Hat der Mensch das Recht auf einen Platz im Geschichtsbuch? Christoph Wonneberger organisierte in den 80er Jahren die Leipziger Friedensgebete, die schließlich zu den Montagsdemos wurden. Und am Ende mit dafür verantwortlich waren, dass die Mauer fiel. Trotzdem kennen seinen Namen nur die Wenigsten. Woran liegt das?

Von Jana Heigl, Robert Hofmann, Verena Mayer und Sebastian Späth

Immer wieder hallen Zwischenrufe durch das helle Schiff der Leipziger Nikolaikirche. Sie ist voller Menschen. Selbst die Emporen sind an diesem Montag gefüllt. Nochmal 5000 Menschen warten draußen, sie haben keinen Platz mehr bekommen. Nach dem Gebet werden die vielen Leute von der Kirche losmarschieren und eine der berühmten Demonstrationen beginnen, die die DDR am Ende zu Fall bringen werden. Die Stimmung an diesem 25. September 1989 ist anders als sonst. Dieser Montag ist ein besonderer Tag, das spürt Pfarrer Christoph Wonneberger schon bei der Predigt.

Christoph Wonneberger ist evangelischer Pfarrer in seinen Mittvierzigern. Er hat diesen Gottesdienst, die sogenannten Friedensgebete, maßgeblich organisiert, über Jahre aufgebaut. Trotzdem kennen deutsche Geschichtsbücher Wonneberger nicht und wenn, dann nur als Randnotiz. Man schreibt keine Geschichte, Geschichte wird geschrieben. Und in Wonnebergers Fall, wurde er eben in die Fußnoten verbannt. Wie konnte das passieren?

Es ging Wonneberger nicht um den Mauerfall, immer ging es ihm nur um Reformen und den Frieden. Vielen Teilnehmern des Friedensgottesdienstes geht es derweil um etwas anderes. Sie wollen in den Westen, Ausreisebewilligungen erwirken. Doch die unterschiedlichen Beweggründe sind an diesem Montag egal. Wichtig ist, dass die Kirche voll ist mit Menschen, die etwas bewegen möchten.

Wonneberger steht am Altar und lässt die Menschenmenge Kanon singen, dreistimmig, jeder wird gebraucht. „Da läuft es einem eiskalt den Rücken runter, wenn man weiß, was da in der Stadt schwelt“, erinnert sich Wonneberger heute, als er wieder im Hauptschiff der Nikolaikirche steht und nach oben zu den Emporen blickt. Als letztes Lied stimmen sie „We shall overcome“ an. Als das Gebet vorbei ist, strömen die Kirchengänger auf die Straße, hören aber nicht auf zu singen:

We shall overcome some day/ Oh, deep in my heart I do believe: We shall overcome some day/ We’ll walk hand in hand some day/ Oh, deep in my heart I do believe: We’ll walk hand in hand some day.

Nur wenige Wochen nach dem 25. September 1989 erleidet Wonneberger einen schweren Hirnschlag, bei dem er seine Sprache verliert. Die Kirche übernimmt sofort die Geschäfte und hat sie bis heute nicht wieder aufgegeben. Während andere für ihre Verdienste in der friedlichen Revolution geehrt wurden, kämpfte Wonneberger auf Reha um seine Gesundheit. Dort wo er hätte sein sollen, haben sich andere hingestellt. Für einige, die ihn aus dieser Zeit kennen, ist Wonneberger trotzdem bis heute eine moralische Instanz.

Wenn man ihn danach fragt, ob er es nicht als ungerecht empfinde, wie ihm damals Ruhm und Ehre vorenthalten wurden, reagiert er mit einem Schulterzucken. In Wonnebergers Fall ist das Schulterzucken mit einem Kichern verbunden, ein wenig nervös, aber trotzdem aufrichtig und entwaffnend. Viel wichtiger ist für ihn, dass er trotz seiner langen Krankheit wieder sprechen und Rad fahren kann. Tatsächlich ist Wonneberger für seine 74 Jahre erstaunlich fit, er hat volles weißes Haar, sehnige Unterarme und einen gepflegten Bart. Nur manchmal scheint sein Hirnschlag noch durch. Dann beginnt er Sätze, die er nicht zu Ende bringt oder benutzt falsche Wörter.

