Vorspiel

von Sophie Garbe, Carmen Maiwald und Paulina Schmidt

Soll es gesehen werden, so muss es groß und herrlich seyn, wie ein Koloß, eine Pyramide…“. So treibt der Dichter Ernst Moritz Arndt nach 1813 seine Vorstellung eines Denkmals für die bis dahin blutigste Schlacht der Weltgeschichte auf die Spitze.

100 Jahre später sollte seine temperamentvolle Vision Wirklichkeit werden. Hätte die Brutalität des Blutvergießens ein Gesicht, das Völkerschlachtdenkmal wäre sein Konterfei. Wie ein erhobener Zeigefinger sticht das Denkmal aus dem Straßenbild hervor. Achtsamkeitsgebieter und Lautrufer – wer den Zeigefinger erhebt, erhebt zugleich den Anspruch auf Ehrfurcht und Recht.

Überwältigende Ehrfurcht, das war es auch, was Klaus Rohrwacher, der Fördervereinsvorsitzende, Fürsprecher und Familienheld des Denkmals, als Kind vor Ort gespürt hat. „Da guckst du da hoch und sagst: Mein Gott, das ist mächtig – gewaltig.“  Surreal gleicht der Gigant von 91 Metern einer Inszenierung. Wie jedes fesselnde Bühnenstück, erzählt die Geschichte des Denkmals von harter Arbeit, findet den vorzeitigen Höhepunkt im Tiefpunkt der deutschen Geschichte und seine Versöhnung in der Gegenwart. So hat das Denkmal im Laufe der Zeit Kostüme gewechselt, seine Maske abgelegt und war doch immer nur die Kulisse für die Zurschaustellung von Macht und Ideologien. Auf dem Parkett begegnen uns vier Akte der ambivalenten Rolle des Denkmals. Bühne frei für ein Stück Erinnerungskultur.

Akt I: Der Schlacht die Ehre

Bau des Völkerschlachtdenkmals, Oktober 1912. Quelle: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

18. Oktober 1913 – Leipzig im Ausnahmezustand. Sogar Kaiser Wilhelm II. reist im Zug an und mit ihm alle, die sonst etwas auf sich halten. Turn-, Sänger- und Schützenvereine ziehen in Festumzügen durch die Straßen, tausende Bürger jubeln dem Kaiser zu und versammeln sich zum großen Volksfest.

Gefeiert werden soll die Freiheit des deutschen Volkes und – vor allem – die Erinnerung daran, wie sie errungen wurde. Dort, wo einst die Völkerschlacht tobte, soll ihr ein Denkmal gesetzt werden. Pläne dafür gab es schon länger, umgesetzt werden sie je- doch erst, als sich der Architekt Clemens Thieme der Sache annimmt. Er gründet den Deutschen Patriotenbund, dessen einziger Zweck die Sicherstellung der Denkmaler- richtung ist, und erklärt den Bau zu seinem persönlichen Lebenswerk. Freunden soll er sogar verkündet haben, nicht heiraten zu wollen, bis das Projekt abgeschlossen sei.

Im Oktober 1913 ist es dann soweit. Nach 15 Jahren Bauzeit, über 26.000 bearbeiteten Steinblöcken und 80.000 Kubikmetern geschaufelter Erde steht er: 91 Meter hoch, 300.000 Tonnen schwer, auf einem von der Stadt gespendeten Gelände von 42.500 Quadratmetern. Der Koloss von Leipzig, das Völkerschlachtdenkmal.

Quelle: Eigene Darstellung

Akt II: Nationalistischer Mythos

Besuchergruppe vor dem Völkerschlachtdenkmal, 1935. Quelle: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig.

Auftritt Nationalsozialisten. Das Völkerschlachtdenkmal wird zur Szenerie ihres unbeschränkten Nationalismus, zum Sinnbild für die Unbezwingbarkeit des deutschen Volkes. Regelmäßig finden davor Militäraufmärsche, Paraden der Hitlerjugend und andere Feierlichkeiten statt. Zu Gute kommt den Nationalsozialisten, dass das Denkmal keine spezifische Führungsfigur abbildet, sondern dem Einsatz der Soldaten selbst gewidmet ist. So können sie ihren ganz eigenen Mythos um das Bauwerk spinnen. Mit Beginn des zweiten Weltkrieges wird es schließlich als Symbol kämpferischer Kultur und deutscher Opferbereitschaft in Szene gesetzt.

Am 18. Oktober 1944 folgt das letzte Aufbegehren im Krieg: Zum 131. Jahrestag der Völkerschlacht werden per Volkssturmdekret auch Invalide, Greise und Jugendliche für die Wehrmacht rekrutiert. Das Datum ist nicht zufällig gewählt, die NS-Propaganda beschwört die Erinnerung an die Völkerschlacht.

