Die Made-in-Italy-Lüge

Wer ein Paar Schuhe Made in Italy kauft, denkt an hochwertige Verarbeitung, edle Materialien, schlichte Eleganz. Und hat dabei vielleicht dieses romantische Bild eines alten, graubärtigen Schuhmachers mit ledriger Haut und süditalienischem Akzent im Kopf, der die Sohle noch von Hand auf den Schuh zimmert. Es ist eine Illusion, mit der große italienische Luxusmarken werben, die aber auch für kleinere und erschwinglichere Modemarken funktioniert: Was aus Italien kommt, muss hochwertig, schön und modern sein. Oder?

Made in Italy ist ein Mythos“, sagt Deborah Lucchetti, Vorsitzende der italienischen Sektion der Clean Clothes Campaign, die sich weltweit für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Produktionsketten in der Bekleidungsindustrie einsetzt. Die Campagna Abiti Puliti, wie der italienische Ableger heißt, deckte 2017 mit ihrem Report „il vero costo delle nostre scarpe“ („Der wahre Preis für unsere Schuhe“) auf, dass die italienischen Marken Geox, Tod’s und Prada in Wahrheit wenig mit dem zu tun haben, was man mit italienischer Markenqualität verbindet. Stattdessen: schlechte Arbeitsbedingungen und miserable Löhne für Arbeiter in albanischen, serbischen oder rumänischen Fabriken. „Hinter dem Etikett Made in Italy verbirgt sich oft die Produktion im Ausland. Nur die kleinsten Produktionsschritte werden tatsächlich in Italien vorgenommen“, erklärt Lucchetti.

Kann das legal sein?

Was nach Etikettenschwindel klingt, ist laut EU-Recht aber völlig legal: Outward Processing Trade nennt sich das Schlupfloch der Modeindustrie. Materialien oder halbfertige Produkte aus einem EU-Land werden zur Weiterverarbeitung an Produktionsstandorte außerhalb der EU exportiert. Dort werden sie bis auf wenige Produktionsschritte fertiggestellt, bevor sie in die EU reimportiert werden. Verzollt wird dabei lediglich der Teil des Produkts, der im Ausland dazugewonnen wurde; das macht es für Hersteller günstig, Teilprodukte erst zu exportieren und dann wieder zu importieren – denn die Produktionskosten sind in Ländern wie Albanien und Rumänien deutlich geringer. Wieder zurück im Inland, erfolgen die letzten Schritte am Produkt, auch die Etikettierung. Auf dem Etikett steht dann das Land, in dem das Produkt fertiggestellt wurde. Aus einem Schuh, der größtenteils in Albanien gefertigt wurde, wird ein Schuh Made in Italy.

Wenn Tradition aud Kapitalismus trifft

Es ist eine Praxis, die theoretisch in jedem europäischen Land betrieben werden kann – und doch steht Italien mit seinem Herkunftsnachweis besonders im Fokus. „Man kennt Italien als Reich der Schönheit, der Mode und der Kunst“, sagt Deborah Lucchetti, „das italienische Konzept ist in der Welt einzigartig. Made in Italy verleiht seinem Käufer einen besonderen Status – und es bringt große Verantwortung mit sich.“ Eine Verantwortung, die viele italienische Marken scheinbar nicht mehr tragen wollen. Dabei war Italien schon immer ein Land, in dem das Handgemachte eine ganz besondere Tradition hat. Eine Nation, die stolz ist auf ihre eigenen Produkte – das kennt man nicht nur aus der Modeindustrie, sondern auch dank der vielen kulinarischen Exportschlager aus dem Stiefelland. Und: Italien ist auch das Land der Luxusmarken, die sich das Image des Kunsthandwerks Mode zunutze machen. „Wer viel Geld für qualitativ hochwertige, italienische Luxusmode ausgibt, dem wird suggeriert, dass die Dinge hier anders laufen. Es ist ein Marketingtrick der funkelnden Modewelt, der die Leute glauben lässt, dass sie dort etwas Anderes, Besseres kaufen“, sagt Lucchetti. Die wenigen übriggebliebenen italienischen Manufakturen, die tatsächlich noch traditionell und nach hohen Qualitätsstandards arbeiten, leiden stark unter der Konkurrenz des „gefälschten“ Made in Italy. Dem an Traditionen so reiche Italien droht ein wichtiges Fundament seiner Kultur verloren zu gehen.

