„Ich wusste zu viel, um zu schweigen“ Pressefreiheit in Usbekistan: Reporter zwischen Aktivismus und Journalismus

Verfolgt, verhaftet, gefoltert – Journalist sein in einer Diktatur bedeutet meist für die Wahrheit zu kämpfen. Ist es dennoch möglich eine Grenze zum Aktivismus zu ziehen? Einblicke in das Leben der usbekischen Journalistin Umida Niyazova.

Dezember 2006. Es ist Winter in Taschkent in Usbekistan. Umida Niyazova steigt aus dem Flugzeug, die Sicherheitsleute erwarten sie bereits. Auf ihrem Laptop werden sie den Report über das Massaker von Andischan finden. Niyazova weiß, was das für ihr Leben bedeutet. Sie weiß, was die Regierung in Usbekistan mit Regimekritikern macht. Denn sie hat über die Gräueltaten berichtet.

Die 42-jährige Usbekin ist Journalistin. Eine schmale Frau mit Bob, dunklen Augen, weichen Gesichtszügen. Im Gespräch über ihre Arbeit blickt sie gefasst in die Augen ihres Gegenübers.

In einem Land, in dem es keine freie Presse gibt und die Arbeit von Journalisten nicht geschützt sondern verurteilt wird, sei es schwer zwischen Aktivismus und Journalismus zu unterscheiden, sagt Niyazova. „Es ist schwer objektiv zu bleiben, wenn du selbst Teil des Verbrechens wirst, über das du gerade noch berichtet hast.“

Umida Niyazova wurde in Usbekistan wegen ihrer journalistischen Arbeit zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt.
(Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Im Dezember 2006, auf dem Flughafen in Taschkent, kommt Umida Niyazova zum ersten Mal selbst in Berührung mit dem usbekischen Sicherheitsapparat. Damals ließ man sie nach siebenstündiger Befragung und der Beschlagnahmung ihres Laptops gehen. Doch ein halbes Jahr später landet sie vor Gericht – beschuldigt, Propaganda für religiöse Extremisten zu betreiben. Sie stelle eine „Gefährdung der nationalen Sicherheit“ dar, heißt es in dem Gerichtsurteil vom 1. Mai 2007.

Von der Übersetzerin zur Menschenrechtlerin

Niyazova sprach mit Opfern und Zeugen des Massakers von Andischan, bei dem 2005 Hunderte Regierungsgegner von Sicherheitskräften erschossen wurden – angeblich, weil sie einen islamistischen Aufstand planten. Die Wahrheit kennt niemand, denn die Regierung unterbindet bis heute eine unabhängige Untersuchung der Vorfälle. Auch die EU kommt mit ihrer Forderung nach einer internationalen Untersuchungskommission nicht weiter.

Doch bereits während des Höhepunkts der Repressionspolitik unter Machthaber Islam Karimov 1999 schloss sich die Reporterin der NGO „Internews Network“ an. Sie habe auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam machen wollen und wurde so auch zur Aktivistin. Ein russischer Aktivist bat sie damals, usbekische Gerichtsurteile zu übersetzen. Im ganzen Land wurden zu dieser Zeit Terroranschläge verübt, tausende Menschen als Islamisten verdächtigt und ohne Beweise festgenommen.

In autoritären Systemen vermischen sich Journalismus und Aktivismus häufig

Für ihre Arbeit als Journalistin wurde Niyazova im Jahr 2007 zu sieben Jahren Haft verurteilt. Aktuell sitzen zehn Reporter in Usbekistan im Gefängnis. Das Land steht auf Platz 169 der Rangliste der Pressefreiheit, hinter der Türkei und vor Nordkorea. Das ermittelte die NGO Reporter ohne Grenzen für das Jahr 2017. Folter und willkürliche Verhaftungen sind noch immer Teil des Justizsystems. Die Organisation dokumentiert Zensur und Verstöße gegen die Presse- und Informationsfreiheit weltweit.

