Die verschleppte Last

Wie das Erbe eines Völkermords Grenzen und Generationen überdauern kann

von Francesco Collini, Greta Prünster, Alisa Schröter und Patrick Wagner

Ruanda 1994, Bosnien und Herzegowina 1995: Vor nicht einmal 25 Jahren wurde die Welt Zeuge der
letzten beiden Genozide des 20. Jahrhunderts. Hunderttausende Menschen machten sich damals auf
den Weg nach Deutschland, um dem Grauen in ihrer Heimat zu entkommen. Darunter auch viele
Kinder, die zum Zeitpunkt ihrer Flucht erst wenige Monate alt waren und noch heute in Deutschland
leben. Mit ihrer familiären Geschichte und dem Erbe ihrer Heimat gehen sie im Exil auf
unterschiedliche Weise um.

Norbert, Ruanda:

Norbert heißt mit Nachnamen Rangira. Auf Kinyarwanda, der Landessprache Ruandas, bedeutet das
so viel wie Frieden. Wie in Ruanda üblich, gab Norberts Mutter ihm diesen Zunamen, als er im Juni
1994 auf die Welt kam – genau auf dem Höhepunkt des Völkermords der Hutu an den Tutsi. Wie
Norbert ein Jahr später nach Deutschland kam, kann er nicht so genau sagen. Im Grunde ist das auch
nicht so wichtig, Norberts erste Erinnerungen beginnen im Süden von München – in einer Unterkunft
für Geflohene in Obersendling.

Der Völkermord an den Tutsi in Ruanda

Am 6. April 1994 schossen Truppen der ruandischen Armee den Jet des eigenen Präsidenten, Juvénal
Hbyarimana, ab. Obwohl nach heutigem Erkenntnisstand Hutus für den Anschlag verantwortlich sind,
riefen extremistische Hutu-Nationalisten dazu auf, Vergeltung an den Tutsi zu üben. Die Folge: in knapp
100 Tagen ermordeten die ruandische Armee, die Polizei und verschiedene Hutu-Milizen circa 800.000
Tutsi und Hutus, die versuchten, die Verfolgten zu schützen. Dabei kamen beinahe 75 Prozent der Tutsi
in Ruanda ums Leben.

Lange Zeit klärte Norberts Mutter, Madeleine, ihn nicht über die genauen Hintergründe der Flucht auf. Lediglich auf Familienfeiern schnappte er hin und wieder Gesprächsfetzen über die Geschehnisse in seinem Geburtsland auf. Einerseits versuchte seine Mutter, ihn vor den eigenen traumatischen Erinnerungen an die Verfolgung der Tutsi in Ruanda zu schützen. Andererseits fanden Mutter und Sohn auch nie eine gemeinsame Gesprächsbasis, schließlich hat Norbert keinen wirklichen Bezug zu dieser Zeit. Mit seinen älteren Brüdern, die während des Genozids bereits 14 und 16 Jahre alt waren und eigene Erinnerungen an die Gräuel haben, tauscht sich Madeleine viel intensiver aus.

Wäre Norbert in Ruanda aufgewachsen, hätte er vermutlich viel genauere Kenntnisse über das kollektive Trauma in seinem Geburtsland, da der ostafrikanische Binnenstaat einen besonderen Weg der Aufarbeitung beschreitet: Als junger Ruandese wird man dort tagtäglich mit dem Genozid konfrontiert, sei es in der Schule oder durch die über 130 Gedenkstätten, die über das ganze Land verteilt liegen. Sogenannte Versöhnungsdörfer sind ebenfalls zentraler Bestandteil der Aufarbeitung nach Bürgerkrieg und Genozid. Dort leben Täter und Opfer Tür an Tür, arbeiten zusammen in Kolchosen und sitzen gemeinsam beim Abendessen. Darüber hinaus steht die ohnehin willkürliche Unterscheidung von Menschen zwischen Hutu und Tutsi mittlerweile unter Strafe.

Dass Überlebende im Exil versuchen, die Kinder von den eigenen Erinnerungen an die blutige Vergangenheit fernzuhalten, ist keineswegs die Regel. Esther Muyawajo-Keiner, Traumatherapeutin und Gründerin der AVEGA (Assoziation der Witwen des Genozids vom April 1994), ist ihren Töchtern gegenüber sehr offen, wenn es um die eigene Familiengeschichte geht. “Als meine Kinder älter wurden, fingen sie an, mir Fragen zu stellen. Offen wie ich bin, beantwortete ich sie einfach.” Doch auch das scheint nicht die Lösung aller Probleme zu sein: Esthers Jüngste, zum Zeitpunkt der Flucht aus Ruanda ähnlich alt wie Norbert, leidet trotz des offenen Umgangs mit dem Genozid nun unter Spätfolgen. Vor kurzer Zeit wurde bei ihr eine Posttraumatische Belastungsstörung festgestellt, und das, obwohl sie keine eigenen Erinnerungen an die Zeit in Ruanda hat.

Ob nun offene Aufarbeitung oder Schweigen der bessere Weg ist, mit dem Geschehenen innerhalb der Familie umzugehen, lässt sich nicht so einfach sagen. Durch den falschen Umgang können nicht nur bereits unterbewusst bestehende seelische Verletzungen zu Tage gefördert werden, sondern die eigenen Traumata auch an die nachfolgende Generationen weitergegeben werden.