Trotz aller Bescheidenheit kann er sich bei einem Besuch der Nikolaikirche manchen kritischen Kommentar nicht verkneifen. „Die wollen nicht, dass ich hier eine große Rolle spiele“, sagt Wonneberger, als er durch die kircheigene Ausstellung zu den Friedensgebeten schlendert. „Was ich gemacht habe, konnten sie nicht ganz auslassen, aber es ist schon sehr verhalten.“

Es gibt aber auch diejenigen, die sich für Wonneberger stark machen. 2014 hat er gemeinsam mit dem Archiv Bürgerbewegung, Pfarrer Christian Führer und dem Bürgerrechtler Uwe Schwabe das Bundesverdienstkreuz bekommen – jedoch nur, weil Schwabe seinen Preis nicht angenommen hätte, wenn „der Wonnie“ nicht auch einen bekommt. „Da wurden Leute geehrt, die nicht die Bedeutung wie Wonneberger hatten,“ erinnert sich Schwabe. „Das war eine vollkommene Schieflage.“

Immerhin wird ihm so ein Stück der Anerkennung zuteil, die er in den Augen vieler eigentlich schon 1989 erfahren hätte sollen. Bloß die evangelische Kirche stellt sich immer noch quer. „Die wird sich da nicht bewegen“, prognostiziert Schwabe. „Die wollen sich damit nicht auseinandersetzen.“

Schon Wonnebergers Vater war Pfarrer. Dessen Frömmigkeit war ihm zu eng, zu festgefügt. Immer wieder gab es Auseinandersetzungen, weil der Sohn seinen Glauben freier leben wollte – wenn überhaupt. Nach einer Lehre zum Maschinenschlosser entschied er sich deshalb für ein Theologiestudium in Rostock. Er wollte „qualifizierter streiten“. Und er wollte die Freiheiten, die ihn im Studium erwarteten. Doch denselben Beruf wie der Vater zu ergreifen, das schien ihm damals noch sehr weit weg.

Stattdessen beschäftigte ihn eher die Idee, dem Sozialismus ein menschliches Gesicht zu verleihen. Ein „menschliches Antlitz“, wie es Alexander Dubček 1968 nannte, der Generalsekretär der kommunistischen Partei in der Tschechoslowakei. Beim „Prager Frühling“ walzten sowjetische Panzer durch Prag, um die Liberalisierungs- und Demokratisierungstendenzen in dem östlichen Nachbarn der DDR zu beenden. Christoph Wonneberger war damals dabei, als am 28. August Truppen einmarschierten, wobei über 70 Menschen starben. Wonneberger sagt, dass ihn diese Erfahrung bis heute geprägt habe.

So wollte er die DDR auch stets bloß reformieren, nie stürzen. Im Beruf des Pfarrers sah er die Möglichkeit, nachhaltig Veränderung zu bewirken und seine Ideen nach außen zu tragen – auch weil die Kirche in der DDR gewisse Freiräume bot, die man sonst nicht hatte. Schon als Pfarrer in Dresden verschrieb er sich deshalb konsequent der Friedensarbeit.

Er setzte sich bald schon für den sogenannten ‚Sozialen Friedensdienst‘ ein, ein Gegenentwurf zum obligatorischen Wehrdienst in der DDR. Dieses Engagement führte dazu, dass er 1986 die Koordination der Friedensgebiete in der Nikolaikirche übernahm. Wonneberger ging in der Friedensarbeit auf, er fand Wege an den Behörden vorbei und schmuggelte Matrizen und sogar ein Druckergerät aus dem Westen über die Grenze. Damit druckte er gemeinsam mit einigen anderen Oppositionellen an einem Wochenende rund 30.000 Flugblätter, mit denen sie ihre Vision von einer menschlicheren DDR verbreiteten.

