Der Müll der Anderen SDG 11.6: Wie deutsche Medien über Müll- und Abfallmanagement in ausländischen Städten berichten

Von Christian Volk und Frederik Kastberg

Fechete Petru Alexandru lebt auf einer Müllkippe. Seine Hütte aus Plastikverpackungen, Metallüberresten und einfachen Holzverschlägen hat nicht einmal eine eigene Toilette. Fechete lebt dort, wo die Menschen das hinwerfen, was sie nicht mehr brauchen. Mitten im stinkenden Meer aus Schlamm und Müll. So ist es zu hören, in einer Deutschlandfunk-Reportage aus der rumänischen Großstadt Cluj-Napoca im Nordwesten des Landes. Dort ist die Müllkippe Pata Rat für deutsche Medien ein vielgenutztes Beispiel, um gleich auf mehrere Missstände hinzuweisen. Neben der Müllproblematik werden auch die Roma-Ausgrenzungen sowie Korruption immer wieder thematisiert. Dutzende deutsche Medien haben in den vergangenen Jahren über Pata Rat berichtet. Darunter das ZDF, der MDR, die Berliner Zeitung, aber auch die Kreiszeitung aus Syke bei Bremen.

Auch Florian Müller war in Pata Rat. Er ist Reportagefotograf und hat dort in den Jahren 2012 und 2013 Eindrücke für mehrere NGOs festgehalten. Bei seiner Arbeit vor Ort bemerkte er, dass die Menschen auf der Müllkippe wegen der vielen Berichte mit der Zeit eine Kompetenz im Umgang mit den Reportern entwickelt hatten. „Die Menschen wollen sich natürlich in einem besonderen Licht zeigen, weil sie etwas erreichen wollen. Das muss man klar verstehen“, sagt Müller. Dennoch sei die Angst vor Stigmatisierung immer noch allgegenwärtig. Das mache die Arbeit vor Ort kompliziert. Hinzu kämen oftmals eine unklare Quellenlage und Probleme bei der Übersetzung durch örtliche Dolmetscher. Auch deshalb plädiert der Fotograf leidenschaftlich für Offenheit in der Berichterstattung. „Warum sollten wir nicht auch mal ein Fragezeichen stehen lassen?“, fragt er.

Pata Rat und die rumänische Stadt Cluj sind nur eines von vielen Beispielen für die deutsche Berichterstattung über Müll- und Abfallmanagement in ausländischen Städten. Grundsätzlich lassen sich verschiedene Ansätze erkennen, wie und warum an diese Themen von Medienseite aus herangegangen wird.

In der Forschung geht die Nachrichtenwerttheorie davon aus, dass die Kombination verschiedener Nachrichtenfaktoren den Nachrichtenwert eines Ereignisses bestimmt. Ein Faktor ist beispielsweise die Negativität oder Bedeutsamkeit des Geschehens, aber auch die räumliche, kulturelle und politische Nähe zum jeweiligen Land sowie dessen wirtschaftliche Macht sind mitentscheidend bei der Bewertung eines Ereignisses als Nachricht. Stark vereinfacht bedeutet das in der Regel: Eine Meldung aus Frankreich oder den USA ist für deutsche Medien wichtiger als eine vergleichbare Nachricht aus Botswana. Die Vereinigten Staaten rangieren im nominalen Bruttoinlandsprodukt (BIP)Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gibt den Wert alle Güter und Dienstleistungen an, welche innerhalb eines Jahres in einer Volkswirtschaft erwirtschaftet wurden. Anhand des BIP können der Wohlstand und die Leistungsfähigkeit eines Landes gemessen werden. Früher wurde dazu häufig auch das Bruttonationaleinkommen (bzw. Bruttosozialprodukt) genutzt.  von 2018 nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) auf dem ersten Platz, Frankreich auf Platz sechs. Botswana dagegen ist abgeschlagen auf Rang 117. Auch der politische Einfluss und die kulturelle Nähe sprechen für eine besondere Aufmerksamkeit gegenüber den USA und Frankreich und gegen eine Betrachtung der Nachricht aus Botswana.

