Virtuelle Kleidung: Identität ohne Material?

Outfits helfen Menschen ihre Identität auszudrücken. Das ist ein Grund, warum viele Kleiderschränke überquellen. Doch der Materialverbrauch schadet der Umwelt. Virtuelle Kleidung könnte eine Alternative sein.

95 Kleidungsstücke hängen bei den Deutschen im Durchschnitt im Schrank. Jedes fünfte davon trägt er so gut wie nie. Trotzdem hat er es gekauft. Diskutiert man über die Kleidungsindustrie, kommt man immer wieder auf die Konsumenten und auf folgende Fragen: Wie bekommt man die Menschen dazu, weniger Kleidung zu kaufen? Kann der einzelne überhaupt etwas ausrichten? Wie holt man diejenigen ins Boot, die bisher nicht auf den ökologischen Fußabdruck achten oder das vielleicht gar nicht möchten? Im Gespräch mit Ed van Hinte erscheint ein Aspekt besonders wichtig. „Kleidung ist eng verbunden mit Identität“, sagt der niederländische Konsumkritiker.

Katharina Mau: Wenn Kleidung so wichtig ist für die eigene Identität, wie kann man dennoch Menschen dazu bringen, weniger zu kaufen?

Ed van Hinte: Das ist sehr schwer. Man kann es mit dem Rauchen vergleichen, das hat auch mit Identität zu tun. Mit 14 Jahren raucht man seine erste Zigarette, weil man cool sein möchte. In Nordwesteuropa ist Rauchen inzwischen fast schon zum Tabu geworden, das war aber ein langer Prozess.

Ed van Hinte (66) Foto: Katharina Mau

Beim übermäßigen Kleiderkonsum sind wir noch lange nicht so weit.

Nein, was das Kaufen angeht, sind wir gefangen in einem System, in dem immer mehr und günstiger produziert werden soll. Wenn man sich in den Geschäften umsieht, wird man ständig damit konfrontiert, wie man sich selbst wahrnehmen und darstellen möchte.

Wie können wir aus diesem System ausbrechen?

Ich denke, wir müssen die Verknüpfung mit der Identität nutzen.

Wie das?

Man muss die Intuition der Menschen erreichen. Es ist gut, wenn ihnen die Probleme in der Modeindustrie bewusst sind, aber das reicht nicht aus. Man muss einen Weg finden, ihnen nichts zu verkaufen, sodass sie sich gut dabei fühlen.

Wie könnte das aussehen?

Virtuelle Kleidung könnte ein Weg sein. Bei Snapchat gibt es schon jetzt Filter, um das eigene Gesicht zu verändern. Das ist Identität ohne Material.

Dieses Szenario ist keines, was innerhalb der nächsten fünf Jahre realistisch sein wird. Das betont auch Ed van Hinte. Und gleichzeitig sagt er: „Man muss auch radikale Gedanken zulassen und sehen, wie weit man damit kommt.“ Van Hinte zeigt ein Video. Es ist eine provokative Zukunftsvision mit Augmented Reality, die der japanische Designer Keiichi Matsuda entworfen hat.

Das Video macht deutlich, wie eine immaterielle Identität aussehen könnte. Man kann in dieser virtuellen Welt Punkte sammeln. Es ist ein Spiel, das den Menschen permanent begleitet, bis er die Brille absetzt. In einer solchen Welt scheint es durchaus möglich, dass wir uns nicht mehr über unsere Kleidung am Körper identifizieren. Virtuelle Kleidung, die unsere Avatare tragen, könnte eine größere Bedeutung haben.

Dieses Szenario ist weit entfernt, Augmented Reality im Alltag hat sich aber schon einmal massenhaft durchgesetzt. Das Smartphone-Spiel Pokémon Go löste im Juli 2016 einen großen Hype aus. Täglich konnte man in den Straßen Menschen sehen, die in der realen Welt über den Smartphone-Bildschirm nach virtuellen Pokémon suchten.

Auch das Zuhause der Zukunft könnte eine virtuelle Identität stützen. Forscher der Universität Bielefeld haben eine Wohnung entwickelt, die den Menschen im Alltag unterstützt – mithilfe moderner Technik. In dieser intelligenten Wohnung gibt es einen Spiegel, der die eigene Kleidung, die man trägt, in anderen Farben anzeigen kann. Würden Online-Shops 3D-Modelle ihrer Kleidungsstücke zur Verfügung stellen, könnte man diese im Spiegel am eigenen Körper ansehen.

Wenn viele Menschen einen solchen Spiegel zu Hause hätten, scheint der Gedanke, Kleidung wie Snapchat-Filter anzuziehen, nicht mehr so fern. Und wer jederzeit virtuell neue Kleidungsstücke anprobieren kann, beschränkt sich in der realen Welt vielleicht auf eine kleine Garderobe. Zumindest würde die Zahl der Fehlkäufe beim Online Shopping wohl deutlich sinken. Da dieses Szenario für die breite Bevölkerung aber in der Zukunft spielt, lohnt es sich, noch einmal an die Gegenwart zu denken.

Katharina Mau: Welche Möglichkeiten gibt es schon jetzt, die Menschen dazu zu bringen, weniger zu kaufen?

Ed van Hinte: Eine Möglichkeit wäre, etwas zu tun, anstatt etwas zu kaufen. Viele Menschen gehen gerne shoppen, aber dabei geht es gar nicht um das Kaufen an sich, sondern um die Befriedigung, die sie dabei bekommen.

Wie könnte man diese Befriedigung stattdessen erreichen?

Es könnte zum Beispiel einen Shop geben, in dem man sich Kleidung für ein Foto oder ein Video anziehen kann. Die Kleidung gibt man danach wieder ab, aber man hat temporär seine Identität geändert und das Foto oder das Video bleibt.

Beim Gedanken an Instagram erscheint auch das nicht unrealistisch. Es gibt viele Fotos, die nicht aus dem Moment heraus entstehen. Menschen rennen zwanzig Mal mit ausgebreiteten Armen ins Meer. Danach veröffentlichen sie das eine Foto, das transportiert, was sie ausdrücken wollten. Auch hier geht es darum, eine virtuelle Identität zu kreieren. Warum also nicht in ein Geschäft gehen und sich die Kleidung ausborgen, die man sowieso nur für ein bestimmtes Foto getragen hätte?

Bei der App Musical.ly, die vor allem unter Jugendlichen beliebt ist, bringen Nutzer ihre Identität über Videos zum Ausdruck. Anfangs kreierten die Jugendlichen vor allem eigene Musikvideos, inzwischen gibt es auch Clips in vielen anderen Bereichen. Wer sich die Videos von Lisa und Lena ansieht, zwei der erfolgreichsten deutschen Influencerinnen auf Musical.ly, sieht sie ständig in neuen Klamotten. Je nach Art der Musik unterstreicht auch die Kleidung ihre Performance. Es ist durchaus denkbar, zum Beispiel in neuen Netzwerkformaten, die reale Kleidung durch virtuelle zu ersetzen.

Vielleicht hätten wir dann im Durchschnitt nur noch 34 Kleidungsstücke im Schrank. Diese Zahl tragen die Deutschen regelmäßig, also mindestens einmal alle drei Wochen. Das virtuelle Ich könnte trotzdem jeden Tag ein neues Kleid oder einen extravaganten Hut tragen.

Quelle Titelbild: Link zum Originalbild: “Real” | Urheber laut Plattform: Maya Reyes | Veröffentlicht auf: Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 2.0