Nie gab es dabei schwerwiegende Konsequenzen. Das mag unter anderem an seinem Streben nach Öffentlichkeit liegen. Ein großer Teil seines politischen Engagements bestand darin, seine Ideen den Menschen durch Predigten, Postkarten oder Flugblätter nahezubringen. Diese relative Narrenfreiheit verdankte er allerdings auch der Unterstützung der evangelischen Kirche, die sich auf staatlicher Ebene dafür einsetzte, dass Wonneberger weitermachen konnte. Jahrelang stand er ganz oben auf den Listen der Stasi – zugegriffen haben sie nie.

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Bei seinen Aktionen war es ihm dennoch egal, ob die Kirchenführung damit einverstanden war. Vor allem dem Superintendenten der Nikolaikirche, Friedrich Magirius, der ihm einst die Koordination der Friedensgebete übertragen hatte, war er deshalb Ende der Achtzigerjahre ein Dorn im Auge. Als Wonneberger Spenden für Jürgen Tallig sammelte, dem wegen des Sprayens von regierungskritischen Graffiti eine Geldstrafe auferlegt worden war, schlug Magirius zu. Noch während den Friedensgebeten nannte einer seiner Stellvertreter die Aktion eine „illegale Sammlung“. Knapp zwei Monate später entband Magirius Wonneberger und die verschiedenen Arbeitsgruppen von der Koordination der Friedensgebete.

Es war Pfarrer Christian Führer, der sich dafür einsetzte, dass die verschiedenen oppositionellen Gruppen die Friedensgebete wieder mitgestalten durften – unter der Bedingung, dass sie sich an einen bestimmten Ablauf hielten.  Dieser spezielle Ablauf sah auch die „Auslegung durch einen ordinierten Pfarrer“ vor, wie Führer in seinem Buch „Und wir sind dabei gewesen“ beschreibt. Ein Schlupfloch, das es Wonneberger ermöglichte, die Friedensgebete wieder mitzugestalten, wenn auch mit deutlich weniger Gestaltungsspielraum als zuvor. Es ist Pfarrer Führer, der anstelle von Wonneberger als „Pfarrer der Friedensgebete“ gefeiert wird. Für Wonneberger waren dessen Methoden immer zu sanft, er wollte mehr.

Letztlich war es aber Wonneberger, der die entscheidenden Friedensgebete im September und Oktober 1989 leitete und die anschließenden Demonstrationen mitorganisierte. „Wir haben den Leuten beim Gottesdienst gewaltfreie Verteidigungsmethoden gegen die Polizei mitgegeben,“ erinnert er sich. Die Friedensgebete waren seit einigen Jahren durchgehend gewachsen. Das lag vor allem an den vielen Ausreisewilligen, die in den Friedensgebeten und den anschließenden Demonstrationszüge die Möglichkeit sahen, dass ihr Ausreiseantrag schneller bearbeitet wurde. Denn die Gebete verschafften ihnen Öffentlichkeit, über sie wurde auch in westlichen Medien berichtet.

Wonneberger erkannte das Potenzial dieser Öffentlichkeit und richtete eines der zwei oppositionellen Kontakttelefone in Leipzig in den Gemeinderäumen der Lukaskirche ein. Als am 9. Oktober 1989, zwei Wochen nach dem ersten Massenauflauf, nicht klar war, was nach den Friedensgebeten passieren würde, ob es vielleicht sogar zu Ausschreitungen kommen würde, wollte er in der Lage sein, mit westdeutschen Journalisten zu sprechen – und landete schließlich in der Tagesschau. Knapp sechs Minuten lang erklärte er im westdeutschen Fernsehen die Lage in Leipzig. Sechs Minuten lang war „Wonnie“ das Gesicht der Friedensgebete.

Genau 21 Tage später kam der Hirnschlag und Wonneberger verlor das Werkzeug, mit dem er so viele Jahre gearbeitet hatte: seine Sprache. „Das ist eine Frage der Identität. Wenn man die Sprache verliert, dann geht das ans Eingemachte“, gibt er zu. „Man ist kein Akteur mehr, sondern Objekt.“ Mit einem Mal ging es nicht mehr darum, Freiheiten in der DDR zu erstreiten. Plötzlich musste er darum kämpfen, überhaupt zurück ins Leben zu finden – auch für seine zwei kleinen Kinder. Seine Tochter war zu dem Zeitpunkt gerade einmal drei Monate alt.

