Müllverwertung von Kopenhagen bis Rio de Janeiro

von Pia Saunders und Cristina Plett

2015 verabschiedeten die Vereinten Nationen 17 Sustainable Development Goals. Eines davon ist die nachhaltige Entwicklung von Städten – eine Form von Lebensraum, die Jahr für Jahr auf der ganzen Welt mehr Raum einnimmt. Müll ist in so dicht besiedelten Ballungsräumen ein zentrales Problem. Doch im Rahmen der Sustainable Development Goals werden Städte zunehmend erfinderisch, wenn es darum geht ihren Müll in den Griff zu kriegen. In Kopenhagen fährt man auf brennendem Müll Ski, in Rio de Janeiro hilft Köln beim Verwerten von Biomüll.

 

Es gibt viele Themenbereiche, bei denen die deutsche Politik und Gesellschaft regelmäßig bewundernd oder auch mit einem Hauch von Neid auf die skandinavischen Staaten blicken. Ob fortgeschrittene Digitalisierung, hohes Bildungsniveau, Geschlechts- und Chancengleichheit oder die sich immer weiterverbreitende hygge, das dänische Konzept, das Gemütlichkeit und Achtsamkeit im Alltag zelebriert – nicht umsonst wurde Dänemark bereits viermal zum glücklichsten Land der Welt gewählt. Schweden, Norwegen und Finnland befinden sich ebenfalls regelmäßig unter den Top fünf dieser Liste. Es gibt also zahlreiche Gründe, den Blick nach Norden zu wenden und sich zu fragen, was es von den Skandinavier*innen zu lernen gibt.

 

Auch was das vielleicht wichtigste Thema unserer Zeit betrifft, übernehmen die skandinavischen Länder eine Vorreiterrolle. Erst vor wenigen Wochen kündigte Dänemark an, bis 2050 – in knapp 30 Jahren – vollständig klimaneutral sein zu wollen. Eines der zahlreichen Beispiele dafür, wie dieses ambitionierte Ziel umgesetzt werden soll, ist die Müllverbrennungsanlage Amager Bakke in der Hauptstadt Kopenhagen.

 

Amager Bakke ist ein Projekt des dänischen Stararchitekten Bjarke Ingels, welches im Oktober 2019 nach rund sechs Jahren Bauzeit fertiggestellt wurde. In der Anlage im Herzen der dänischen Hauptstadt wird Müll verbrannt, um Strom und Wärme für über 150.000 Haushalte zu produzieren. Dabei wird besonders darauf geachtet, dass Ruß sowie schädliche Stickoxide aus dem von der Anlage ausgestoßenen Rauch herausgefiltert werden. Der Müll, der von den Konsument*innen produziert wird, wird so weiterverwertet und kehrt als Energie in die Haushalte zurück – ein deutlich klimafreundlicheres Unternehmen als die Verbrennung von endlichen Ressourcen"Der Begriff kommt aus dem Lateinischen (resurgere – „hervorquellen“) bzw. Französischen (la ressource – Mittel, Quelle). Er bezeichnet im weiteren Sinne alle Mittel, die in die Produktion von Gütern und Dienstleistungen einfließen. Zu den natürlichen Ressourcen zählen zum Beispiel Rohstoffe, Wasser, Boden und Luft. Sie werden unterschieden in regenerierbare (z.B. Wälder) und nicht regenerierbare Ressourcen (z.B. fossile Brennstoffe)." wie Gas, Öl oder Kohle.

 

Doch das Projekt der Bjarke Ingels Group, kurz BIG, ist mehr als „nur“ eine stromproduzierende Müllverbrennungsanlage. Die Architekt*innen haben sich etwas Besonderes überlegt um Amager Bakke auch für die Bevölkerung noch attraktiver zu machen: Auf dem Dach der schräg geneigten Industrieanlage legen sie grüne Kunststoffmatten aus – und kreieren so den höchsten künstlichen Skihügel der Welt. Seit einigen Monaten ist „CopenHill“ in Betrieb und soll der Bevölkerung Kopenhagens seine Müllverbrennungsanlage auf nutzerfreundliche Art näherbringen. Über 450 Meter ist die Rampe lang, auf der man das Dach der Müllverbrennungsanlage auf Skiern oder dem Snowboard heruntersausen kann – und das – dank Plastikmatten statt Kunstschnee – das ganze Jahr über.

 

Foto: Pia Saunders.