Wie auch einfache Bauern und  Bürger sich damals bewaffnet und am Kampf gegen die französische Besatzung teilgenommen haben, soll nun auch der Volkssturm als endgültiges Aufgebot den Sieg ermöglichen. Der Kriegskult um das Völkerschlachtdenkmal kulminiert schließlich, als sich 1945 300 deutsche Soldaten in einem letzten Versuch des Widerstands darin verschanzen. Als sie wenige Tage später aufgeben, ist das Kriegsende nah und mit ihm auch das Ende der nationalistischen Glorifizierung der Völkerschlacht und ihres Andenkens.

Akt III: Schauplatz der Verwahrlosung

Turn- und Sportfest, 1965. Quelle: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig.

Bühne für politische Veranstaltungen ist das Völkerschlachtdenkmal weiterhin. 1953, 140. Jubiläum der Völkerschlacht bei Leipzig. Schauplatz einer der größten Massenveranstaltungen der fünfziger Jahre in der DDR. Im Fokus des Festaktes steht die Propaganda für den Kampf um die nationale Einheit des deutschen Volkes. Der Koloss verkörpert im sozialistischen Gewand das Bemühen um die Wiederherstellung des deutschen Staates.

Selbe Kulisse, ähnliches Spiel, 10 Jahre später. 1963 – Höhepunkt der Feierlichkeiten zum 150. Jahrestag. Im Scheinwerferlicht des Fests steht die deutsch-russische Waffenbrüderschaft. Denn nach dem Willen der führenden DDR-Politiker ist ein vereinigtes Deutschland nur in Verbindung mit der Sowjetunion möglich. Die Bevölkerung soll dem Einsatz Russlands an der Seite der Preußen und Österreicher während der Völkerschlacht gedenken. Immer wieder ist das Denkmal Ort für Großveranstaltungen und Feiern wie Turn- und Sportfeste. Trotzdem wird während dieser Zeit nur das Nötigste zur Erhaltung des Denkmals erledigt. So zersetzen Wind und Wetter langsam sein Kostüm.

Akt IV: Genug der Erinnerung?

Restauriertes Völkerschlachtdenkmal 2018. Quelle: Privat.

Brandfackeln, Flammenschwert, Totenwächter, Freiheitswächter. Trotz des Schmucks aus mystischen Zeichen wirkt der wankende Koloss heute kalt, nahezu befremdlich. Die Leipziger wehrten sich dagegen, Mittel für die Sanierung aufzubringen.

Als Gegenbewegung dazu gründete sich 1998 der Förderverein Völkerschlachtdenkmal e.V.. Klaus-Michael Rohrwacher, seit 2002 Vorsitzender des Vereins, wuchs mit dem Denkmal auf. Sein Großvater arbeitete als Steinbildhauer und Steinmetz während der Errichtung des Denkmals, sein Vater half bei der Restaurierung. „Das Denkmal hat mich nie losgelassen“, sagt er. Viele Mitbürger haben jedoch keinen Bezugspunkt mehr. Die Idee, das Denkmal verfallen zu lassen, wurde ausgiebig diskutiert. Fürsprecher erkennen in dem Bauwerk jedoch einen wichtigen Beitrag zur Erinnerungskultur.

Trotz der Zweifler erreicht der Förderverein schließlich sein Ziel: Zum100-jährigen Bestehen 2013 wird das Denkmal aufwendig saniert, rund 32 Millionen Euro werden dafür investiert. Dazu trug ganz erheblich das Engagement des Fördervereins bei. „Das ist Demokratie. Wir Bürger entscheiden, niemand anderes. […] wenn Menschen sich zusammentun und etwas wollen, was vernünftig ist, was Gemeinwohl ist, dann ist das klasse, weil dann die Politik in der Pflicht steht“, sagt Rohrwacher.

Die Wandlungsfähigkeit des Denkmals steht indes außer Frage. Seine heutige Rolle: ein Friedensdenkmal. „Dafür steht ja auch die Architektur“, erklärt Rohrwacher.  „Sie sehen es ja an den zwölf Freiheitswächtern, die praktisch in alle Himmelsrichtungen, in jede Ecke die Botschaft hinaustragen, dass sowas nicht wieder passiert.“

Nachspiel

Das Völkerschlachtdenkmal – eine Erinnerung an tausende Kriegsopfer, das Wahrzeichen eines nationalen Gründungsmythos, eine Einstimmung auf den totalen Krieg, ein Sinnbild internationaler Freundschaft, ein Mahnmal des Friedens, ein Turm für Europa.

So hat das Denkmal im Laufe der Zeit Kostüme gewechselt, seine Maske abgelegt und war doch vor allem Kulisse für die Zurschaustellung von Macht und Ideologien.

Eine 105-jährige Bühne der Erinnerungskultur, die zeigt: Erinnerung ist letztlich vielleicht auch nur eine Frage der Inszenierung.