„Warum muss ich ihnen verzeihen?” Interview mit Dr. Esther Mujawayo-Keiner

Dr. Esther Mujawayo-Keiner ist Mitgründerin der AVEGA (Association des Veuves du Genocide d’Avril), die sich für die Witwen des Genozids vom April 1994 einsetzt. Im Interview erzählt sie die bewegende Geschichte ihrer Flucht während des Genozids und über ihren Umgang mit den Tätern heute. Inzwischen lebt sie mit ihrem Mann in einem kleinen Ort am Niederrhein und arbeitet als Soziologin und Traumatherapeutin.

Interviewer: Frau Dr. Esther Mujawayo-Keiner, wie haben Sie Ihr Leben in Ruanda vor dem Genozid in Erinnerung? War die Diskriminierung für Sie schon vorher präsent?

Mujawayo-Keiner: Ich bin 1958 geboren, die staatlich vorgegebene Diskriminierung begann bereits 1959. Ich habe mein ganzes Leben mit der Diskriminierung gelebt. Wir kannten es nicht anders.

Mit 19 bekamen Sie ein Stipendium zugesprochen. Sie gingen nach Belgien, um dort Soziologie zu studieren. Mit Ihrem Masterabschluss in der Tasche kamen Sie 1985 zurück nach Ruanda. Hatte sich das Land in der Zwischenzeit stark verändert?

Die Diskriminierung kam immer stärker angeschlichen. Immer und immer stärker. Bis zum Ende hin hätten wir es jedoch nie für möglich gehalten, dass es zu einer „Endlösung“ kommen würde. Ich meine, schon 1973 wurden an den Türen in den Schulen Listen mit den Namen und der zugehörigen Ethnie angebracht. Darüber stand: „Tutsi müssen draußen bleiben“. Sie nannten das „Intellektuelle Wende”, erstmals mussten Tutsi Universitäten und Gymnasien verlassen. Als immer mehr Intellektuelle ins Exil gingen, sind wir bei unseren Familien geblieben.

Haben Sie in der Familie offen über die Diskriminierung gesprochen?

Mein Vater hat mir immer gesagt: „Sie haben uns unsere Kühe und unser Haus genommen, sie haben alles verbrannt. Dein Innerstes jedoch werden sie niemals kriegen.“ Das wurde zu einem Vorsatz für mein ganzes Leben: Pass auf die Dinge auf, die dir nicht weggenommen werden können. Alles andere kannst du dir wiederaufbauen. Dann haben sie alle umgebracht und ich dachte plötzlich: „Toller Spruch, aber jetzt sind alle tot.“

Frau Mujawayo-Keiner, verzeihen Sie bitte, dass ich Sie in diese Zeit zurückversetze: Welche Erinnerungen haben Sie an den April 1994?

Im April 1994 war ich in Kigali. Mein Mann und unsere Kinder sind nie von meiner Seite gewichen. Meine Eltern und Geschwister sind zu ihren Familien zurück in ihre Geburtsdörfer gefahren. Sie kamen nie wieder zurück.

Wenig später begann auch in der Hauptstadt Kigali das Morden.

In der Nacht, in der sie kamen, versteckte ich mich mit meinem Mann. Wir haben alles immer sehr diskret gemacht. An diesem 19. April haben wir uns nachmittags noch zum Essen verabredet, kein Licht angemacht, nichts, damit sie uns nicht finden. Ich glaube, einer unserer Kollegen hat unser Versteck verraten, denn genau zur verabredeten Stunde stürmten sie plötzlich unser Haus. Wir waren alle zu Hause, wollten zu Abend essen. Sofort haben sie sich jeden Jungen und Mann gegriffen. „Alle auf eine Seite“, schrien sie. Ich erinnere mich an das Schlimmste. Nicht, dass mir mein Ehemann genommen wurde, sondern ich erinnere mich daran, dass ein kleiner Nachbarsjunge zu uns rüber wollte, zu der Seite, auf der die Frauen und Kinder standen. Sie haben ihn nur wieder zu den Männern herübergeschubst und gesagt: „Schlangen werden schnell erwachsen.“ Dann wurden sie abgeführt, draußen vor das Gelände. Dort haben sie, einen nach dem anderen, umgebracht.