Damit kommt die Müllverbrennungsanlage einem weiteren wichtigen Ziel ein Stück näher: der Entstehung lebenswerter Städte. In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ nennt Architekt Bjarke Ingels das Projekt ein Beispiel für „hedonistische NachhaltigkeitNachhaltigkeit gilt als ökonomische oder soziale Entwicklung, die die Folgen der Entscheidungen in der Gegenwart für die Zukunft antizipiert und sie von diesen Folgen abhängig macht. In ökonomischer Hinsicht beschreibt das Konzept der Nachhaltigkeit eine Wirtschaftsweise, Gewinne bereits sozial- und umweltverträglich zu erwirtschaften, anstatt diese erst in Umwelt- und Sozialprojekte zu reinvestieren."“. Ziel sei es nicht nur, die Umwelt zu schonen, sondern auch, dabei das Leben der Bürger*innen zu verbessern – wenngleich sich dabei natürlich diskutieren lässt, ob ein Skihügel auf einer Müllverbrennungsanlage dazu beiträgt.

 

Was er jedoch darstellt, steht außer Frage: eine Einladung, sich mit dem Thema Umweltschutz und nachhaltige Energien zu beschäftigen. In diesem Sinne kann man Amager Bakke auch einen Bildungsauftrag zuschreiben: Er fordert die Bürger*innen der Stadt dazu auf, sich auch mit ihrem Konsumverhalten auseinanderzusetzen. Der gewaltige Bau ist immerhin von fast überall in der Stadt zu sehen. Der Rauch, den sein hoher Schornstein ausstößt, erinnert daran, dass Müll, der verbrannt wird, immerhin erst produziert werden muss, und dass jede*r einzelne Bürger*in in der Pflicht ist, die Menge an Müll, die er*sie verursacht, zu reduzieren.

 

Auf der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig fand Kopenhagen sein 10.186 Kilometer entferntes Gegenstück. Das Panel zu Brasilien, geplant und gehalten von Studierenden der Deutschen Welle-Akademie, drehte sich schwerpunktmäßig um Klimaschutz, Energieeffizienz und Müllmanagement. Vor allem auf letzteres wurde ausführlich eingegangen, Fallbeispiel war ein Projekt in Rio de Janeiro zur Kompostierung von Bioabfall. Zwei Gäste waren extra angereist, um darüber zu sprechen: José Henrique Penido Monteiro, Vorsitzender der Abteilung für nachhaltige Umwelt der städtischen Müllentsorgungsgesellschaft COMLURB, und Ute Dreiocker vom Büro für Internationales der Stadt Köln. Auf den ersten Blick eine ungewöhnliche Kombination – was verbindet Köln mit Rio? Der Karneval, klar – seit 2011 aber auch eine Städtepartnerschaft.

 

Der Zweck einer solchen Partnerschaft ist selten direkt ersichtlich. Ein paar Schilder im Innenstadtbereich, dann und wann eine kulturelle Folklore-Veranstaltung, viel mehr bekommt man als Außenstehende*r davon oft nicht mit. Aber ähnlich wie bei den Sustainable Development Goals steht nicht auf allen Projekten, die aus einer Städtepartnerschaft heraus entstanden, auch dick und fett „Städtepartnerschaft“ drauf. Die Köln-Rio-Verbindung beispielsweise kann bereits einige konkrete Erfolge vorweisen: So wurde 2013 das Brazil Business Center Cologne gegründet, um Köln für brasilianische Unternehmen attraktiver zu machen. Auch zwischen der Kölner und der carioca Messe gab es wiederholt Kooperationen. Beides sind allerdings nicht gerade Beispiele, die auf die Sustainable Development Goals im Allgemeinen oder das Ziel der nachhaltigen Städte (Nummer elf der 17 Ziele) im Konkreten einzahlen. Wirtschaftliche Verbindungen stehen bei ihnen im Mittelpunkt, NachhaltigkeitNachhaltigkeit gilt als ökonomische oder soziale Entwicklung, die die Folgen der Entscheidungen in der Gegenwart für die Zukunft antizipiert und sie von diesen Folgen abhängig macht. In ökonomischer Hinsicht beschreibt das Konzept der Nachhaltigkeit eine Wirtschaftsweise, Gewinne bereits sozial- und umweltverträglich zu erwirtschaften, anstatt diese erst in Umwelt- und Sozialprojekte zu reinvestieren." ist nicht das zentrale Ziel dieser zwei Maßnahmen.

 

Ein Vorzeigeprojekt gibt es jedoch, bei dem sich beide Städte mit dem Ziel nachhaltiger Urbanisierung zusammengetan haben: Die Kölner Abfallentsorgungsgesellschaft AVG hat die brasilianische COMLURB dabei unterstützt, eine Kompostierungsanlage für Biomüll zu errichten. Um diese ging es dann auch im Gespräch mit Penido Monteiro und Dreiocker.

