„Zusammengeschlagen und entlassen“

Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie sind vielerorts prekär und undurchsichtig. Bettina Musiolek, von der „Clean Clothes Campaign“, weist seit Jahren darauf hin. Im Interview erklärt sie, warum die Berichterstattung der Medien nicht immer hilfreich ist. Und sogar gefährlich sein kann.

 

Frau Musiolek, in den Studien der „Clean Clothes Campaign“ wird immer wieder auf die prekären Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie hingewiesen. Warum findet sich dazu nur wenig in der Medienlandschaft?

Weil das kritische Hinterfragen der Konsumwelt für Zeitungen und Sender zuweilen nicht opportun ist. Und weil investigative Berichterstattung über Arbeitsbedingungen alles andere als einfach ist. Wir wissen das aus unseren jahrelangen Erfahrungen mit empirischen Studien über die weltweiten Arbeitsbedingungen.

Wo sehen Sie Schwierigkeiten?

Wir müssen bei unseren Untersuchungen sicherstellen, dass die ArbeiterInnen keine negativen Konsequenzen zu befürchten haben, wenn sie mit uns sprechen. Dasselbe gilt natürlich auch für journalistische Recherchen: Die Beschäftigten werden nur sprechen, wenn sie sicher sein können, dass alles anonym ist.

Warum ist das so wichtig?

Die ArbeiterInnen haben große Angst ihren Job zu verlieren oder andere Repressionen zu erleiden. Für wissenschaftliche Recherchen ist Anonymität kein Problem. Medien leben aber von Gesichtern und O-Tönen. Trotz Anonymität spannend zu berichten ist dann eine große Kunst.

Wie wird den ArbeiterInnen konkret gedroht?

Mit Arbeitsplatzverlust. In der Ukraine hatten wir den Fall, dass sämtliche Beschäftigte unterschreiben mussten, dass sie mit niemandem außerhalb der Fabrik über die Arbeitsbedingungen reden. Für eine Arbeiterin ist es eine riesen Hürde, trotzdem interviewt zu werden. Im Übrigen ist das eine ganz klare Verletzung der Redefreiheit und des Rechts auf freie Meinungsäußerung.

Aber keine Drohung.

Die ArbeiterInnen werden extrem eingeschüchtert. In diesen Ländern ist es ein Politikum offen über die Arbeitsbedingungen zu reden. Die Branche ist einfach zu wichtig für diese Länder.

Können Sie ein Beispiel für die Einschüchterungsversuche nennen?

Vor ein paar Jahren hatten wir leider den Fall, dass die ARD einen Bericht über H&M gemacht hat. Sie haben in Bangladeschs Slums Näherinnen interviewt. Darin wurden die ArbeiterInnen aber nicht anonymisiert. Sie wurden am nächsten Tag von Schergen des Fabrikbesitzers zusammengeschlagen und ein paar Tage später entlassen.

Für die ArbeiterInnen hatte die Berichterstattung also drastische Folgen.

Deshalb nennen wir in unseren Studien weder die Namen der ArbeiterInnen noch der Fabriken. Das ist für JournalistInnen extrem irritierend, weil sie Öffentlichkeit herstellen möchten.

Das ist der Job von JournalistInnen.

JournalistInnen verstehen naturgemäß nur schwer, dass Öffentlichkeit nicht immer hilft und manchmal sogar kontraproduktiv ist. JournalistInnen kommen und gehen, wir wollen bleiben.

Wann kann Berichterstattung kontraproduktiv sein?

Nach einer Deichmann-Recherche in Mazedonien nahm der Druck auf die ArbeiterInnen zu, nachdem sich Deichmann einmischte.

Ist es nicht gut, wenn sich die Hersteller persönlich engagieren?

Doch, eigentlich verlangen wir auch genau das von den Markenfirmen: Vor Ort engagieren und mit den Zulieferern gemeinsam die Bedingungen verbessern. Aber Deichmann ist völlig naiv aufgetreten. Der Lieferant hat daraufhin einfach den Druck auf die ArbeiterInnen erhöht.

Was wäre die richtige Herangehensweise gewesen?

Deichmann hätte auf einer Betriebsversammlung in der Fabrik auf mazedonisch klarmachen können, dass sie sich als Marke für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen einsetzen werden. Und dass die ArbeiterInnen jederzeit frei sind, ihre Meinung irgendwem gegenüber äußern zu dürfen. Aber Deichmann ist in Sachen menschenrechtlicher Unternehmensverantwortung Anfänger.

Gibt es vor Ort JournalistInnen, die sich mit diesen Themen beschäftigen?

Leider gibt es in Südosteuropa keine unabhängige und freie Presse. Die JournalistInnen müssen sehen, wie sie sich finanzieren. Und niemand bezahlt JournalistInnen, um über Arbeitsbedingungen in Albanien zu recherchieren und darüber kritisch zu veröffentlichen. Leider ist die Berichterstattung sehr häufig Hofberichterstattung von irgendwelchen Regierungen, die dafür bezahlen.

Würde es Sinn machen, gemeinsam mit JournalistInnen zu reisen?

Das haben wir schon gemacht. Grundsätzlich fahre ich mit, wenn ich merke, dass die JournalistInnen nicht so professionell sind und die Gefahren und Probleme nicht kennen. Ich will sicherstellen, dass für den Schutz der ArbeiterInnen gesorgt ist. Das hat für uns die höchste Priorität.

Und wie nehmen es JournalistInnen auf, wenn sie eine „Aufpasserin“ mit dabei haben?

Ich erkläre ihnen, dass bestimmte Gefahren bestehen, Standards eingehalten werden müssen und ich deshalb gerne mitfahren würde. Das akzeptieren sie dann auch meistens.