Und die Frauen? Mussten Sie sich das Morden mit ansehen?

Mit den Augen haben wir es nicht gesehen. Wir haben Männer schießen gehört. Das Einzige, was wir dachten, war: „Ok, wenn sie erschossen werden, müssen sie wenigstens nicht leiden.“ Aber die Schüsse fielen nicht deswegen, einer der Männer hatte versucht zu fliehen. Es war furchtbar, denn als Reaktion haben sie allen die Füße abgeschnitten. Sie haben sie abgeschnitten und bluten lassen. Umgebracht haben sie sie erst am nächsten Morgen.

Wie ist es Ihnen und den Kindern ergangen?

Wir sind gerannt und gerannt und haben uns im Gebüsch versteckt. Wir sind auf dem schnellsten Wege zum Kloster, glücklicherweise haben uns die Nonnen die Tür aufgemacht. Dort konnten wir dann übernachten. Doch es gab kaum Wasser in dem Kloster und es wollte einfach nicht regnen. Wenn du nichts isst, kannst du trotzdem einige Zeit überleben, doch wenn du nichts trinkst, ist es gleich vorbei. Dein Körper hält das nicht aus. Am nächsten Morgen wusste ich keinen Ausweg mehr. Zurück zu dem Haus, wo sie mir meinen Mann nahmen? Nein, ich wollte zur UN. Ich wusste, dass es eine UN-Delegation in Kigali gab. Die waren alle in dem „Hôtel des Mille Collines“ (Anm.: Das Hotel wurde später durch den Film „Hotel Ruanda” weltbekannt). Zum Glück konnte ich noch mit dem „Internationalen Roten Kreuz“ kommunizieren und habe so erfahren, dass mein Arbeitgeber Oxfam mich sucht. Sie haben mir Nachrichten geschickt, wollten mich in Sicherheit bringen. Ich habe mir gedacht: „Du musst nur dieses Hotel erreichen“. Mir waren alle Mittel recht. Mit dem Rest meines Geldes bestach ich einen Soldaten und der hat uns tatsächlich dort hingebracht.

Woher wussten Sie von dem Hotel?

Ich hatte Glück, denn nur weil ich bei Oxfam arbeitete, wusste ich von dem Hotel und dass mein Arbeitgeber mir dort helfen würde. Wir hatten nichts mehr zu verlieren. Der Soldat hätte das Geld einfach nehmen können und mich stehen lassen, aussetzen oder verraten. Warum er mich dorthin gebracht hat… ich weiß es nicht.

Wie ging es dann weiter?

Mitte Juni gab es einen größer angelegten Gefangenenaustausch. Wir konnten uns zwischen Regierungs- und RPF-Seite („Ruandische Patriotische Front“) entscheiden. Wir wussten, die Regierung würde uns nur umbringen, also gingen wir zur RPF. Die haben uns zu einem benachbarten Camp gebracht, unweit von Kigali.

Dort waren Sie sicher?

Dort waren dann auch Journalisten. Und dass ist manchmal sogar ganz gut (lacht). Über die Journalisten konnte ich eine Nachricht an meine Kollegen von Oxfam in Uganda schicken:
„Ich bin im Camp Kauga“. Danach hat ein Kollege von Oxfam dreimal versucht das Camp zu erreichen. Einmal hatte er auf dem Weg einen Unfall mit seinem Auto und ein zweites Mal wurden ihm die Tore des Camps nicht geöffnet. Erst beim dritten Mal ging alles gut und er hat uns dort rausgebracht. Am 1. Juli erreichten wir Uganda.

Wie lange hielten Sie sich im Nachbarland Uganda auf?

Das war es ja, das war nur ganz kurz! Am 4. Juli, nur drei Tage später, war der Schrecken vorbei. Wir sind gleich zurück zu unseren Häusern, da wir nach Überlebenden suchen wollten. Am 10. Juli erreichte ich mein Haus in Kigali. Während der ganzen Woche hatten wir nur schlechte Nachrichten gehört. Es war ein Wunder, noch am Leben zu sein.

Haben Sie den Tätern in 25 Jahren je verzeihen können?

