenziell negative Ereignisse dominieren. Verspätungen im Bahnverkehr, Personalstreiks und Unfälle, beispielsweise. Der Grund dafür: Erschütternde Themen erzeugen mehr Aufmerksamkeit als gute. „Wir Menschen werden gern schockiert“, erklärt Mark Daniel, Redakteur bei der Leipziger Volkszeitung. Journalist*innen wählen Nachrichten deshalb unter anderem nach Unvorhersehbarkeit und Seltenheit aus. Ganz nach dem Motto: je dramatischer, desto besser. „Die Menschen heutzutage brauchen Schocks“, behauptet auch Jure Gudelj aus Bosnien-Herzegowina, Chefredakteur der Nachrichten-Seite dnevnik.ba.

Genau darin sieht Dr. Hildegard Stausberg jedoch ein Problem. Sie hat als Lateinamerika-Korrespondentin für die Deutsche Welle gearbeitet und ist für die FAZ sowie die Welt tätig. „Die Medien blähen Themen künstlich auf“, kritisiert sie. Statt der eigentlich intentionierten Publikumsresonanz würde die Bevölkerung Journalist*innen als Folge nicht mehr ernst nehmen. Auf Transportsysteme übertragen bedeutet das beispielsweise, dass aus einem einzelnen Unfall schnell Skandale über die öffentlichen Verkehrsmittel insgesamt werden. Daraus folgt eine Negativitätsverzerrung der Realität.

Nationalisierte Perspektive auf das Ausland

Zusätzlich zu diesem Negativismus konzentriert sich die Auslandsberichterstattung auf Themen, die einen Bezug zu Deutschland aufweisen. Eine mögliche Erklärung liegt in den Erwartungen des Publikums. „Journalisten werden von der Öffentlichkeit gelenkt“, erläutert Heike Janßen. Als Co-Gründerin vom „Netzwerk Weitblick – Verband Journalismus & NachhaltigkeitNachhaltigkeit gilt als ökonomische oder soziale Entwicklung, die die Folgen der Entscheidungen in der Gegenwart für die Zukunft antizipiert und sie von diesen Folgen abhängig macht. In ökonomischer Hinsicht beschreibt das Konzept der Nachhaltigkeit eine Wirtschaftsweise, Gewinne bereits sozial- und umweltverträglich zu erwirtschaften, anstatt diese erst in Umwelt- und Sozialprojekte zu reinvestieren."“ will sie Medienschaffende für das Thema NachhaltigkeitNachhaltigkeit gilt als ökonomische oder soziale Entwicklung, die die Folgen der Entscheidungen in der Gegenwart für die Zukunft antizipiert und sie von diesen Folgen abhängig macht. In ökonomischer Hinsicht beschreibt das Konzept der Nachhaltigkeit eine Wirtschaftsweise, Gewinne bereits sozial- und umweltverträglich zu erwirtschaften, anstatt diese erst in Umwelt- und Sozialprojekte zu reinvestieren." sensibilisieren. Eine ihrer Lektionen lautet, dass Menschen sich vor allem für Inhalte, die nah an ihrem persönlichen Leben sind, interessieren.

In der Berichterstattung zum Thema Verkehr spiegelt sich das zum einen darin wider, dass sie überwiegend räumlich nahegelegene Nachbarländer umfasst, wohingegen entfernte Regionen kaum Berücksichtigung finden. Im letzten Jahr beispielsweise standen die Reformen des öffentlichen Nahverkehrs in Luxemburg und Wien im Fokus. Neben diesem geografischen Bezug können Journalist*innen zum anderen eine thematische Relevanz für Deutschland aufzeigen. Zum Beispiel diskutieren sie aktuell häufig, inwiefern die innovativen Seilbahnen in entlegeneren Städten Südamerikas hierzulande als zukünftige Transportsysteme umsetzbar sind.

„Ich glaube, wir leben in einer gefährlichen Situation der Politisierung“

Aber nicht nur Negativismus und eine nationalisierte Perspektive prägen das Bild von ausländischen Verkehrssystemen. Auffällig ist auch, dass Themen oft von einer politischen Perspektive betrachtet werden. Typische Beispiele: Eine Stadtregierung will Fahrverbote zurücknehmen, die Pariser Bürgermeisterin möchte das Fahrradfahren fördern, es gibt Streit über eine neue Brücke zwischen Hongkong und dem chinesischen Festland. Und selbst wenn es eigentlich nicht um ein politisches Thema geht, stehen oft Bürgermeister*innen, Minister*innen oder andere politische Eliten im Mittelpunkt der Berichterstattung.

Ein möglicher Grund für den Politikbezug ist, dass er viele Verkehrsthemen erst relevant erscheinen lässt. Wenn politische Berichterstattung sich aber zu Berichterstattung für politische Ziele entwickelt, wird es für viele problematisch. „Ich glaube, wir leben in einer gefährlichen Situation der Politisierung“, sagt Journalistin Stausberg auf der „Bildkorrekturen“-Konferenz. Sie fordert Reporter*innen zum schlichten Berichterstatten auf. „Ich bin keine Missionarin, ich bin Journalistin“, betont sie.

