Textilproduktion in Albanien: „Man muss am Gesamtsystem arbeiten“

Wegen schlechter Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern stehen viele Textilunternehmen in der Kritik. Im Fall von Albanien liegt die Verantwortung allerdings nicht nur bei den Firmen – man muss das Gesamtbild betrachten.

Die Maximilianstraße in München. (Foto: Sylvia Suppé)

Wenn in der Vorweihnachtszeit die Abende länger werden, entfaltet die Maximilianstraße ihre Wirkung erst so richtig. Hell erleuchtete Schaufenster tauchen Münchens Prachtstraße in einen goldenen Schimmer, opulent ausgestattete Dekorationen und viele Ziffern auf den Preisschildern versprechen den Flaneuren: Bei Dolce & Gabbana, Armani oder Versace kauft man nicht einfach nur Kleidung, sondern feingearbeitete Kunst und hochwertige Luxusprodukte. „Made in Italy“, das spricht für sich – möchte man meinen.

Wer die Spur der teuren Kleidungsstücke zurückverfolgt, landet oft in denselben Orten, in denen auch weniger glamouröse Marken wie H&M oder Deichmann produzieren lassen. Es sind keine kleinen Designwerkstätten, sondern Fabriken mit mehreren Hundert Beschäftigten, in denen gearbeitet wird. Und sie befinden sich nicht in Italien, sondern in einem südosteuropäischen Land mit knapp drei Millionen Einwohnern und gut tausend registrierten Textilunternehmen[1]: Albanien.

Der kleine Balkanstaat läuft klassischen Produktionsländern wie China und Bangladesch zunehmend den Rang ab in Sachen Textilarbeit, denn die Vorteile sind offensichtlich: Vor der politischen Öffnung Albaniens in den 1990er Jahren fand der überwiegende Teil der Kleidungsherstellung innerhalb der Grenzen des damals sozialistischen Landes statt. Gut ausgebildete Arbeitskräfte gibt es deshalb heute noch en masse. Ein bewusst niedrig angesetzter Mindestlohn von 22.000 albanischen Lek im Monat, umgerechnet rund 165 €, und politische Stabilität machen das OSZE- und WHO-Mitglied für Investoren zusätzlich attraktiv – gerade für italienische Firmen. Die geografische Nähe (ca. 70 km Luftlinie von Küste zu Küste) und bei den Albanern weitverbreitete Italienischkenntnisse erweisen sich als unschlagbarer Standortvorteil, sodass geschätzt 80 Prozent der jährlich in Albanien gefertigten Kleidungsstücke auf die gegenüberliegende Adriaseite exportiert werden.

„Outward Processing Trade“ und die Folgen

Dass auf den Etiketten dieser Produkte trotzdem „Made in Italy“ prangt, liegt daran, dass sie zwar in Albanien gefertigt, aber nicht komplett hergestellt werden. Hinter „Outward Processing Trade“ oder kurz OPT[2] verbirgt sich ein Produktionssystem, das es europäischen Unternehmen ermöglicht, halbfertig vorproduzierte Teile von Kleidungsstücken ins Ausland zu liefern und dort weiterverarbeiten zu lassen. Der Re-Import ist anschließend zollfrei, sodass arbeitsintensive Schritte legal in lohngünstige Länder ausgelagert werden können, ohne das Label der Inlandsproduktion zu verlieren. „Passive Veredelung“ nennt sich das Verfahren auf Deutsch und ermöglicht bis zu 13-mal höhere Verkaufspreise, während meist weniger als fünf Prozent des Erlöses auf Lohnkosten entfallen. Veredelt werden vor allem Gewinne.

Ordensschwester Christina leitet eine katholische Ambulanzstation in Shkodra, einer größeren Stadt im Norden Albaniens. Eine ihrer Patientinnen hat sich in einer Textilfabrik an einer 200 Grad heißen Maschine den Handrücken verbrannt. Die tiefe Wunde geht bis auf den Knochen, die Heilung wird lange dauern. Trotzdem drängt sie auf eine baldige Rückkehr zur Arbeit, denn ein langer Ausfall kann sie den Job kosten. 16.000 Lek (ca. 123 €) verdient die Patientin in der Textilfabrik. Nicht viel für Acht-Stunden-Schichten an sechs Tagen in der Woche und deutlich unterhalb des Mindestlohns. Trotzdem kann sie auf dieses Einkommen nicht verzichten.