 

Aufwendige Recherchen nur noch selten möglich

 

Die Berichterstattung über Müll- und Abfallmanagement in Städten folgt in vielen Fällen allerdings einer anderen Logik. Das beweist nicht nur die Geschichte von Fechete Petru Alexandru im politisch und wirtschaftlich abgeschlagenen Rumänien, sondern noch deutlicher das Beispiel Malaysia.

Hier warnte Umweltministerin Yeo Bee Yin vor wenigen Monaten: „Illegaler Plastikmüll droht das Land in eine Müllkippe zu verwandeln.“ Sie kündigte an, den Müll wieder in die Herkunftsländer zurückzuschicken – auf deren eigene Kosten. Viele deutsche Medien berichteten darüber. Ein Team von ZDF und Wirtschaftswoche recherchierte bereits Monate zuvor in dem südostasiatischen Land und deckte dabei gravierende Missstände auf.

Jacqueline Goebel von der Wirtschaftswoche war vor Ort in der Region Selangor, in der Nähe der Hauptstadt Kuala Lumpur. Dort fand sie illegal entsorgten Plastikmüll aus Europa – darunter auch etliche Verpackungen aus Deutschland. Diese werden dort meist illegal und umweltverschmutzend verbrannt. Durch lokale Kontakte öffneten sich für Goebel schnell Türen. In Selangor war ein Großteil der illegalen Fabriken und Deponien bereits entdeckt. „Ich habe diese dann erst mit Anwohnern und Greenpeace-Mitarbeitern, später auch mit Behördenmitarbeitern nach und nach abgeklappert“, erzählt Goebel.

Diese intensive Beschäftigung mit solch komplexen Themen sei enorm wichtig, pflichtet ihr Christian Esser vom ZDF bei. Er recherchierte von Deutschland aus gemeinsam mit Goebel zu den illegalen Mülldeponien in Malaysia. Ohne die entsprechenden Ressourcen"Der Begriff kommt aus dem Lateinischen (resurgere – „hervorquellen“) bzw. Französischen (la ressource – Mittel, Quelle). Er bezeichnet im weiteren Sinne alle Mittel, die in die Produktion von Gütern und Dienstleistungen einfließen. Zu den natürlichen Ressourcen zählen zum Beispiel Rohstoffe, Wasser, Boden und Luft. Sie werden unterschieden in regenerierbare (z.B. Wälder) und nicht regenerierbare Ressourcen (z.B. fossile Brennstoffe)." und Zeit für die Recherche seien derartige Geschichten heutzutage aber kaum noch möglich. Das ist einer der Gründe, warum aufwendige und umfangreiche Auslandsberichterstattung über Müll- und Abfallmanagement beispielsweise in Form von Reportagen, Portraits oder Features häufig von großen Medienunternehmen angeboten wird. Viele kleinere Medienhäuser können sich Korrespondenten, Reporter vor Ort oder längere Recherchereisen ohne sicheren Output nicht mehr leisten.

 

Aktualität oft zweitrangig

 

Die illegalen Mülldeponien zeigen zudem einen weiteren Ansatz, den deutsche Medienunternehmen in der Auslandsberichterstattung zu diesem Thema verfolgen: Es muss nicht immer aktuell sein. In der Region Selangor werden schon seit Jahren Abfallprodukte illegal verbrannt. Die investigative und mehrmonatige Recherche der deutschen Journalisten war ausschlaggebend, dass dieser Missstand überhaupt aufgedeckt wurde. Später verfolgten auch andere Medien die Entwicklung der Region und des gesamten Landes – von einzelnen aktuellen Ereignissen war die Berichterstattung dagegen kaum abhängig. Ein Muster, das auch auf die Müllkippe in Cluj-Napoca und viele andere Städte weltweit zutrifft. Für Boris Herrmann ist diese Freiheit jenseits der aktuellen Nachrichtenberichterstattung ein großes Privileg. Er war vier Jahre lang Südamerika-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung mit Sitz in Brasilien. Für die SZ-Rubrik „Profil“ beschäftigte er sich unter anderem mit José Alberto Gutiérrez, einem Müllmann aus Bogotá in Kolumbien, der aus weggeworfenen Büchern eine riesige Bibliothek aufgebaut hatte. Auch hierbei handelte es sich nicht um eine Geschichte mit aktuellem Bezug, sondern vielmehr um eine Handlung, die sich seit Jahren entwickelt hat. „Manchmal erhält man die schönsten Geschichten, wenn man nicht dort ist, wenn alle anderen Kollegen dort sind, sondern vielleicht ein Jahr später“, sagt Herrmann. Genau das sieht er auch als zukünftige Aufgabe der klassischen Medienangebote: Hintergründe liefern, analysieren und tiefergehende Recherchen realisieren.