Technische Verkehrsthemen werden schnell komplex

Ein anderes Muster, das sich in vielen Artikeln finden lässt, ist eine sehr technisch-wissenschaftliche Betrachtung von Transport und Verkehr: Wie könnten chinesische Züge schneller als Flugzeuge werden? Helfen Flugtaxis bei der Verkehrswende? Was sind die technischen Vorteile von Seilbahnen? Bei solchen Themen wird es oft ziemlich kompliziert. Welcher durchschnittliche Bürger versteht schon etwas von Magnetschwebebahnen und Vakuumröhren?

Ein potenzielles Problem ist also, dass die Leser*innen bei der Berichterstattung zu nachhaltigen Verkehrssystemen nicht mitgenommen werden. Praktiker*innen empfehlen deshalb, es möglichst einfach zu halten. „Sprechen Sie die Sprache ihres Publikums“, sagt zum Beispiel die brasilianische Journalistin Brunna Marques Duarte. Und Korrespondentin Janßen schlägt vor: „Ich würde ein kompliziertes Thema in Teile untergliedern.“

Der Bildungsauftrag von Journalisten

Überhaupt haben die Expert*innen auf der „Bildkorrekturen“-Konferenz in Leipzig viele Ideen, wie Berichterstattung zu NachhaltigkeitNachhaltigkeit gilt als ökonomische oder soziale Entwicklung, die die Folgen der Entscheidungen in der Gegenwart für die Zukunft antizipiert und sie von diesen Folgen abhängig macht. In ökonomischer Hinsicht beschreibt das Konzept der Nachhaltigkeit eine Wirtschaftsweise, Gewinne bereits sozial- und umweltverträglich zu erwirtschaften, anstatt diese erst in Umwelt- und Sozialprojekte zu reinvestieren."sthemen besser gelingen kann. „Wir Journalisten müssen zu unserer Rolle als Vermittler zurückfinden“, fordert Duarte. Die Rolle der Medien sei es, Komplexität zu reduzieren und den Menschen dabei zu helfen, die geschilderten Informationen zu verstehen. Dazu gehört für Duarte, dass Journalist*innen Themen nicht bloß erklären, sondern deren Sinn hervorheben. In Bezug auf die SDGs sollten sie zeigen, wie diese mit dem „realen Leben“ der Menschen zusammenhängen.

Janßen nennt als Beispiel, dass viele Menschen zwar um den Klimawandel wissen, aber ihr eigenes Verhalten trotzdem nicht ändern. Beispielsweise verreisen sie nach wie vor mit dem Flugzeug, obwohl dessen negative CO2-Bilanz bekannt ist. Das Phänomen des Klimawandels ist für die meisten noch zu abstrakt. Deshalb sollte die Berichterstattung Janßen zufolge bei alltäglichen, konkreten Problemen ansetzen, mit denen sich die Einzelne identifizieren kann. Beispielsweise interessieren sich Stadtbewohner*innen in der Regel besonders für die öffentlichen Transportsysteme, da sie diese nahezu täglich nutzen. Journalist*innen könnten Möglichkeiten aufzeigen, wie diese nachhaltiger gestaltbar sind. Auf diese Art bringen sie den Menschen auch die SDGs näher.

Lösungen statt Negativität

„Du darfst die Menschen mit dem Problem nicht allein lassen“, sagt Janßen, und wird dabei von Gudelj unterstützt. Beide plädieren für einen lösungsorientierten Journalismus. Dieser Ansatz wendet sich mit einer konstruktivistischen Vorgehensweise gegen den in der Berichterstattung verbreiteten Negativismus. Stattdessen rückt er Vorschläge zur Verbesserung von gesellschaftlichen Missständen in den Vordergrund. Einige Berichte über Transportsysteme im Ausland tun dies bereits, indem sie fortschrittliche Verkehrsmittel – wie die Seilbahnen in Südamerika – als Vorbild für Deutschland heranziehen und erläutern, wie diese hierzulande etabliert werden könnten. „Nachmachen, besser machen“, betitelte beispielsweise taz.de einen Kommentar über den kostenlosen Nahverkehr in Luxemburg.

Es „besser machen“ können aber nicht nur Journalist*innen. Auch den einzelnen Leser*innen ist es möglich, ihre Ansichten zu reflektieren und dadurch ein komplexeres Bild von nachhaltigem Verkehr zu erlangen. Das beginnt damit, dass sie sich der typischen Muster der Berichterstattung bewusst werden. So sind die Klischees von verstopften Mega-Cities, Streiks in Frankreich und der hohen Bedeutung des Autos in den USA sicherlich nicht vollkommen falsch – aber sie entsprechen eben nicht dem vollständigen Bild von nachhaltigem Verkehr im Ausland.