Wenn der Lohn nicht für die Miete reicht

Wie schwierig die Situation für die meist weiblichen Angestellten in Albaniens Textilfabriken ist, zeigen Berichte der „Clean Clothes Campaign“ (CCC). Seit 1989 kämpft die Nichtregierungsorganisation für mehr Rechte und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie weltweit. Ihre Untersuchungen zeigen, dass neben weiteren Arbeitsrechtsverletzungen (Arbeitszeiten, Arbeitsschutz, Krankheitsfall) etwa die Hälfte der Arbeiterinnen in Albanien weniger als den gesetzlich festgelegten Mindestlohn verdient. Laut Zahlen der zivilgesellschaftlichen Organisation „Coherent Development Albania“ (CoDe) sind Überstunden die Regel, meistens werden sie nicht vorschriftsmäßig vergütet. Schwester Christina berichtet zudem von Fällen, in denen selbst diejenigen Arbeitgeber, die sich offiziell an gesetzliche Regelungen halten und Abgaben sowie Löhne überweisen, Teile des Gehalts in bar wieder einfordern – sonst würde den Angestellten gekündigt.

Dr. Monika Kleck. (Foto: Sylvia Suppé)

Dr. Monika Kleck hat lange für die kirchliche Organisation Renovabis gearbeitet und Hilfsprojekte in Albanien koordiniert. Mehrmals im Jahr reiste sie selbst ins Land, um sich vor Ort persönlich einen Eindruck von der Situation zu verschaffen. Ihre Beobachtungen bestätigen die Ergebnisse des CCC-Berichts: „In Sachen Lebenshaltungskosten ist es so, dass die Leute oft in einem Haus wohnen, das ihnen gehört – weil man von dem, was sie verdienen, kaum die Miete zahlen könnte“. Berechnungen der „Clean Clothes Campaign“ gehen davon aus, dass der Mindestlohn nur etwa ein Viertel des Existenzminimums einer durchschnittlichen Familie abdeckt. Zugleich versuchen die Familien sich ihre wahre Situation nicht anmerken zu lassen. „Die Häuser sind meistens schnell hochgezogen, sie sehen auf den ersten Blick groß und protzig aus, aber innen ist so gut wie nichts drin“, so Dr. Kleck. Obst und Gemüse bauen die Männer im eigenen Garten an, weil die Lebensmittelpreise zu hoch sind – reguläre Arbeit finden gerade sie oft nicht. „Sich um die Kinder kümmern, im Café sitzen, Backgammon spielen, das sind die positiven Fälle. Es gibt auch genug Männer, die trinken“. Den Lebensunterhalt verdienen die Frauen in den Fabriken.

Bildkorrekturen: Veränderung oder Verdrängung?

Albanien als Thema der Bildkorrekturen-Konferenz
(Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Auf der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig diskutieren jedes Jahr Studierende, Journalist*innen sowie Fachleute über entwicklungspolitische Themen. Die Vorschläge der Expert*innen zeigen eine Vielzahl von Möglichkeiten auf, wie sich die Situation der albanischen Fabrikarbeiterinnen verbessern ließe. Sie reichen von mehr medialer Aufmerksamkeit für das Thema über Forderungen nach besseren Bildungsangeboten und wirksamerer gewerkschaftlicher Organisation der Angestellten bis hin zu stärkerem Druck auf supranationaler Ebene. Aus westlicher Perspektive klingen diese Vorschläge sinnvoll – ob sie allerdings erfolgsversprechend sind, wirkt zweifelhaft, wenn man sich mit den Menschen außerhalb der wissenschaftlich fokussierten NGO-Filterblase unterhält.

Sowohl Ordensschwester Christina als auch Dr. Kleck sehen die Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken als offenes Geheimnis an, von dem die Menschen in Albanien wissen, über das aber nicht gesprochen wird. Gewerkschaften existieren, deren Führer pflegen jedoch enge Beziehungen zu Politik und Wirtschaft. Ihre Interessen liegen laut Berichten oftmals eher auf dem eigenen finanziellen Vorteil als auf dem Schutz der Arbeiterinnen. Denn: „Es gibt Gesetze und es wird kontrolliert, aber die KontrolleAls Troll bezeichnet man im Netzjargon eine Person, die ihre Kommunikation im Internet auf Beiträge beschränkt, die auf emotionale Provokation anderer Gesprächsteilnehmer zielt. Dies erfolgt mit der Motivation, eine Reaktion der anderen Teilnehmer zu erreichen.ure sind bestechlich. Diese Schattenwirtschaft gibt es definitiv“. Ähnlich sieht es in einem weiteren Geschäftsbereich Albaniens aus, in dem nur selten der Mindestlohn gezahlt wird: den Callcentern. Dr. Kleck hat gesellschaftliche Projekte in vielfältigen Bereichen betreut und auch mit jungen Menschen zusammengearbeitet, die oftmals gut ausgebildet sind: „In den Callcentern, die haben alle studiert. Aber die haben alle viele Bewerbungen geschrieben und keine Arbeit in ihrem Bereich bekommen“. Gute Bildung allein scheint demnach nicht vor unterbezahlter Arbeit zu schützen. „Wenn man in diesen Nähfabriken 200 bis 300 Euro bekommt, ist das miserabel. Wenn man aber weiß, dass auch ein Lehrer nicht mehr als 400, 500 Euro hat, relativiert sich das etwas“, so Dr. Kleck.