Und noch ein Faktor macht Italien zu einem Sonderfall: Die zweifellose Präsenz von Schwarzarbeit und die hohe Anzahl illegaler Einwanderer. Denn selbst wenn Produkte tatsächlich Made in Italy sind, erklärt die Vorsitzende der Campagna Abiti Puliti, bedeute das noch lange nicht, dass sie fair produziert wurden. „Für gewöhnlich kämpft die Clean Clothes Campaign für die Arbeitsrechte in ausländischen Fabriken. Man ist es nicht gewohnt, dass es solche Probleme auch in unserem Land gibt. Doch die Schattenwirtschaft ist in Italien so präsent, dass man auch bei einer Produktion hierzulande nie wissen kann, ob alles mit rechten Dingen zugeht.“ Den vielen Migranten, die über das Mittelmeer nach Italien kommen, bleibe oft nichts anderes übrig, als illegal in den Fabriken zu arbeiten – denn die italienische Politik ist überfordert mit der massenhaften Zuwanderung, sagt Lucchetti. „Und für die Firmen bedeuten die illegalen Einwanderer billige Arbeitskräfte.“ Doch sobald sich billigere Konditionen in einem anderen Land finden, sei es Albanien, Rumänien oder Serbien, werde eben dort produziert. Immer auf der Suche nach den besten Konditionen. Das Ergebnis: Eine Produktionskette, die mit jedem Schritt, mit jedem Auftraggeber, Lieferanten und Sublieferanten komplexer und undurchsichtiger wird, sodass die Marken selbst sie oft nicht mehr überblicken können. „Es ist ein krankes System, das in einer Grauzone endet, in der viele schlimme Dinge passieren können. Man hat die KontrolleAls Troll bezeichnet man im Netzjargon eine Person, die ihre Kommunikation im Internet auf Beiträge beschränkt, die auf emotionale Provokation anderer Gesprächsteilnehmer zielt. Dies erfolgt mit der Motivation, eine Reaktion der anderen Teilnehmer zu erreichen. über die Produktionskette verloren.“

Bloß eine leere Hülle

Deborah Lucchetti und die Campagna Abiti Puliti setzen sich mit ihren aufwendigen Recherchen und Reports auch für eine transparentere Produktionskette ein. Denn die europäische Politik tut nichts. In Italiens Fall billigt sie die Prozedur rund um das Etikett Made in Italy nicht nur, sondern unterstützt das Vorgehen sogar, meint Deborah Lucchetti: „Für ein Land wie Italien, das immer in der Krise steckt, ist Made in Italy wie ein Schutzwall. Es lässt Italien im Ausland gut dastehen. Die Politik unterstützt ein System, ohne kritisch dahinter zu blicken.“ Mode Made in Italy werde beworben, obwohl man wisse, dass sie woanders produziert wurde, unter miserablen Bedingungen für einen menschenunwürdigen Lohn. „Ethisch ist das nicht korrekt.“ In Wahrheit sei Made in Italy nichts weiter als eine leere Hülle. Ein Etikett, das nicht als bloßes Verkaufsargument dienen darf, das seine Käufer über ungerechte Arbeitsbedingungen hinwegtäuscht, sei es in Italien selbst oder in Osteuropa. Wenn sozialverträglich und gerecht produziert werde, sei die Herkunft letztlich nicht wichtig, sagt Deborah Lucchetti. „Was zählt, ist nicht Made in Italy. Sondern Made in Dignity.“

 

Quelle Titelbild: pixabay.com