„Es geht um die Gemeinschaft! Interview mit Honoré Gatera

Honoré Gatera ist Direktor des „Kigali Genocide Memorial” – einer Gedenkstätte für die Opfer des Genozids an den Tutsi 1994. Im Interview erzählt er von seinen Erlebnissen, der Bedeutung von Erinnerungskultur in Ruanda und der Macht der Gemeinschaft.

Interviewerin: Sie sind oft in der Rolle als Direktor des „Kigali Genocide Memorial“ unterwegs. 1981 wurden sie in Ruanda als Tutsi geboren und haben mit 13 Jahren den Genozid miterlebt. Können Sie mir davon erzählen?

Gatera: Ich war ein Teenager, der alles sehen konnte was passierte. Ich verstand auch, was da vor sich ging, denn meine Eltern hatten mir von der Gefahr der Ideologie erzählt, die zu Morden führen könnte. Gehirnwäsche und das Lehren der Gemeinschaft, sich gegenseitig zu hassen, hatten schon vor 20 Jahren begonnen.

Wie war Ihre Familie vom Genozid betroffen?

Ich habe meinen Vater nicht mehr. In der erweiterten Familie sind mehr als zwanzig Menschen gestorben. Ich bin einer der Glücklichen, dessen Mutter immer noch in Ruanda am Leben ist. Das ist besonders, denn es gibt so viele Menschen, die Vollwaisen sind und keine Eltern mehr haben. Nachdem ich den Genozid überlebt habe, war das ein langer, aber auch positiver Weg.

Wie haben Sie überlebt?

Das ist eine lange Geschichte, weil ich nie auch nur eine einzige Minute vergessen kann. Zusammengefasst habe ich durch Verstecken überlebt: Einer unserer Nachbarn war ein Hutu, aber nicht in die Morde verwickelt. Er versteckte mich zunächst. Während des Genozids sagte er, dass er nicht wolle, dass jemand in seinem Haus getötet werde. Also gingen wir weg in eine zerstörte Region, um dort für eineinhalb Monate zu bleiben.

Gibt es ein bestimmtes Bild des Genozids, das sich Ihnen eingebrannt hat?

Es gibt so viele Bilder, nicht ein Einzelnes. Wenn man sich die Situation in Ruanda 1994 ansieht, dann setzt sich das Gesamtbild aus Schreien, getöteten Menschen, brennenden Häusern und überall Straßensperren mit Macheten zusammen. Man konnte keine 500 Meter gehen ohne einer Sperre zu begegnen, wo Menschen umgebracht wurden.

Wie ging es nach dem Genozid für Sie weiter?

Ich besuchte ein Gymnasium in meiner Heimatregion Muhanga. Nach Abschluss der Schule 2001 zog ich nach Kigali, um dort an der Universität Sozialwissenschaft zu studieren. 2004 begann ich meine Arbeit im „Kigali Genocide Memorial“, bis jetzt.

Ihre Arbeit beschäftigt sich mit dem Genozid und wie dem gedacht werden kann. Haben Sie persönliche Bewältigungsstrategien? Wie gehen Sie mit Ihren Erinnerungen um?

Ich denke, da hat jeder seine persönliche Art. Für mich war es ein Heilungsprozess, weil ich gelernt habe, wie ich mit meiner Erinnerung leben kann. Ich lernte, mich mit alldem auseinanderzusetzen, was mein Gehirn, Gedächtnis und meine Emotionen beschäftigt. Währenddessen merkt man, dass man nicht der Einzige ist. Es gibt so viele andere Menschen, die sich dem Erlebten stellen müssen. Wenn man in meinem Berufsfeld arbeitet, hat man die Chance, alles, was einen im Inneren beschäftigt, nach außen zu tragen, denn man geht tagtäglich damit um. Sobald man belastbarer wird, kann man jede Herausforderung, die man emotional, psychologisch und körperlich hat, überwinden.

Es sind jetzt 25 Jahre seit dem Genozid an den Tutsi vergangen, wie wichtig ist die Erinnerungskultur derzeit?

Sie ist vor allem für die Generationen in der Zukunft wichtig. Die Menschen, die nach dem Genozid geboren wurden, sind nun erwachsen und gründen Familien. Es ist sehr wichtig für sie, die Erinnerungen zu bewahren, um zu zeigen was wirklich passiert ist und sie an andere weiterzugeben, egal ob Tutsi oder Hutu. Ihre Kinder und Enkel sollen davon lernen. Ich würde nämlich nicht behaupten, dass die Ideologie des Genozids in Ruanda ganz vergessen ist. Es gibt immer noch Leute, die diese Ideologie in und außerhalb von Ruanda vertreten.