Politologin Artemisa Ljarja war eine der Expertinnen auf der Konferenz.
(Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Spricht man die Konferenzteilnehmer auf diese Themen an, winken sie nur resigniert ab: Korruption und Politikversagen seien keine guten Gesprächsthemen – sie werden eher als unveränderliche Komponente hingenommen. Die Stimmung changierte zwischen Frustration und Verdrängung.

Die albanische Landflucht ab den 1990er Jahren

Schulen, Straßen, Brücken:
verwahrloste Infrastruktur in Albaniens Bergregionen
(Foto: Renovabis / Dr. Monika Kleck)

Die Migrationsbewegungen innerhalb Albaniens, die in den letzten Jahren stattgefunden haben, legen allerdings nahe, dass die momentane Situation auf dem Arbeitsmarkt gewollt ist: „Um das Jahr 2000 herum oder auch schon seit den 90er Jahre sind sehr viele Leute, die früher in den Bergen lebten, in die Ebene gezogen sind, also in die Küstenregionen. Das liegt daran, dass der Staat die Berge systematisch vernachlässigt hat“, meint Dr. Kleck. Schulen, Krankenhäuser, sogar Straßen und Brücken wurden kaum noch instand gehalten, die Bewohner dadurch zum Verlassen der Region geradezu gezwungen.

Das schwierige Leben der Bergbewohner, hier nahe Fushë-Arrëz.
(Foto: Renovabis / Dr. Monika Kleck)

„Ich muss wirklich sagen, es ist absolut schwierig in der Bergregion zu überleben“. Hinzu kommt, dass unter den Bewohnern immer wieder Gerüchte lanciert worden sind, der Staat würde Umsiedlern in die Küstenregionen kostenlos Land zur Verfügung stellen. Die Mischung aus Verzweiflung und Hoffnung auf Besserung trieb viele Menschen in die Städte, wo auch die Textilfabriken angesiedelt sind.

„Das hat dazu geführt, dass in den größeren Städten, Tirana, Durrës, aber auch Lezha, Shkodra richtige Siedlungen neu entstanden sind von diesen Familien, die aus den Bergen dorthin gezogen sind“, so Dr. Kleck weiter. „Und diese Siedlungen sind meist sehr, sehr ärmlich“. Sie kommen den Vorstellungen von Slums in Asien oder Afrika sehr nahe.

Siedlungen am Rand Albaniens großer Städte, hier in Shkodra. (Foto: Renovabis / Dr. Monika Kleck)

Slumartige Verhältnisse in Europa.
(Foto: Renovabis / Dr. Monika Kleck)

Finanzielle Abhängigkeit als Mittel

Neben hoher Arbeitslosigkeit erzeugt vor allem das Gesundheitssystem finanzielle Abhängigkeit, der Krankenhausalltag von Ordensschwester Christina zeigt das sehr deutlich: Eine ihrer Patientinnen wurde bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt. „Drei Wochen lag sie im Militärhospital und die haben sie einfach liegen gelassen. Jeden Tag musste die Familie Verbandszeug und Antibiotika selbst in der Apotheke kaufen. Dann wurde sie nach Hause geschickt – jetzt ist die Familie pleite“. Dr. Kleck bezeichnet das öffentliche Gesundheitssystem sogar als kollabiert: „Wenn man in die Krankenhäuser geht, dann sagen die Ärzte meistens: ‚Ich hab da und da meine Privatklinik‘. Nur dort wird man ordentlich behandelt und zahlt dann auch ganz ordentlich“.

