Ruandas Trümmerfrauen

„…but you can be normal again. You can even be more.“

landscape of trees and mountain

Ein kleines Land nahe des Äquators, mitten im Herzen Afrikas. Ruanda – das Land der tausend Hügel und das Land, welches weltweit die meisten Frauen in nationalen Parlamenten aufweist und somit Länder wie Schweden überholt hat.

Von Louise Zenker, Foto von Maxime Niyomwungeri

Der Sommer 1994…

… hinterlässt in Ruanda verbrannte Erde – etwa eine Million Menschen kommen bei dem Genozid an den Tutsi ums Leben. Die Täter sind überwiegend Männer, die Opfer auch – aber keinesfalls ausschließlich. Nach Aufrufen der Regierung über das Radio werden auch Frauen und Kinder ermordet. Etwa 80 Prozent aller überlebenden Frauen werden vergewaltigt, stellt später die von Esther Mujawayo-Keiner mitbegründete NGO AVEGA, Association des Veuves du Genocide d’Avril, in einer Studie fest – wer überlebt hat, hat Furchtbares durchlebt. Um eben jene Frauen kümmert sich die Organisation. Esther Mujawayo-Keiner selbst verliert in den Wirren dieses Frühlings ihren Mann und ihre Orientierung. Einzig der Instinkt, ihre drei Töchter zu retten, lässt sie nicht im Stich. Er ist es, der sie von ihrem Versteck in der Schule, in welcher ihr Mann arbeitete und nur Tage zuvor ermordet wurde, in das Hôtel des Mille Collines treibt. Obwohl sie die Strecke ins Hotel zu Fuß laufen könnte, traut sie sich nicht: Sie bezahlt einen Soldaten, sie in seinem Auto zu verstecken und dorthin zubringen. Denn immer noch blockieren von der Propaganda und vom Alkohol aufgepeitschte Hutu die Straßen, obwohl es kaum mehr Tutsi gibt, auf die sie schießen oder einschlagen könnten. Esther und ihre drei Kinder haben Glück – und genug Geld, um das Hotel zu erreichen.

„Don’t worry! You are not crazy, what happened to you is crazy. It is very normal for the abnormal that happened to you. But you can be normal again. “

Nach dem Völkermord löst sich die Starre der Überlebenden auf und ergießt sich in einen verzweifelten Wahn. Die traumatisierten Frauen finden schließlich Hoffnung als sie sich gegenseitig finden – nicht alleine zu sein mit dem Erinnern an die Schrecken wird zum ersten Anker der Zukunft. Wieder in eine Normalität zu finden, wird zum Ziel.

Noch im Schatten des Jahren 1994, schon kurz nach dem Genozid, strömen die Frauen auf die Straße, ziehen vor das Parlament und vor Gerichte: Sie verlangen eine Strafverfolgung derer, die sie während des Konfliktes missbrauchten und nach Medikamenten, die die häufig im Jahr 1994 mit HIV infizierten Frauen dringend brauchen. Bei ihren Protesten zeigen viele mit dem Finger auf sie. Einige sagen: „Da, die wurden doch alle vergewaltigt,“ und lachen. Esther Mujawayo-Keiner zuckt mit den Schultern als sie davon erzählt, gerade so, als spräche sie von einem anderen, weit entfernten Leben. „Wir hatten ja nichts zu verlieren. Natürlich haben wir weitergemacht.“ Erst später finden sich Lösungen und Finanzierungsansätze für die Medikamente mit Hilfe internationaler NGOs, für viele Frauen ist es da bereits zu spät.

1995: Aus fünf Frauen um Esther werden fünfzig und sie gründen im Januar eine Hilfsorganisation für die Witwen des Genozids. AVEGA wächst zu einer nationalen Anlaufstelle mit Zentren im Osten, Süden und Norden des Landes ebenso wie die ursprüngliche Keimzelle der Organisation in der Hauptstadt Kigali. Etwa 20.000 Witwen und deren Kinder finden auch heute hier noch psychologische Hilfe, Betreuung, Kleinkredite sowie Gesellschaft.

Die Frauen nutzen das Vakuum in dem erschütterten, zertrümmerten Land nach dem Genozid. Mehr und mehr ändert sich ihre Rolle in der Gesellschaft: Aus den überlebenden Witwen werden starke Persönlichkeiten, die sich bilden und in Wirtschaft, Politik und Judikative drängen. Und aus der Not erwächst Stärke. „Post-traumatic Growth“ nennt Esther Mujawayo-Keiner die Entwicklung.

Faires, feministisches Ruanda?

