Zerrissener Himmel über der Wüste: Tourismus auf der Sinai-Halbinsel

Nirgends wird der dramatische Zerfall des ägyptischen Tourismussektors so deutlich wie auf der Sinai-Halbinsel. Porträt eines Landstrichs zwischen Luxusressorts und Schutzgelderpressung.

Von Julian Dörr

Am Ende hilft weder schönreden noch Ziffern jonglieren. Dafür sind die Zahlen, die Dr. Enas Mohamed Abou-Youssef von der Universität Kairo an die Leinwand projiziert, viel zu eindeutig. Um 70% ist der Tourismus in Ägypten im September 2013 zurückgegangen. Um 70% im Vergleich zum Vorjahr, als sich die Branche nach den Berg- und Talfahrten der vergangenen Jahre gerade wieder zu stabilisieren schien.

Leonardo Barbosa

Foto: Leonardo Barbosa

Die Zahlen zeigen, wie abhängig Ägypten vom stetigen Zustrom der Touristen aus Europa und Russland ist. Der Tourismus ist die zweitgrößte Devisenquelle des Landes, er bildet eine der Hauptsäulen der ägyptischen Wirtschaft, unzählige Jobs hängen direkt oder indirekt mit diesem Industriezweig zusammen.

Kaum eine ägyptische Region ist so auf den Tourismus angewiesen wie die Sinai-Halbinsel. Wüste prägt die Landmasse zwischen Mittelmeer und Rotem Meer, zwischen Ägypten und Israel. Nur etwa eine halbe Million Menschen leben auf einer Fläche, beinahe so groß wie das Bundesland Bayern, viele von ihnen sind Beduinen, nomadische Wüstenbewohner.

„Militärische Operationen“

Seit Beginn der Revolution im Januar 2011 leiden Sharm-el-Sheikh und andere touristische Hochburgen am Roten Meer unter dem Fernbleiben der Gäste, obwohl gerade diese Gegenden bisher nicht von den politischen Unruhen im Land betroffen sind. Auch das Hinterland jenseits der pauschaltouristischen Bettenburgen an der Küste vermeldet einen drastischen Rückgang an ausländischen Individualtouristen.

Doch wen wundert das, angesichts der anhaltenden Reisewarnungen beispielsweise des Auswärtigen Amtes? Auf dessen Internetseite heißt es aktuell: „Im Norden der Sinai-Halbinsel finden militärische Operationen statt; vor Reisen in den Norden der Sinai-Halbinsel und das ägyptisch-israelische Grenzgebiet wird generell gewarnt.“ Aber auch von Fahrten außerhalb der Badeorte des touristisch erschlossenen Südens rät das Bundesministerium ab.

Die Sinai-Halbinsel ist eine zerrissene Halbinsel. Der Norden und damit das Grenzland zum Gaza-Streifen und Israel ist seit dem Sturz des Mubarak-Regimes Schlupfwinkel für radikale islamistische Gruppen und bewaffnete Beduinen-Milizen. Es kommt zu Anschlägen auf die ägyptische Polizei, ein Ring von Menschenhändlern agiert mutmaßlich in der Wüste des Nordens.

Benachteiligte Beduinen

Der Journalist Michael Obert besuchte im Auftrag des SZ-Magazins eritreische Flüchtlinge in Israel, die von Menschenhändlern verschleppt und auf der Sinai-Halbinsel gefoltert wurden, wenn ihre Familien den Lösegeldforderungen nicht nachkamen. Obert verfolgte die Spur des gewalttätigen Beduinenstammes bis ins ägyptisch-israelische Grenzland. Seine emotional aufrührende Rekapitulation der Recherche brachte es im Sommer zu großer Aufmerksamkeit in der deutschen Presse. Und schockierte so manchen Pauschalreisenden, der am anderen Ende der Halbinsel all inclusive in der Sonne grillte.

Die Sinai-Halbinsel ist eine zerrissene Halbinsel. Das große Gefälle zwischen Norden und Süden ist auch historisch bedingt. Die Liberalisierung des Tourismussektors durch die Investitionsgesetze von 1989 und 1997 sowie das Devisenhandelsgesetz von 1994 öffneten den Markt für private und vor allem ausländische Unternehmen. Unterstützt durch massive staatliche Förderung expandierten in den folgenden Jahren besonders die touristischen Stätten am Roten Meer und der Süd- bzw. Ostküste der Sinai-Halbinsel. So stieg die Zahl der am Flughafen von Sharm-el-Sheikh ankommenden Touristen innerhalb von 10 Jahren um das 28-fache.

Ausgeschlossen vom großen Boom waren die einheimischen Beduinen, die unter Diktator Hosni Mubarak teilweise enteignet und aus dem Staatswesen fern gehalten wurden. Während der Süden der Halbinsel wirtschaftlich florierte, blieb der Norden unterentwickelt.

Eine ägyptische Riviera? Ein Alptraum für die Ökosysteme

In den Jahren des Aufschwungs wuchsen ganze Städte aus dem Sand der Wüste, die in Beton gegossenen Pauschal-Paläste der Küste breiteten sich immer weiter aus. Heute ist die Vielfalt des Tourismus auf der Sinai-Halbinsel bedroht. Von Beduinen geführte Urlaubsorte wie Dahab und Nuweiba an der Ostküste, die einst Rucksack-Touristen und israelische Hippies mit ihren Camps unter freiem Wüstenhimmel anlockten, gleichen sich immer mehr Sharm-el-Sheikh an. Sollte diese Küste wirklich zu einer „ägyptischen Riviera“ ausgebaut werden, müssen seitens der Regierung größere Anstrengungen zum Schutz der Ökosysteme Meer und Wüste unternommen werden.

Von integraler Bedeutung ist die Einbindung der einheimischen Beduinen in die Entwicklung der Region. Jahrelang befand sich die Bevölkerungsgruppe im politischen Abseits, abgeschnitten von wichtigen Entscheidungen. Nun müssen sie integriert werden, bevor der gesellschaftliche Zusammenhalt auf der Halbinsel zerreißt. Nur dann könnte Dr. Abou-Youssefs frommer Wunsch, das Geld aus den touristischen Hochburgen dafür zu verwenden, den Armen im Land zu helfen, in Erfüllung gehen.