Dass in Albanien rund 150.000 Menschen und damit fast die Hälfte aller im produzierenden Gewerbe Tätigen in der Textilindustrie arbeiten, liegt also mit daran, dass von verschiedenen Seiten diesem System zugearbeitet wird. Es gibt kaum Arbeitsplätze für Gutausgebildete, dafür eine umso größere Zahl an Arbeitsuchenden. Deren Lage wird durch das Überangebot zusätzlich prekär – alle sind ersetzbar. Wohlfahrtsstaatliche Unterstützung in Form von Sozialhilfe wird selten ausgezahlt und reicht kaum zum Leben. So bleibt denjenigen, die zum Arbeiten nicht ins Ausland gehen wollen oder können, oft nur der Weg in einen der Billiglohnsektoren. So schlecht die Stellen auch bezahlt sein mögen und so widrig die Arbeitsbedingungen, vielen Menschen in Albanien sichern sie das Überleben. Schwester Christina berichtet von einer weiteren Patientin: Sie „arbeitet seit 15 Jahren in einer Schuhfabrik. Sie suchte mit einer Verletzung am Auge bei uns nach Hilfe. Sie verdient lediglich 13.000 Lek plus Versicherung, trotzdem bat sie mich, alles fest zu verbinden, damit der Staub in der Fabrik nicht in die Wunde kommen konnte“. Die eigene Gesundheit muss zurückstehen, die Arbeit geht vor – bei einem Gehalt von unter 100 Euro.

Erfolg auf dem Rücken der einfachen Leute

Ungewöhnlich deutlich sprach US-Botschafter Donald Lu das Zusammenkommen von Vetternwirtschaft, Korruption und Justizversagen in Albanien an. Bei einer Festrede vor einigen Monaten erhob er schwere Vorwürfe – und niemand widersprach ihm. Zu offensichtlich sind die Anzeichen.

Dr. Klecks Fazit fällt ähnlich deutlich aus: „In Albanien kommt viel zusammen: Eine korrupte Regierung, ein dysfunktionales Staatssystem, ein fast zusammengefallenes Gesundheitssystem, fehlende Arbeitsplätze“. Gerne wird dieser größere Rahmen ausgeblendet und die Verantwortung für die Situation der Textilarbeiterinnen den Fabrikbesitzern und Modekonzernen zugeschoben – zu Recht, denn sie sind es, die ihre Angestellten schlecht bezahlen und unter gefährlichen Bedingungen arbeiten lassen. Doch zugleich gehen wirtschaftliche Akteure nur soweit, wie ein Staat sie lässt. Albaniens Politik der letzten Jahrzehnte scheint darauf ausgelegt zu sein, die gegenwärtige Situation erst erschaffen zu haben: Billige Arbeitskräfte in großer Zahl, die für das eigene Überleben nahezu alles machen – der Nährboden für schnelles Wirtschaftswachstum. Die Produktionsbedingungen erscheinen so weniger als Ursache und eher als ein Symptom für die Gesamtsituation im Land.

Schaut man auf die nackten Zahlen, kann man im Falle Albaniens von einer Erfolgsgeschichte sprechen: Das kleine Balkanland glänzt mit wirtschaftlichen Wachstumsraten, die meist doppelt so hoch wie der europäische Durchschnitt liegen – allerdings zum Preis der schlechtesten Arbeitsbedingungen und des höchsten Armutsrisikos auf dem Kontinent.[3] „Man muss am Gesamtsystem arbeiten“, meint deshalb Dr. Kleck.

Überleben ohne Leben

Für die Beschäftigten der Textilindustrie reicht es oft zum Überleben – nicht jedoch zum Leben: „Für Lebensmittel oder Kleidung, da gibt es Märkte, die das ganz billig verkaufen, aber der Preis im Geschäft ist ein anderer. Hygieneartikel sind teilweise teurer als in München“, so Dr. Kleck. CoDe Albania kommt zu dem Schluss, dass die Fabrikarbeiterinnen und ihre Familien deshalb nicht nur in den Unternehmen ausgebeutet werden, sondern auch sozial exkludiert werden. „Ein würdevolles Leben als Mitglieder der Gesellschaft ist damit nicht möglich“. Was in Deutschland in Artikel 1 des Grundgesetzes steht, wird in Albanien geschäftlichen Interessen geopfert.

Der Sprung zurück auf die Maximilianstraße könnte größer nicht sein: Wer sich das erhabene Gefühl des weihnachtlichen Schaufensterbummels in Zukunft nicht nehmen lassen will, muss sich nicht mitschuldig fühlen. Im Hinterkopf behalten sollte man aber, dass nur ein Bruchteil des Kaufpreises der sündhaft teuren Schuhe den Lohn der albanischen Arbeiterinnen ausmacht, während das Gros die Geschäftsbilanzen der Modekonzerne schmückt.

 

[1] Zahlen von INSTAT (Republic of Albania Institute of Statistic) aus dem Jahr 2015

[2] European Commission: Taxation and Customs Union

[3] Clean Clothes Campaign: Country Profile – Albania