Sind die Tränen schon getrocknet? Von Karin Priehler, Lena Sauerer und Leon Willner

Ruandas Spitzname klingt idyllisch: „Land der tausend Hügel“. 25 Jahre nach dem Genozid an den Tutsi hat sich Ruanda scheinbar erholt, Tutsi und Hutu leben friedlich Tür an Tür. Das Land ist Vorreiter in Sachen Umweltschutz und Gleichberechtigung. Kigali gilt als eine der saubersten Hauptstädte Afrikas. Im ganzen Land sind Plastiktüten verboten. Ein Großteil der wichtigsten Ämter ist von Frauen besetzt. Doch die Ermordung von rund 800.000 Menschen im Jahr 1994 wirft nach wie vor einen Schatten über das Land.

2019 wird ein emotionales Jahr für Dr. Esther Mujawayo-Keiner und Honoré Gatera. Beide sind Tutsi, beide haben den Genozid überlebt. „Der Spuk ist vorbei“, sagt Mujawayo-Keiner und wischt sich mit beiden Händen über das Gesicht. „Mir ist wichtig, jetzt in Frieden zu leben.” Schon lange vor dem Genozid war sie Opfer der staatlich vorgegebenen Diskriminierung gewesen. Im April 1994 verlor sie die wichtigsten Stützen ihres Lebens. Ihre Eltern, Geschwister und ihr Ehemann kamen während eines Massakers ums Leben. Mujawayo-Keiner gelang die Flucht, gemeinsam mit ihren drei Kindern.

„Warum muss ich ihnen verzeihen?“ Dr. Esther Mujawayo-Keiner erzählt die bewegende Geschichte ihrer Flucht während des Genozids und über ihren Umgang mit den Tätern heute.

Honoré Gatera war 13 Jahre alt, als die Grausamkeiten des Genozids einsetzten. „Ich habe seitdem keine einzige Minute der Geschehnisse vergessen“, erzählt Honoré und verschränkt dabei die Hände fest ineinander. Die Bilder hätten sich für immer in sein Gedächtnis gebrannt. Heute leitet der 38-Jährige das „Kigali Genocide Memorial“, das nicht nur als Begegnungsstätte dient, sondern auch an die Opfer erinnert. Die Überreste hunderttausender Menschen sind dort bestattet.

„Es geht um die Gemeinschaft!“ Honoré Gatera erzählt im Interview von seinen Erlebnissen, der Bedeutung von Erinnerungskultur in Ruanda und der Macht der Gemeinschaft.

Auch Mujawayo-Keiner, die zurzeit in Deutschland lebt, setzt sich aktiv für die Aufarbeitung ein. Sie hat den Verband „Association of Widows of April’s Genocide” (AVEGA) mitbegründet, der überlebende Frauen sowohl psychologisch als auch finanziell unterstützt.

Während die Ereignisse in Ruanda nach wie vor fest in den Köpfen der Menschen verankert sind, scheint der Genozid hierzulande kaum mehr eine Rolle zu spielen. Weder in den Schulen, noch in der medialen Berichterstattung, obwohl die juristische Aufarbeitung auch in Deutschland stattfindet.

Im Februar 2011 hatte der erste deutsche Prozess zum Völkermord vor dem Oberlandesgericht Frankfurt am Main begonnen. Dem Angeklagten, einem ehemaligen Bürgermeister einer ruandischen Gemeinde, wurde vorgeworfen, im Jahr 1994 Massaker angeordnet zu haben. 4000 Menschen sollen dabei ermordet worden sein. Der Beschuldigte lebt seit 2002 in Deutschland. „Die Massenmedien hat der Prozess nicht erreicht“, sagt der Journalist Stefan Klein. Ab 1981 war er Afrika-Korrespondent für die „Süddeutsche Zeitung”. Auch Ruanda hatte er mehrere Male bereist.

Allerdings sei die Beweisführung in Prozessen dieser Art schwer. Ein geschickter Verteidiger habe in der Regel leichtes Spiel, vom Verdacht an einer Beteiligung abzulenken. Deutlich sinnvoller sei das Gacaca-System, ein traditionelles ruandisches Rechtssystem bei dem nicht die Bestrafung im Vordergrund steht, sondern die Wahrheit. „Die Dinge sollen an die
Oberfläche kommen, um so eine Versöhnung herbeiführen zu können“, so Klein.

Ganz sicher sei er sich aber nicht, ob der vermeintliche Friede, der mittlerweile zwischen Hutu und Tutsi herrscht, auch in Konfliktsituationen Bestand hätte. „Gut möglich, dass diese Flammen von Hass, die damals zu sehen waren, auch jetzt noch sehr schnell und leicht zu entflammen wären.“ Denn was Stefan Klein damals mit am meisten schockiert hat, war die Tatsache, dass auch langjährige Nachbarn und Freunde übereinander hergefallen sind. Angestachelt wurden sie unter anderem durch „Radio Ruanda“. Das Medium hatte versteckte Botschaften gesendet, um die Bevölkerung zum Morden anzustiften. „Es hieß damals oft ‚Lasst uns die großen Bäume fällen'“, berichtet Klein. Jeder habe gewusst, dass damit die hochgewachsenen Tutsi gemeint waren. Die Hutu hatten den Tutsi oft die Beine abgehackt, da diese als Zeichen der Überlegenheit galten.