Sie sind tagtäglich von den Ergebnissen der Gewalt des Genozids umgeben. Sie gehen damit persönlich, aber auch professionell um. Wo liegt der Unterschied?

Wie halten Sie die Balance?Ich denke, dass man die Balance zwischen dem Individuellen, Persönlichen und Professionellen nebenbei lernen kann. Man fängt nicht professionell an. Man beginnt als Individuum, das mit seinen eigenen Dingen beschäftigt ist. Sobald man dann in die professionelle Karriere geht, lernt man, wie die Bewältigung dargestellt werden kann. Die individuelle Basis darf aber niemals vergessen werden, denn sie macht uns alle zu dem, was wir sind. Wir könnten keine Teilhabe in unserer Gemeinschaft haben, wenn wir das, was uns als Mensch ausmacht, zurücklassen. Denn der Beitrag eines jeden Einzelnen beeinflusst die Gemeinschaft. Die Balance zu finden bedeutet für mich, zu wissen, dass ich zwar professionell bin, aber eben auch ein Individuum. Ich erinnere mich immer daran: Das ist, wer ich bin und was ich zum Land beitragen kann.

Sie sagten, es sei wichtig, dass junge Menschen verstehen, worum es beim Genozid ging. Was ist mit den Überlebenden und solchen, deren Familie getötet wurde? Können sie die Erlebnisse hinter sich lassen, können sie heilen?

Sie haben einen sehr guten Begriff verwendet. Sind sie fähig zu heilen? Ja, das sind sie. Aber sie können die Ereignisse nicht hinter sich lassen, nein. Wir erinnern und können deswegen weitermachen, aber nicht vergessen und weitermachen. Uns sind schreckliche Dinge widerfahren, aber wir wissen, dass wir zu einer Nation und Gemeinschaft gehören. Unsere Rolle in der Gemeinschaft ist es zu erinnern, aber auch Teil des Wiederaufbaus zu sein. Jeder kann Teil der Reise sein, die zu Stabilität, Erholung, Einigkeit und einem neuen Ruanda führt.

Sie haben auch an Projekten teilgenommen, die sich generell mit Friedensschaffung und Konfliktprävention beschäftigen. Welche Sachen frustrieren und belohnen Sie bei Ihrer Arbeit am meisten?

Wir sind noch nicht bei der Belohnung angekommen. Das ist ein Vermächtnis, das wir zurücklassen werden. Vielleicht gibt es die Belohnung für unsere Kinder. Die frustrierende Sache ist, dass ich als Mensch, der versucht, positive Werte zu verbreiten, sehe, dass es andere Menschen gibt, die das ganze boykottieren – nicht nur in Ruanda, sondern überall auf der Welt. Wenn man sich anschaut, was überall auf der Welt passiert, dann fragt man sich: Hat die Menschheit je aus ihren Fehlern gelernt? Das entmutigt mich schon, aber ich verstehe, dass ich noch mehr investieren muss und vielleicht wird dann die nächste Generation belohnt.

Denken Sie, dass in Ruanda Gerechtigkeit hergestellt wurde oder in der Zukunft hergestellt werden kann? Ist das überhaupt noch wichtig für die Überlebenden?

Ja, Gerechtigkeit wurde hergestellt, aber nicht zu 100 Prozent. Es gibt immer noch Kriminelle, die am Genozid teilgenommen haben und geflohen sind. Sie sind noch nicht von den Ländern, in denen sie gerade leben, oder dem Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda festgenommen worden. Das liegt entweder am Widerwillen der anderen Länder oder an der Struktur des internationalen Systems. Wir müssen weiter hart arbeiten, um den Überlebenden Gerechtigkeit zu bieten, denn sie ist ein Teil des Heilungsprozesses. Zudem senden die Verurteilungen ein Signal: Man kann niemanden umbringen, ohne vom Gesetz bestraft zu werden.

Nach 25 Jahren sind die Tränen des Genozids also noch nicht getrocknet?

Nein, die Tränen sind noch nicht getrocknet. Es gibt immer noch Menschen, die mit den Konsequenzen des Genozids kämpfen und unter dem leiden, was ihnen widerfahren ist. Die Auswirkungen sind immer noch in einigen Teilen der Gemeinschaft sichtbar.

Wo können Sie am besten dem Genozid gedenken, gibt es da einen Ort für Sie?

Für mich ist es kein Ort, sondern eine Umgebung. Wenn ich Teil der jungen Menschen bin, die zusammen gedenken, da verstehe ich wirklich, dass ich irgendwie belohnt werde. Sie verstehen, was wir durchmachen mussten, nehmen sich an der Hand und gedenken, erinnern und lernen davon. Im Laufe meiner Karriere habe ich festgestellt, dass es nicht nur um mich geht, sondern um uns alle: Es geht um die Gemeinschaft!