Im Jahr 2016 begann die Zusammenarbeit zwischen AVG und COLUMB mit der Unterzeichnung der Verträge offiziell. Bis dahin hatte Rio de Janeiro – eine Stadt mit rund 6,5 Mio. Einwohner*innen – seinen gesamten Abfall auf Müllkippen entsorgt. RecyclingRecycling ist das Sammeln und (teilweise) Verwerten von gebrauchten Gegenständen und Materialien als Rohstoffe für neue Produkte. Der Begriff hat seinen Ursprung im Griechischen und bedeutet "Wiederverwertung". Gesetzlich wird erst von "Recycling" gesprochen, wenn der Rohstoff zuvor als "Abfall" eingestuft war, andernfalls handelt es sich um "Wiederverwendung". Der umgangssprachliche Gebrauch des Begriffs Recycling umfasst oft beide Bedeutungen. In der wirtschaftlichen Bedeutung ist Recycling die Rückführung von Produktions- und Konsumabfällen in den Wirtschaftskreislauf.? Fehlanzeige. Gerade bei Bioabfällen ergibt sich daraus eine Problematik, die die große Herausforderung des Klimawandels noch verschärft: Beim Abbau entsteht unter anderem Methan, ein Treibhausgas. Eine fachgerechte, korrekte Entsorgung der Abfälle wird da unabdingbar, wenn eine Metropole wie Rio ihre Sustainable Development Goals erreichen möchte. Penido Monteiro verfolgt in seiner Position bei COMLURB dieses Ziel und konnte es letztlich mithilfe seiner Kollegin Dreiocker und der Stadt Köln realisieren.

 

Köln schenkte einen Teil der notwendigen Geräte und Maschinen, das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung förderte die Anlage finanziell. Dreiocker und Monteiro präsentierten bei dem Panel stolz Fotos der Anlage. Sie erzählten, wie der Kompost wiederum bei Wiederaufforstungsprojekten in der so grünen Stadt Rio verwendet werde. Bei alldem wurde das freundschaftliche persönliche Verhältnis der beiden zueinander spürbar – ein Faktor, dessen Relevanz gerade bei interkulturellen Unternehmungen nicht außer Acht gelassen werden sollte.

 

Dass die von den Vereinten Nationen beschlossenen Entwicklungsziele nur erreicht werden können, wenn alle Mitgliedstaaten kooperieren, steht fest. Besonders wichtig dabei ist neben Kooperation, wie bei Städtepartnerschaften, auch der Wille, sich miteinander zu entwickeln und vor allem voneinander zu lernen. Dass dabei einige Städte wie Kopenhagen mit gutem Beispiel vorangehen, ist eine positive Entwicklung. Dabei ist es jedoch wichtig, dass das Erreichen der Sustainable Development Goals sich nicht allein auf die Staaten beschränkt, deren finanzielle, wirtschaftliche und infrastrukturelle Situation es erlaubt, große Projekte umzusetzen. Städte auf der ganzen Welt müssen die Möglichkeit bekommen, die 17 Sustainable Development Goals zu erreichen, und auch Vorreiter-Städte sollten sich bewusst sein, dass das Erreichen der Ziele nicht den gewünschten Effekt haben wird, wenn diese nicht kollektiv erreicht werden.

 

 

Quellen:

https://www.hayek-institut.at/skandinavische-modell-vorbild-europa/

https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/ski-piste-auf-muellverbrennungsanlage-in-kopenhagen-oeffnet-16413701.html

https://utopia.de/ratgeber/hygge-hyggelig-so-funktioniert-gluecklichsein-auf-daenisch

https://www.nationalgeographic.com/news/energy/2013/08/130801-amager-bakke-europe-waste-to-energy/

https://www.sueddeutsche.de/kultur/architektur-kopenhagen-copenhill-bjarke-ingels-1.4639702

https://www.spiegel.de/reise/staedte/skifahren-am-copenhill-kopenhagen-eroeffnet-piste-auf-muellverbrennungsanlage-a-1289648.html

https://www.ksta.de/koeln/muell-in-rio-koelner-avg-hilft-rio-de-janeiro-beim-kompostieren-24557634

https://www.welt.de/regionales/nrw/article189819657/In-Koeln-fruchtet-die-deutsch-brasilianische-Zusammenarbeit.html

https://sustainabledevelopment.un.org/content/documents/6938Yangzhou%20-%20A%20GEST%C3%83O%20SUSTENT%C3%81VEL%20DE%20RES%C3%8DDUOS%20NA%20CIDADE%20DO%20RIO-english.pdf