Als am 9. November 1989 die Mauer fällt, bekommt Wonneberger, der gerade im Krankenhaus liegt, nichts davon mit. Ein Jahr lang ist er in Niedersachsen, um sich logopädisch behandeln zu lassen. Obwohl er danach immer noch nicht richtig sprechen kann, fühlt er sich 1991 bereit, zumindest eine halbe Stelle als Pfarrer anzutreten. Der Kirchenvorstand verwehrt ihm das und versetzt ihn stattdessen in den Ruhestand. Bei seinem Abschlussgottesdienst hält Superintendent Magirius die Abschiedsrede.

Ist das nicht ungerecht, so um seinen Platz in der Geschichte gebracht zu werden? Wonneberger schüttelt den Kopf und kichert. „Geschichte ist unfair.“

Auf den Spuren von Christoph Wonneberger – ein fotografischer Rundgang durch Leipzig

1. „Schwerter zu Pflugscharen“ – Flagge der Friedensbewegung

In den seit 1982 stattfindenden Friedensgebeten fand die politische Opposition der DDR eine Plattform zur öffentlichen Artikulation ihrer Kritik an den herrschenden sozial- gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen. Thema der Friedensgebete war nicht nur die Friedensfrage, sondern generell all jene Angelegenheiten, die in der Öffentlichkeit ausgespart wurden. Debattiert wurde über Umweltschutz, die Vision einer solidarischen Gemeinschaft sowie Grundfragen der Demokratie. Als Symbol der Bewegung diente das biblische Motiv „Schwerter zu Pflugscharen“. Es steht sinnbildlich für eine Zeit, in der Kriegsgerät nicht mehr nötig ist, in der die Völker „ihre Schwerter zu Pflugscharen schlagen“. Die Friedensbewegung der DDR sah darin den Ruf nach Völkerfrieden und (atomarer) Abrüstung. Dieser Traum treibt Christoph Wonneberger bis heute um. Weiterhin engagiert er sich bei verschieden Friedensaktionen, mit Vorliebe auf seinem Fahrrad. Ob an der Grenze von Nord- und Süd- Korea oder in seiner Heimatstadt Leipzig: seine selbstgestaltete Flagge – hier im Bild – begleitet ihn auf all seinen Touren. Mit ihr möchte er seine Friedensbotschaft in die Welt hinaustragen.

2. St. Lukaskirche, Volkmarsdorf

Die Lukaskirche aus dem späten 19. Jahrhundert war von 1985 bis 1989 Wirkungsstätte von Christoph Wonneberger. Unter seiner Leitung fanden im Schutz der Kirche regelmäßige Treffen der 1986 gegründeten „Arbeitsgruppe Menschenrechte“ statt. Durch die Einladung oppositioneller Künstler und die Veranstaltung kritischer Diskussionsrunden geriet die Kirchengemeinde immer wieder in Konflikt mit der DDR-Führung. Mit seiner rebellischen Art stieß Christoph Wonneberger als Pfarrer auch auf kircheninternen Wiederstand, so zum Beispiel durch die Initiierung eines Konzertes des oppositionellen Liedermachers Stephan Krawczyk im März 1987. Im Juli 1989 wurde in der Kirche der „statt-Kirchentag“ ausgetragen. Diese Gegenveranstaltung verstand sich als Protest gegen den Ausschluss kritischer Gruppen vom parallel stattfindenden, offiziellen Kirchentag. Im Gemeindehaus der Lukaskirche traf sich zudem der Sonnabendkreis, bei dem außerkirchliche oppositionelle Gruppen zusammenkamen. Am 9. Oktober 1989 wurde dort der „Appell zur Gewaltfreiheit“ verfasst und gedruckt.

