Weltkulturerbe im Ausland Wenn der Brand im Moskauer Kloster mit der schwäbischen Streuobstwiese verglichen wird

Von Svenja Meier und Victoria Kunzmann

In deutschen Medien wird nur selten über kulturelle Ereignisse im Ausland berichtet. Dazu zählt auch die Berichterstattung über Weltkulturerbe im Ausland. Erst wenn sich Katastrophen ereignen, findet Weltkulturerbe oft an prominenter Stelle in den deutschen Medien statt. Journalisten vergleichen dabei regelmäßig kulturelle Stätten im Ausland mit solchen hierzulande.

Pessimistisch, alarmierend, kritisch: Der Grundtenor der deutschen Berichterstattung über Weltkulturerbe im Ausland ist häufig negativ. Getreu dem Motto „Bad news is good news“ wird häufiger im Rahmen von tragischen Ereignissen und in krisenhaften Situationen über Weltkulturerbe im Ausland berichtet, ähnlich wie auch bei politischen Ereignissen im Ausland. Neben der Katastrophe ist allgemein eine Veränderung der zweite Grund für Berichterstattung über ausländische Ereignisse. In der Politik sind das zum Beispiel Machtwechsel. In der Berichterstattung über Weltkulturerbe ist das vor allem die Ernennung zum Weltkulturerbe – oder eben die Aberkennung dieses Status.

 

Berichterstattung über Weltkulturerbe im Ausland: Analyse journalistischer Beiträge

Um Muster in der Berichterstattung über Weltkulturerbe im Ausland erkennen zu können, haben wir sieben journalistische Beiträge aus verschiedenen Medien untersucht. Dazu zählten kurze Meldungen, längere Features in Print und Online sowie Fernsehreportagen, die bei Spiegel Online, der WELT, im ZDF, im Ersten, im Tagesspiegel, in der Frankfurter Allgemeinen und in der Hessischen Niedersächsischen Allgemeinen Zeitung veröffentlicht wurden. Die Informationen stammen zum Teil von Nachrichtenagenturen, von denen die Redaktionen sie übernehmen – nicht unüblich gerade bei der Berichterstattung über kulturelle Themen aus dem Ausland, wo eigene Korrespondenten fehlen. Die Berichte wurden alle innerhalb der vergangenen fünf Jahre veröffentlicht: Der älteste Beitrag ist auf November 2014 datiert, der aktuellste Beitrag stammt von Oktober 2019. Alle Beiträge handeln von Weltkulturerbestätten, die sich im Ausland befinden. Der Anlass der Berichterstattung ist in jedem Artikel ein anderer. Die WELT beschreibt in ihrem Artikel „So gefährdet der Klimawandel das Welterbe“ beispielsweise die Zerstörung von Weltkulturerbe durch Naturkatastrophen, ausgelöst durch den Klimawandel. In einem anderen Beitrag im Tagesspiegel wird hingegen sachlich-neutral über den Brand im Moskauer Neujungfrauenkloster, einer Weltkulturerbestätte, berichtet.

Um die Berichterstattung über Weltkulturerbe für den Leser relevant zu machen, versuchen Journalisten eine Verbindung herzustellen – erst recht, wenn es um hunderte oder tausende Kilometer vom Wohnort des Lesers entferntes Weltkulturerbe geht. Die Annahme: Der Leser soll sich mit dem Thema identifizieren können und das gelingt am ehesten, indem ein Vergleich zu einer ihm bekannten Situation gezogen wird. Dieses Phänomen wird Domestizierung genannt.

Als „Regionaljournalismus aus einer anderen Ecke der Welt“ bezeichnet der ehemalige Spanien-Korrespondent Jörg Rheinländer seine Arbeit im Interview mit dem NDR. Die größte Herausforderung der Zusammenarbeit mit der Redaktion in Deutschland sieht er darin, „Redakteuren klarzumachen, dass etwas spannend sein kann, auch wenn es nicht den Nachrichten-Mainstream reproduziert, der gerade einem Land einen bestimmten Stempel aufdrückt.“

 