Warum muss ich ihnen verzeihen? Das spielt für mich keine Rolle. Mir ist jetzt wichtig, in Frieden leben zu können. Der Spuk ist vorbei. Es sind schon Täter auf mich zugekommen und haben mich um Vergebung gebeten. Ich habe das akzeptiert. Manchmal glaube ich, dass die Täter krank sein müssen. Wenn man jeden Tag tötet, was ist man dann für ein Mensch? Man kann zwar so tun, als würde einem das nichts ausmachen, aber das glaube ich nicht. Was macht dieses ständige Verleugnen mit einem?

Dann war es vorbei. Wie ist ein Neustart nach der totalen Katastrophe möglich?

Ich habe mich erstmal auf alles konzentriert, was ich noch hatte. Man kann das Glück, das ich hatte, gar nicht beschreiben. Meine Töchter waren noch am Leben, ich hatte einen Job, hatte ein Haus. Schon bald hat Oxfam wieder seine Arbeit in Ruanda aufgenommen. Und wir haben gleich damit begonnen, eine eigene Organisation zu gründen, die AVEGA (Association des Veuves du Genocide d’Avril), die sich für die Rechte der Witwen einsetzt.

Wie stark ist das Grauen von damals noch in ihrem Kopf präsent?

Es ist noch immer da. Man muss sich das wie ein Bild mit frischen Farben vorstellen, das lange Zeit in der Nähe eines Fensters hing. Das Motiv ist noch da, nur die Farben sind etwas verblichen.

Was sehen Sie auf diesem Bild?

Ich verbinde vor allem Naturbilder mit dieser Zeit. Ich kann mich noch erinnern, dass es eigentlich ein herrlicher Frühling gewesen war. Alles war bunt, das ging vielen der Überlebenden so. Vielleicht, weil überall noch das Blut zu sehen war. Oder vielleicht haben wir die blühenden Blumen umso deutlicher wahrgenommen, weil keine toten Körper mehr zu sehen waren. Das war das große Paradox für uns: Wo das Leben eigentlich am Abgrund stehen sollte, blühte die Natur einfach wieder auf. Das Leben drehte weiter seine Kreise.

Wie lässt sich ein solches Trauma verarbeiten?

Ich hatte schon bald nach dem Genozid die Chance, alles zu verarbeiten. Als ich für meine Ausbildung zur Traumatherapeutin nach Großbritannien gegangen bin, musste ich mich einer eigenen Therapie unterziehen. Ich habe mich gefragt: „Wie war all das möglich? Wie kann ich jemals wieder einfach so weitermachen und weiter als Mensch funktionieren, mit allem, was ich gesehen und gehört habe?“ Mein Traum von einem Leben vor dem Genozid war immer der Traum einer großen, glücklichen Familie. In Ruanda ist es unvorstellbar, jemals seine Familie zu verlassen. Alte Leute werden nicht allein gelassen.

Was hat Ihnen am meisten geholfen, diese Zeit hinter sich zu lassen?

Wieder Pläne für eine bessere Zukunft zu haben. Zu wissen, ja, es lohnt sich, für eine Sache zu kämpfen. Für unsere Rechte einzustehen. Zunächst haben wir für die Anerkennung des Genozids gekämpft. Schon früh haben wir uns darauf konzentriert, Lösungen zu finden. Lösungen für die zahlreichen Obdachlosen auf den Straßen, Lösungen für das Schulsystem, die Gesundheit. Vergewaltigungen und HIV waren ein großes Problem in Ruanda. Wir brauchten Medikamente, die für die Leute bezahlbar waren. Also haben wir verschiedene Projekte ins Leben gerufen. Wir haben einen Film gedreht, „Hope in Hell“, Hoffnung in der Hölle. Die Rolle der Protagonisten übernehmen fünf Frauen, die ihre Geschichte des Genozids erzählen. Diese Frauen sorgten sich vor allem um ihre Zukunft. Ohne medizinische Versorgung schwebten sie weiter in Gefahr zu sterben. Wir brauchten Unterstützung an allen Ecken und Enden, mussten für Aufmerksamkeit kämpfen. Nur durch die Wut und den unbedingten Willen der Frauen selbst ist uns das gelungen. Sie leben bis heute.