Den Genozid selbst hat Stefan Klein nur aus der Ferne beobachtet. Er war ein Jahr zuvor nach Singapur gezogen, um dort als Korrespondent zu arbeiten. „Ich musste damals einen Schnitt machen, mich erstmal in Singapur einleben und Fuß fassen“, so der Journalist. Afrika sei für ihn plötzlich weit weg gewesen. Aber er erinnerte sich oft daran, dass er, bei einem seiner letzten Besuche in Ruanda, etwas gespürt habe. „Ich hatte das Gefühl, dass etwas in der Luft lag, konnte es aber nicht genau definieren.“

Eine der wichtigsten Rollen spielten damals die Vereinten Nationen. Die rund 5000 UN- Blauhelme, die im Land stationiert waren, griffen nicht ein, als das Morden begann. Sie hielten sich an das Peacekeeping-Mandat. „Was absoluter Blödsinn war, da es ja keinen Frieden gab, den man hätte bewahren können“, so Klein. Die Soldaten durften ihre Schusswaffen nur dann einsetzen, wenn sie selbst in Gefahr waren. Stefan Klein verweist auf die Maßnahme zur Friedenserzwingung („peace enforcement“). Damit hätte man die Lage vermutlich unter KontrolleAls Troll bezeichnet man im Netzjargon eine Person, die ihre Kommunikation im Internet auf Beiträge beschränkt, die auf emotionale Provokation anderer Gesprächsteilnehmer zielt. Dies erfolgt mit der Motivation, eine Reaktion der anderen Teilnehmer zu erreichen. bringen können. Hinzu kommt, dass die Zahl der UN- Soldaten damals nicht aufgestockt wurde. Der kanadische UN-General und damalige Kommandeur der Truppe, Roméo Dallaire, hatte vergeblich um Unterstützung gebeten. Später konstatierte er, die internationale Staatengemeinschaft habe Ruanda ignoriert.

Es war also an der verbliebenen Bevölkerung, mit den Schrecken des Genozids umzugehen und das Land in eine neue Zukunft zu führen. Heute gibt es eine allgemeine Krankenversicherung, rund 80 Prozent der Kinder besuchen eine Schule und Hutu und Tutsi leben scheinbar friedlich zusammen. Doch der Wirtschaftsboom beruht in erster Linie auf den Ressourcen"Der Begriff kommt aus dem Lateinischen (resurgere – „hervorquellen“) bzw. Französischen (la ressource – Mittel, Quelle). Er bezeichnet im weiteren Sinne alle Mittel, die in die Produktion von Gütern und Dienstleistungen einfließen. Zu den natürlichen Ressourcen zählen zum Beispiel Rohstoffe, Wasser, Boden und Luft. Sie werden unterschieden in regenerierbare (z.B. Wälder) und nicht regenerierbare Ressourcen (z.B. fossile Brennstoffe)." des Nachbarstaates Kongo, den Ruandas Staatschef Paul Kagame ausplündern und destabilisieren lässt. Kagame, der Wahlen für gewöhnlich mit 90 Prozent der Stimmen gewinnt, gilt als wichtiger Reformer. Doch seiner Regierung werden Machtmissbrauch und massive Einschränkungen der Pressefreiheit vorgeworfen.

Im Vorfeld der Wahlen von 2010 wurden ein ranghoher Oppositionspolitiker sowie ein kritischer Journalist unter ungeklärten Umständen ermordet. „Keine Zeitung in Ruanda wird das Thema ‚Kagame und Menschenrechtsverletzung’ auf die erste Seite setzen“, sagt Stefan Klein. Dabei sei es die Aufgabe von Journalisten, kritische Fragen zu stellen. Doch nur wenige haben überhaupt die Gelegenheit, bis zu Kagame vorzudringen. Er empfange nur äußerst selten Vertreter der Presse.

„Erst unter demokratischen Verhältnissen könnte man feststellen, ob eine Versöhnung tatsächlich stattgefunden hat“, so Stefan Klein. Erst, wenn sich das Land öffnen würde, freie Presse zulassen und Wahlen abhalten würde, könne man sehen, ob sich die Lage tatsächlich normalisiert hat. Denn ein nationaler Dialog habe bis heute nicht stattgefunden. Stefan Klein: „Solange das Regime den Daumen draufhält, wird man auf die Frage nach Frieden keine Antwort finden.“

 

Fotos: Christiane Fritsch