Heimische Streuobstwiesen vs. Brand in einem Moskauer Kloster

Um die Berichterstattung über Weltkulturerbe im Ausland besser analysieren zu können, haben wir sie mit der Berichterstattung über heimisches Weltkulturerbe verglichen und nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten gesucht. Dafür haben wir einen Artikel aus dem Stuttgarter Wochenblatt mit dem Titel „Streuobstwiesen – Ein Weltkulturerbe“ gewählt und Ausschnitte daraus mit Passagen aus drei anderen Artikeln verglichen, die sich mit Weltkulturerbe im Ausland beschäftigen. Dabei fällt auf, dass der Artikel aus dem Stuttgarter Wochenblatt wesentlich subjektiver und emotional gefärbter ist als die anderen Texte: „Streuobstwiesen gehören zu den am stärksten gefährdeten Biotopen Mitteleuropas. Auch deshalb ist der Antrag, Obstwiesen zu einem Weltkulturerbe zu machen, aktuell und begründet“, heißt es gleich im Einstieg. Durch diese Leserlenkung und die Aufzählung verschiedener Stadtteile Stuttgarts, in denen es Streuobstwiesen gibt („Auch in und um Stuttgart, wo es noch Restbestände von Streuobstwiesen beispielsweise in Sonnenberg oberhalb des Waldfriedhofs, in Plieningen Richtung Scharnhausen, Heumaden, Rohr, Wangen und Rohracker gibt“), wird eine räumliche Nähe hergestellt. Nähe will auch der Journalist der FAZ herstellen, der in seinem Artikel über Babylon, das zum Weltkulturerbe erklärt wurde, den Bogen zu Deutschland schlägt und so einen Bezug herstellt. Er schreibt: „Die befestigte Stadt aus Lehmziegelgebäuden ist bekannt für ihre hängenden Gärten, den sprichwörtlich gewordenen Tempelturm und das Ischtar-Tor, von dem Teile unter anderem im Pergamon-Museum in Berlin ausgestellt sind. Die Welterbe-Kommission entschied sich nach irakischen Protesten dagegen, Babylon auf die Liste des gefährdeten Welterbes aufzunehmen, obwohl die Stätte in „extrem gefährdetem Zustand“ sei. […] Jahrzehntelang versuchte die irakische Regierung, die Ruinenstadt zum Weltkulturerbe zu machen.“ Die Relevanz speist sich aus der Einbeziehung des Berliner Museums als Ausstellungsort von Teilen des erwähnten Weltkulturerbes.

Allerdings bleibt der Eindruck, dass die Berichterstattung über Welterbe im Ausland wesentlich distanzierter ist als entsprechende Berichte über heimische Stätten. Das wird verstärkt, wenn der Redakteur fremde Quellen zitiert, da der Leser so erfährt, dass er die Informationen nicht selbst zusammengetragen hat, sondern sich wiederum auf Kollegen beziehen muss. „In den Trümmern wurden der Tageszeitung ‚Times of India‘ zufolge bis zu 50 Menschen verschüttet“, schreibt etwa Spiegel Online in seinem Text „Verlorenes Weltkulturerbe, verlorene Pilgerorte“. Durch Vergleiche und Bezüge zu Deutschland soll der Leser bzw. Zuschauer einen besseren Gesamteindruck und die Relevanz des Themas vermittelt bekommen.

Um kulturelle Themen für den Leser besser zugänglich zu machen, ordnen Journalisten das Ereignis in den meisten Fällen kurz historisch, gesellschaftlich oder kulturell ein. Im Rahmen der Berichterstattung über die Zerstörung einer Stätte wird beispielsweise erklärt, wann sie zum Weltkulturerbe ernannt wurde und welche historische Bedeutung ihr zukommt. Das ermöglicht es dem Leser, die Relevanz der Nachricht einzuordnen. Über die Einordnung hinaus folgt jedoch nur recht selten eine gezielte politische oder gesellschaftliche Botschaft oder Meinung. Die Berichterstattung ist tendenziell nüchtern. Intentionen betreffen – wenn überhaupt – nachhaltiges Handeln: So wird zum Beispiel in der Reportage „Ansturm der Kreuzfahrer“ fehlendes nachhaltiges Verhalten der Touristen angeprangert, die die Stadt in Montenegro im Sommer mit dem Kreuzfahrtschiff besuchen. Die Folgen für Umwelt und Wirtschaft werden deutlich angesprochen – ebenfalls eher selten in der Berichterstattung. Meist finden Folgen keine Erwähnung, ebenso wenig wie die NachhaltigkeitNachhaltigkeit gilt als ökonomische oder soziale Entwicklung, die die Folgen der Entscheidungen in der Gegenwart für die Zukunft antizipiert und sie von diesen Folgen abhängig macht. In ökonomischer Hinsicht beschreibt das Konzept der Nachhaltigkeit eine Wirtschaftsweise, Gewinne bereits sozial- und umweltverträglich zu erwirtschaften, anstatt diese erst in Umwelt- und Sozialprojekte zu reinvestieren."sziele der Agenda 2030, die in keinem Text bzw. Beitrag explizit als solche erwähnt werden. Indirekt finden sie Anklang, insbesondere das SDG 11.