2. St. Lukaskirche, Volkmarsdorf

Christoph Wonneberger vor seiner ehemaligen Wirkungsstätte.

3. Pfarrhaus der Lukasgemeinde, Volkmarsdorf

Im Pfarrhaus in der Juliusstraße, wenige Gehminuten von der Lukaskirche entfernt, lebte Christoph Wonneberger mit seiner Familie während seiner Zeit als Pfarrer der Lukasgemeinde. Den am Gartenzaun befindlichen Schaukasten der Kirchengemeinde nutzte er für den Aushang selbstgestalteter Plakate und für Einladungen zu Veranstaltungen.

4. Nikolaikirche

In der Nikolaikirche, ältestes und größtes Gotteshaus der Stadt Leipzig, fand im Jahr 1982 das erste Friedensgebet statt. Diese wöchentlichen Gebetstreffen gehen auf die Friedensdekaden zurück, die einmal jährlich im November abgehalten wurden. Der geschützte Raum der Kirche erlaubte es den Teilnehmern, sich weitaus kritischer zu äußern, als dies sonst in der DDR möglich war. Wurden sie anfangs noch in Eigenregie ausgetragen, oblag diese Aufgabe ab Mitte der 80-er Jahre den kirchlich organisierten Basisgruppen. Die Koordination der Gebete übernahm Christoph Wonneberger, der auch selbst als Redner immer wieder auftrat.

Am 14. März 1988 sprach er unter großem Beifall im Rahmen des wöchentlichen Friedensgebetes zu mehr als 800 Teilnehmern in der Nikolaikirche. Thema seiner Ansprache war unter anderem der Ausreise-Wunsch einer wachsenden Zahl von DDR-Bürgern. Für Christoph Wonneberger war dies eine Folge der eingeschränkten Meinungsfreiheit:

„(E)ine eigene Meinung (sei) in diesem Land nicht gefragt“. Ein „Gefühl der Entmündigung und der Vorenthaltung von Informationen“ treibe die Menschen in den Westen. Er forderte einen offenen Bürger-Dialog, der von Gleichberechtigung, Toleranz und Rechtssicherheit getragen werde, urteilte jedoch, dass „Hoffnung auf Veränderungen“ derzeit nicht bestehe.

Freunde und Feinde: Dokumente zu den Friedensgebeten in Leipzig zwischen 1981 und dem 9. Oktober 1989, Hrsg. von Christian Dietrich und Uwe Schwabe im Auftrag des „Archiv Bürgerbewegung e.V.“ Leipzig, S. 105f, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig, 1994.

4. Nikolaikirche

Schnell wurden die Gebetsrunden zu einem Sammelpunkt der Oppositionellen. Durch den verstärkten Fokus auf politische Themen und den Zustrom von Ausreisewilligen rückten die Friedensgebete zunehmend in den Fokus der DDR-Führung. Die Friedensgebete fanden nun unter dem Schlagwort „Montagsgebete“ statt. Immer mehr Teilnehmer zogen im Anschluss an die Gebete zu Protesten durch die Leipziger Innenstadt. Die Friedensgebete bilden damit den Grundstein der Leipziger Montagsdemonstrationen, die letztendlich einen wesentlichen Beitrag zum Sturz der DDR leisteten. Bis heute, fast vier Jahrzehnte nach ihrem Start, kommen jeden Montag Menschen zusammen, um gemeinsam für Frieden zu beten.

5. Vorhof der Nikolaikirche – Info-Point

Vor der Nikolaikirche erinnert eine Info-Stele an die Friedensbewegung und die friedliche Revolution. Das Bild zeigt die Szene einer Demonstration vom 4. September 1989. Die „Initiativgruppe Leben“, die für ökologische Verbesserungen und politische Reformen eintrat, zog an diesem Tag protestierend durch die Leipziger Innenstadt. Für wenige Sekunden gelang es den beiden Frauen, ihr Transparent mit der Forderung nach mehr Mitsprache und Freiheiten in die Luft zu recken. Die politische Riege der DDR reagierte auf die aufkeimenden Unruhen mit ihrer ganz eigenen Version der Geschichte.