2017 stellen in Ruanda Frauen über 50 Prozent der Abgeordneten im Parlament. So ist das kleine Land, zumindest auf dem Papier weltweit Spitzenreiter. Und auch in anderen Bereichen fühlen sich ruandische Frauen selbst gleichgestellt, denn sie eröffnen wie selbstverständlich Konten und fahren Auto. „Davon sind viele Frauen aus anderen afrikanischen Ländern überrascht,“ erzählt Esther Mujawayo-Keiner und lacht – aus ihren Augen blitzt wieder dieses Fünkchen Stolz.

Ruandas Gesellschaft verändert sich seit dem Genozid rapide – aber ähnlich wie in vielen anderen Ländern öffnet sich eine Schere zwischen der Land- und der Stadtbevölkerung. Zudem hinkt die Chancengleichheit der Geschlechter vor allem vor ländlichen Regionen den Städten noch hinterher: Denn auch wenn Frauen und Männer etwa in gleichen Teilen erwerbsfähig sind, so sind laut UN Women über 70 Prozent der Frauen in der Landwirtschaft beschäftigt, während etwa 75 Prozent der Jobs abseits der Landwirtschaft von Männern ausgeführt werden. Diese sind meist rentabler. Zusätzlich ist es für Frauen insgesamt schwieriger, in größerem Maßstab Zugriff auf Land oder Finanzen zu erhalten, so dass sie meist in Selbstversoger-Positionen verharren.

Der Präsident Paul Kagame treibt das Land mit einem autoritären Regime vor sich her – mit harten Umweltschutzgesetzen und einer in der Verfassung verankerten Gleichstellungsforderung sowie entsprechenden Maßnahmen. Das Land scheint davon zu profitieren. Doch bleiben bestimmte Themen wie Homosexualität, Abtreibungen oder Masturbation absolute Tabus, trotz der offenen Debatte über die zahlreichen Vergewaltigungen während des Genozids. Laut der United Nations Rwanda ist außerdem die Toleranzgrenzen für häusliche Gewalt immer noch recht hoch.

Zwei Facetten einer Gesellschaft treffen hier, in einem der am dichtesten besiedelten Länder aufeinander und lassen ein eindeutiges Fazit kaum zu. Sicher ist aber, dass Frauen wie Esther Mujawayo-Keiner die Gesellschaft dieses Landes seit 1994 mitgestalten und formen mussten, später wollten und bis heute können.

Das Jahr 1994

Die Aufteilung der Bevölkerung Ruandas in die Gruppen Hutu und Tutsi ist weitestgehend willkürlich und stammt noch aus einer Einteilung der Bevölkerung in zwei Gruppen während der Kolonialisierung durch Belgien und Deutschland. Basis für die Aufteilung waren Merkmale wie Besitz und Reichtum. Eine wachsende Ungleichheit zwischen den Gruppen führte 1959 zu einer Rebellion der Hutu, welche die von den Kolonialherren eingesetzte Tutsi-Monarchie stürzte.

Der seitdem schwelende, wechselseitig eskalierende Konflikt führte 1994 in Ruanda zu einem etwa 100 Tage andauernden Genozid der radikalisierten Hutu an den Tutsi. Bis zu einer Million Tutsi sowie moderate Hutu wurden im Frühling und Sommer ermordet – die UN schätzt die Zahl der währenddessen vergewaltigten Frauen auf etwa eine halbe Million. Viele der Frauen wurden so mit HIV infiziert.

Der noch heute amtierende Präsident Paul Kagame beendete den Genozid schließlich als er mit seiner Rebellengruppe in das Land einmarschierte. Die auch hierbei angewandte Gewalt wurde zunächst von der International Gemeinschaft kaum thematisiert.

Esther Mujawayo-Keiner

Die 1958 geborene Autorin und Soziologin lebt heute mit ihrem Mann und ihren drei Töchtern in Deutschland. Als junge Frau überlebte sie mit ihren Töchtern 1994 den Genozid an den Tutsi. Sie verlor ihren ersten Ehemann durch den Genozid.

In Ruanda geründete sie die NGO AVEGA mit rund fünfzig weiteren Frauen, welche sich seitdem zu einer nationalen Anlaufstelle für die Witwen des Genozids entwickelt hat.

Seit 1999 lebt sie in Düsseldorf. Hier arbeitet sie im Psychosozialen Zentrum Düsseldorf als Trauma Therapeutin mit Geflüchteten aus Kriegs- und Krisengebieten.

Sie wurde mehrfach für ihr Engagement ausgezeichnet, unter anderem mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland sowie mit der Ehrendoktorwürde der Univeristy of East Anglia.