Die Sustainable Development Goals, kurz SDGs, sind 17 NachhaltigkeitNachhaltigkeit gilt als ökonomische oder soziale Entwicklung, die die Folgen der Entscheidungen in der Gegenwart für die Zukunft antizipiert und sie von diesen Folgen abhängig macht. In ökonomischer Hinsicht beschreibt das Konzept der Nachhaltigkeit eine Wirtschaftsweise, Gewinne bereits sozial- und umweltverträglich zu erwirtschaften, anstatt diese erst in Umwelt- und Sozialprojekte zu reinvestieren."sziele, die die Vereinten Nationen gemeinsam verabschiedet haben, um die wirtschaftliche, ökologische und soziale Entwicklung auf der Welt zu sichern. Die Ziele sollen bis 2030 in Kraft treten, sie sind das Kernstück der Agenda 2030. Ziel 11 betrifft nachhaltige Städte und Kommunen. So steht in der offiziellen Beschreibung: „Städte und menschliche Siedlungen ganzheitlich, sicher, belastbar und nachhaltig machen.“ Das Unterziel 11.4 geht dabei speziell auf Weltkulturerbe und Weltnaturerbe ein. Hierzu heißt es: „Bemühungen stärken, um das Weltkultur- und -naturerbe zu wahren und zu schützen.“ Die Bundesvereinigung NachhaltigkeitNachhaltigkeit gilt als ökonomische oder soziale Entwicklung, die die Folgen der Entscheidungen in der Gegenwart für die Zukunft antizipiert und sie von diesen Folgen abhängig macht. In ökonomischer Hinsicht beschreibt das Konzept der Nachhaltigkeit eine Wirtschaftsweise, Gewinne bereits sozial- und umweltverträglich zu erwirtschaften, anstatt diese erst in Umwelt- und Sozialprojekte zu reinvestieren." beschreibt Vorschläge, wie die NachhaltigkeitNachhaltigkeit gilt als ökonomische oder soziale Entwicklung, die die Folgen der Entscheidungen in der Gegenwart für die Zukunft antizipiert und sie von diesen Folgen abhängig macht. In ökonomischer Hinsicht beschreibt das Konzept der Nachhaltigkeit eine Wirtschaftsweise, Gewinne bereits sozial- und umweltverträglich zu erwirtschaften, anstatt diese erst in Umwelt- und Sozialprojekte zu reinvestieren."sziele erreicht werden können. Dazu zählt eine Entwicklungsplanung, die wirtschaftliche, ökologische und soziale Verbindungen zwischen Städten und Kommunen schaffen soll. Zudem sollen ein Katastrophenrisikomanagement sowie eine entsprechende Vorsorge eingerichtet werden. Mehr Städte sollen effizienter mit Ressourcen"Der Begriff kommt aus dem Lateinischen (resurgere – „hervorquellen“) bzw. Französischen (la ressource – Mittel, Quelle). Er bezeichnet im weiteren Sinne alle Mittel, die in die Produktion von Gütern und Dienstleistungen einfließen. Zu den natürlichen Ressourcen zählen zum Beispiel Rohstoffe, Wasser, Boden und Luft. Sie werden unterschieden in regenerierbare (z.B. Wälder) und nicht regenerierbare Ressourcen (z.B. fossile Brennstoffe)." umgehen und so den Klimawandel abschwächen. Zu guter Letzt sollen wenig entwickelte Länder finanziell und technisch unterstützt werden, um nachhaltige und widerstandsfähige Gebäude mithilfe vor Ort vorhandener Materialien errichten zu können.