Melina, Bosnien und Herzegowina:

Foča, eine kleine Stadt im Osten Bosnien und Herzegowinas, gelegen am Ufer der Drina zwischen den Hügeln des dinarischen Gebirges, war einst die Heimat von rund 20.000 Bosniaken. Als der Krieg 1992 ausbrach, suchten serbische Paramilitärs alle bosniakischen Bürger und Bürgerinnen Fočas in ihren Wohnungen auf, ermordeten die Männer und vergewaltigten oder vertrieben die überlebenden Frauen und Kinder. Nur zwei Stunden bevor die Armee auch vor der Haustür der Borčaks stand, flüchtete Melina gemeinsam mit ihrer Familie aus der Stadt – man könnte glatt von lebensrettendem Timing sprechen. “Nach dem Krieg lebten noch ungefähr acht Bosniaken in Foča, und ich war keine davon” resümiert Melina.

Der Bosnienkrieg:

Zwischen 1992 und 1995 erschütterte ein gewaltvoller Krieg Bosnien und Herzegowina. Dabei kam es
zu Vertreibungen und Massenvergewaltigungen. Trauriger Höhepunkt des Konflikts war der Genozid an
der bosniakischen Bevölkerung, im Zuge dessen mehr als 100.000 Menschen ums Leben kamen. Bis
heute ist Bosnien-Herzegowina ein unabhängiges Land, bleibt jedoch zwischen der Föderation Bosnien
und Herzegowina und der sogenannten Republika Srpska sowie dem Distrikt Brčko ethnisch und
politisch weitestgehend geteilt.

Zum Zeitpunkt ihrer Flucht war Melina Borčak ein 18-monatiges Baby, heute ist sie 28 Jahre alt, lebt in Berlin und arbeitet als freie Journalistin unter anderem für CNN und rbb. Einfach war der Weg nach Deutschland zu keinem Zeitpunkt. Weil die Männer aus den Flüchtlingsbussen aussortiert und getötet wurden, musste der Vater in Bosnien bleiben. Für die weiblichen Mitglieder der Familie Borčak ging es indes über Sarajevo und Skopje nach Maastricht, von wo aus sie schließlich die Grenze nach Deutschland überquerten. Und auch in dem nordrhein-westfälischen Flüchtlingscontainer, vermeintlich weit weg von allem physischen Übel, blieb der Krieg in der eigenen Heimat wesentlicher Bestandteil von Melinas Alltag: Wo sich andere Kinder mit einer D-Mark Süßigkeiten am Kiosk im Dorf kauften, gab Melina jeden Pfennig an ihre Mutter ab, damit sie dem Vater Geld und Essen schicken konnten.

Als die Familie Borčak nach dem Kriegsende Deutschland wieder verlassen musste, zogen sie in einen ehemals von der serbischen Armee besetzen Stadtteil Sarajevos, wo sie in einer der vielen verlassenen Wohnungen unterkamen. In ihre eigentliche Heimatstadt Foča kann und will die Bosnierin bis heute nicht zurückkehren: die Stadt liegt in der serbisch dominierten Region Republika Srpska, wo der Genozid an der bosniakischen Bevölkerung vielerorts bis heute relativiert oder gar geleugnet wird, serbische Kriegsverbrecher wie Nationalhelden gefeiert werden und Rückkehrer um ihr Leben fürchten müssen. Aber auch abgesehen von dem feindlichen Klima gegenüber Bosniaken erinnert in dieser Stadt einfach zu viel an die Verbrechen, die dort im Namen von Volkszugehörigkeit begangen wurden.

Seien es politische Debatten, die schwache Wirtschaftsleistung oder die vielen traumatisierten Menschen: Bis heute prägt das, was zwischen 1992 und 1995 auf bosnischem Boden geschah, das Leben im ex-jugoslawischen Staat maßgeblich. Die Aufarbeitung erfolgt nur schleppend, vor allem zwischen bosnischen Serben und Bosniaken bestehen nach wie vor tiefe Spannungslinien. Dass das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag den Armeechef der bosnischen Serben, Ratko Mladić, 2017 endlich zu lebenslanger Haft wegen Völkermord verurteilte, etabliere lediglich ein absolutes Minimum an Gerechtigkeit, findet Melina Borčak.

An den Geschichten geflohener Kinder zeigt sich, dass Vergangenheitsbewältigung auf verschiedenen Wegen stattfinden kann. Während die eigene Familiengeschichte keinen großen Platz in Norberts Leben einzunehmen scheint, zeigen Beispiele wie das von Esthers Tochter, dass gewaltvolle Erlebnisse in jungen Jahren sehr wohl traumatisierende Effekte haben können. Melina wiederum setzt sich aktiv mit der eigenen Vergangenheit in Bosnien und Herzegowina auseinander. In ihrem journalistischen Schaffen bemüht sie sich immer wieder um die Aufarbeitung des kollektiven Traumas der Bosniaken und kann ihren Erfahrungen mittlerweile wenigstens eine kleine positive Sache abgewinnen.