Der Sekretär der SED-Bezirksleitung für Agitation und Propaganda, Dr. Jochen Pommert, konstatierte eine Bereitschaft zum Dialog, die von der Opposition allerdings „bewußt (sic!) unterlaufen, verunglimpft und in Mißkredit (sic!) gebracht“ wird. Weiter heißt es: „(D)iese Leute (…) missbrauchen permanent (…) uns teure und inhaltsschwere Begriffe, wie Freiheit und Demokratie, Menschenrechte und Menschenwürde, Antifaschismus und Humanität.“ Prinzip der DDR sei zuallererst „die politische Klärung, ideologische Einheit und Geschlossenheit, die politische Regelung, der Dialog. Aber wer nicht hören will, (…) der muß (sic!) fühlen.“

Protokoll einer Veranstaltung der SED-Stadtteilleitung am 15.06.1989 in der SED-BL Leipzig, in: SStAL SED N 932, S. 23ff; zitiert in: „Wir haben nur die Straße“. Die Reden auf den Leipziger Montagsdemonstrationen 1989/90. Eine Dokumentation, Hrsg. von Achim Beier und Uwe Schwabe im Auftrag des „Archiv Bürgerbewegung e.V.“ Leipzig, S. 14, Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale), 2016.

6. Vorhof der Nikolaikirche – Denkmal zu den Montagsdemonstrationen

Nachdem am 7. Mai 1989 bekannt wurde, dass bei den Kommunalwahlen massiv getrickst wurde, erhielten die wöchentlichen Gebete immer mehr Zulauf. Am 9. Oktober kam es im Anschluss an die Friedensgebete (neben der Nikolaikirche fanden diese zeitgleich in drei anderen Leipziger Kirchen statt), zur ersten großen Massendemonstration. Mehr als 70.000 Menschen zogen durch die Innenstadt und skandierten „Auf die Straße!“, „Wir sind das Volk!“ und vor allem „Keine Gewalt!“. Vor dem Hintergrund der im Juni 1989 eskalierten Unruhen auf dem Pekinger Tian’anmen-Platz mit mehreren tausend Toten ein mehr als berechtigter Aufruf. Obwohl die Demonstranten von der Angst getrieben waren, dass sich ein ähnliches Massaker auch in Leipzig abspielen könnte, ließen sie sich nicht abhalten, für ihre Rechte auf die Straße zu gehen. Im Hof der Nikolaikirche erinnert heute eine Gedenktafel des Leipziger Künstlers Andres Stötzner an ihren Mut und ihre Entschlossenheit.

7. Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V.

Das Archiv der Bürgerbewegung befindet sich im „Haus der Demokratie“ im Leipziger Vorort Connewitz. Es wurde im Mai 1991 von dem Historiker Klaus Roewer und dem Bürgerrechtler Uwe Schwabe ins Leben gerufen. Derzeit bewahren hier drei engagierte Frauen die Erinnerung an die bürgerlichen Friedens- und Protestbewegungen der DDR. Auf mehr als 220 Regalmetern sammeln sich bedeutende Zeugnisse und Quellen der oppositionellen Gruppen. Der Fokus liegt auf der Dokumentensammlung mit unzähligen Flugschriften, Unterlagen, Tagebüchern und einer umfangreichen Sammlung an Samisdat-Schriften. Diese sogenannte „graue Literatur“, die sich mit systemkritischen Inhalten befasste, wurde in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, später auch in der DDR, über nichtoffizielle Kanäle verbreitet. Daneben geben über 12.000 Fotografien, Videos und Audioaufnahmen einen Einblick in Organisation und Geschichte der friedlichen Revolution. Neben der wissenschaftlichen Erschließung zielt die Arbeit des Archivs vor allem darauf, die zeitgeschichtlichen Dokumente der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Interessierten Besuchern stehen sämtliche Archivbestände mitsamt der umfassenden Präsenzbibliothek offen.

8. Hinter der Geschichte

Jana Heigl, Sebastian Spaeth und Robert Hofmann mit Christoph Wonneberger