Am Beispiel von José Alberto Gutiérrez wird außerdem deutlich, dass Geschichten über Müll- und Abfallmanagement in den meisten Fällen stark personalisiert sind. „Geschichten von Menschen sind einfach deutlich interessanter für den Leser. Er kann sich in die Menschen hineinversetzen“, erklärt Herrmann. ZDF-Kollege Esser fügt hinzu, dass ein „starker Protagonist“ zudem helfe, das Thema verständlich zu transportieren.

 

Unzureichende Recherchen zu den Tätern

 

Um die entsprechende Geschichte als Medienunternehmen zu veröffentlichen, muss neben den bereits erwähnten Nachrichtenfaktoren – die bei Müll- und Abfallmanagement häufig die Eigenschaften „Konflikt“, „Dramatik“, „Emotionalisierung“, „Tragweite“, aber auch „Kuriosität“ umfassen – auch auf die Einhaltung journalistischer Standards geachtet werden. So gilt bei den befragten Redaktionen und Auslandsreportern vor allem die Sorgfalt im Umgang mit Protagonisten, aber auch mit Informationen als besonders wichtig. Und auch wenn die Fakten stimmen, lassen sich durch die Herangehensweise oder die Schwerpunktsetzung leichte Tendenzen in der Berichterstattung erkennen. Festzuhalten bleibt zum Beispiel, dass es kein einheitliches „Gut“ oder „Böse“ in den Geschichten gibt – und die Verantwortlichen für Missstände je nach Stadt aus unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft kommen. In Cluj-Napoca in Rumänien sind vor allem gesellschaftliche Verwerfungen, aber auch die lokale Politik Schuld an der Situation. In Malaysia ergaben die Recherchen von ZDF und Wirtschaftswoche, dass dort Müll aus den Industrienationen – auch aus Deutschland – abgelagert und verbrannt wird. Hier sind sowohl das Handeln der deutschen Unternehmen als auch die Korruption vor Ort als Gründe für die Verschmutzung anzuführen. Dennoch würden deutsche Medien zu wenig über die Täter der Missstände berichten, sagt Wirtschaftswoche-Reporterin Goebel: „Die Müll-Exporte wandern durch zahlreiche Hände, deshalb fühlt sich niemand verantwortlich. Aus meiner Sicht wäre es aber wichtig, auf die Verantwortung der RecyclingRecycling ist das Sammeln und (teilweise) Verwerten von gebrauchten Gegenständen und Materialien als Rohstoffe für neue Produkte. Der Begriff hat seinen Ursprung im Griechischen und bedeutet "Wiederverwertung". Gesetzlich wird erst von "Recycling" gesprochen, wenn der Rohstoff zuvor als "Abfall" eingestuft war, andernfalls handelt es sich um "Wiederverwendung". Der umgangssprachliche Gebrauch des Begriffs Recycling umfasst oft beide Bedeutungen. In der wirtschaftlichen Bedeutung ist Recycling die Rückführung von Produktions- und Konsumabfällen in den Wirtschaftskreislauf.industrie und der Exporteure hinzuweisen.“ Gleichzeitig gibt es auch positive Beispiele in der deutschen Auslandsberichterstattung über Müll- und Abfallmanagement in Städten. Vor allem Kolumbiens Hauptstadt Bogotá gilt als Vorzeigeprojekt. Dort werden viele Hilfsprojekte oder Einzelpersonen porträtiert.

 

Um eine vergleichbare Entwicklung zu nehmen, wie es Bogotá in den vergangenen Jahren gelungen ist, hat die rumänische Stadt Cluj-Napoca noch einen weiten Weg vor sich. Groß sind die Vorbehalte und klein die Erwartungen. Sicher ist, dass die deutsche Auslandsberichterstattung weiter ein Auge auf die Stadt, ihre Müllkippe und auf Fechete Petru Alexandru haben wird. Vom Deutschlandfunk bis zur Kreiszeitung.