Doch was hat das mit der Vermischung von Aktivismus und Journalismus zu tun? Ein Journalist beobachtet und beschreibt, ein Aktivist kämpft und will überzeugen. In autoritären Systemen verwischen die Grenzen jedoch am häufigsten, bestätigt Christoph Dreyer von Reporter ohne Grenzen. In einem Land wie Usbekistan bestimme schließlich die Regierung, welche Sichtweise zugelassen ist, erklärt er. „Sie versucht die öffentliche Meinung gleichzuschalten. Alle, die sich nicht in das System einfügen, übernehmen eine Oppositionsrolle. Journalisten wie Aktivisten.“

Dreyer betont wie wichtig die Unterscheidung ist: „Anders als Aktivisten, dürfen sich Journalisten nicht zum Sprachrohr einer Sache machen. Sonst werden sie unglaubwürdig.“ Das müssten vor allem Journalisten in Diktaturen verstehen. Denn nur wer als Journalist objektiv bleibt, könne beispielsweise auch auf die Unterstützung von ausländischen Medien und Organisationen hoffen.

Ausländische Journalisten bekommen nur schwer ein Visum

Doch um überhaupt an Informationen zu gelangen, müssen Journalisten in Usbekistan Grenzen überschreiten. Und auch für internationale Medien ist die Recherche über Menschenrechtsverletzungen in dem zentralasiatischen Land sehr schwer. Die deutsche Journalistin Edda Schlager hat das am eigenen Leib gespürt: „Sobald man aus dem System staatlich gelenkter Medien herausfällt, ist man ein verdächtiges Objekt. Man bekommt sozusagen ein Etikett von den Strafverfolgungsbehörden aufgeklebt. Die stellen sich die Frage nach Journalismus oder Aktivismus gar nicht.“

Edda Schlager ist aktuell die einzige freie deutsche Journalistin in Zentralasien. (Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Schlager lebt seit über zehn Jahren in Zentralasien, ist eine der einzigen Korrespondentinnen in diesem Gebiet. Sie berichtete bereits mehrfach über Usbekistan und wurde dort 2016 sogar festgenommen, weil sie nach dem Tod Karimovs kurzfristig mit einem Touristenvisum statt eines Journalistenvisums einreiste.

Schlager distanziert sich zwar klar von aktivistisch motivierter Berichterstattung. Doch auf offiziellem Wege ein Journalistenvisum zu bekommen, sei für westliche Reporter nahezu unmöglich, sagt sie: „Die Auflagen sind hoch und wer aus Usbekistan berichten will, muss sich Monate zuvor um eine Akkreditierung bewerben.“ Themen wie Zwangsarbeit, Menschenrechtsverletzungen und die Arbeit des Polizei- und Geheimdienstapparates seien tabu.

Das wusste auch Umida Niyazova. „Anfangs sollte ich nur Gerichtsurteile übersetzen. Doch irgendwann wusste ich zu viel, um zu schweigen“, sagt sie. „Ich bin Journalistin geworden, weil ich etwas verändern wollte“.

Engagierten Journalismus gibt es auch in Deutschland

Diesen Satz würden wohl auch Journalisten aus demokratischen Staaten unterschreiben. Denn auch dort habe es schon immer Reporter gegeben, die sich für bestimmte Themen besonders stark interessieren und auf ein bestimmtes Problem hinweisen möchten, erklärt Christoph Dreyer. „Vor allem in Zeiten von Populismus und pauschaler Medienkritik wurde auch in Deutschland ein Denkprozess hin zum engagierten Journalismus angestoßen“, so Dreyer. Dennoch dürfe sich dieser nie in eine politische Schublade stecken lassen.

Umida Niyazova ist heute nur noch Aktivistin. Auf internationalen Druck hin wurde ihre Haftstrafe nach einer Woche in eine Bewährungsstrafe umgewandelt, doch dafür musste sie einen Deal eingehen: Die Regierung forderte ein „Reuebekenntnis“, außerdem darf Niyazova seit diesem Zeitpunkt nicht mehr als Journalistin in Usbekistan arbeiten. Ein Triumph der Machthaber?

Niyazova fand Exil in Berlin, 2010 gründete sie dort das „Uzbek-German Forum for Human Rights“ (Usbekisch-deutsches Forum für Menschenrechte) und versucht nun aus der Ferne Menschenrechtsverletzungen in Usbekistan aufzudecken, Journalisten wie Edda Schlager mit Informationen und Kontakten vor Ort zu versorgen.