Was kostet mein T-Shirt?

Eine multimediale Geschichte über die Kostenstruktur und Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie. Mit Ansätzen für KonsumentInnen, dagegen vorzugehen. Weg von tradierten Schwarz-Weiß-Bildern, hin zu einer realistischen Sicht auf die Branche. Dafür haben wir unter anderem PassantInnen in der Leipziger Innenstadt gefragt, wie sie Qualität und Preis zwei unterschiedlicher T-Shirts einschätzen.

Für die nächste T-Shirt-Motto-Party noch mal schnell zu KiK, damit man sich und den anderen Party-Gästen lustige Sprüche aufs Shirt malen kann – wer kennt das nicht? Studierendenfreundlich sind die Preise bei KiK allemal. Das Blanco-Shirt gibt’s dort schon ab 2,99 €.
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Bei unserer Umfrage nach dem Preis eines T-Shirts haben alle PassantInnen einen Qualitätsunterschied festgestellt – doch nicht immer zu Gunsten des teureren Markenshirts. Niemand schätzte den Preisunterschied so hoch – 10 € war das Maximum. Auch die Materialien wurden nicht richtig erkannt.

Doch wie geht das überhaupt? Baumwolle aus Pakistan, Produktion in Bangladesch und dann einmal quer über den Globus nach Europa – welche Kosten entfallen da auf Lohn, Produktion, Transport und Marketing?

Anteil der durchschnittlichen Lohnkosten

Die durchschnittlichen Kostenanteile eines T-Shirts hat der WDR für sein Dossier „Kleidung in Zahlen: Über Mengen, Löhne, Marktanteile“ erfasst. Demnach machen die Lohnkosten nur 1% des Verkaufspreises aus. Dem Dossier zufolge entfallen 11% des Verkaufspreises eines durchschnittlichen T-Shirts auf Transport und Steuerabgaben und 13% auf die Fabrikkosten. Die Marketingkosten gibt der WDR mit 25% im Schnitt an. Die Hälfte des Verkaufspreises entfällt auf den Unternehmensgewinn und Handelskosten wie Zölle. Diese entstehen nicht, wenn ein Unternehmen aus der EU Handel mit Ländern wie Bangladesch treibt. Grund ist das EU-Handelsabkommen GSP (Generalized System of Preferences), das Zollfreiheit für Importe und Exporte der teilnehmenden Länder garantiert.

KiK widerspricht

Der Angabe „1% Lohnkosten“ widerspricht Ansgar Lohmann, Bereichsleiter bei KiK für „Corporate Social Responsibility“ (CSR). Im Unterschied zu den WDR-Zahlen stellt er nicht die Kostenanteile des Verkaufspreises, sondern des Einkaufspreises dar. Das ist der Betrag, den KiK an den Fabrikanten in den Produktionsländern zahlt. „Der Arbeitslohn liegt bei KiK ungefähr bei 15%“. Drei Viertel der Kosten entfallen auf den Stoffeinsatz; rund zehn Prozent auf Fabrikkosten und Profit.

Ähnlich sieht es beim Versandhändler Hessnatur aus, der Naturtextilien anbietet. Ein T-Shirt, das optisch mit dem von KiK vergleichbar ist, kostet bei Hessnatur 17,95€. Auch HessNatur nennt die Kostenanteile nur bezogen auf den Einkaufspreis: „Unsere Produktionskosten liegen in etwa bei 25% – da sind die Lohnkosten eingerechnet“, so Sven Bergmann, Referent für Unternehmenskommunikation bei Hessnatur. Die Lohnkosten beziffert er auf 10-15%.

Sven Bergmann

Sven Bergmann, Referent für Unternehmenskommunikation bei Hessnatur

Bei der Frage nach den Kostenanteilen gaben die KonsumentInnen in der Leipziger Innenstadt ganz unterschiedliche Einschätzungen ab. Nur eines ist sicher: Überall scheint gespart worden zu sein – von der Näherin bis hin zum Marketing.

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Im Unterschied zu KiK verwendet HessNatur ausschließlich Bio-Baumwolle. Bio heißt bei Hessnatur auf chemische Zusatzstoffe weitestgehend zu verzichten, Naturfarben zu verwenden und regionale Aktionen wie das Rhönschaf-Projekt zu unterstützen, bei dem die Wolle vom Rhönschaf aus dem gleichnamigen hessischen Mittelgebirge stammt.

Dann also lieber zu Hessnatur, wenn man beim Einkaufen etwas für Umwelt und Region tun möchte?

„Alles Quatsch“, meint Bettina Musiolek, Mitgründerin des deutschen Ablegers der „Clean Cloth Campaign“, einem europäischen Netzwerk für die Grundrechte von ArbeiterInnen in der Bekleidungsindustrie. „Ich kann und will überhaupt keine Empfehlung für unbedenkliche Unternehmen in der Bekleidungsindustrie abgeben – die gibt es leider nicht“, so die Aktivistin, die den Anteil der Lohnkosten eines Durchschnitts-T-Shirts ebenfalls mit 1% beziffert.

 

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Unabhängig von der exakten Zahl: Für den Lohnanteil spielt es kaum eine Rolle, ob das T-Shirt für ein niedrig- oder hochpreisiges Unternehmen gefertigt wurde. Je günstiger ein T-Shirt, desto höher sind die Gewinne des Fabrikanten, aber auch die Steuerabgaben. Das geht aus den Zahlen des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe hervor.

Aktivistin Musiolek: „Kaufen Sie die warme Winterjacke, wo immer Sie wollen!“

Bettina Musiolek,

Bettina Musiolek, Mitgründerin des deutschen Ablegers der „Clean Cloth Campaign“

Bettina Musiolek glaubt, ein kritisches Konsumbewusstsein sei das einzig wirksame Mittel für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Branche. Wer sich zur kalten Jahreszeit noch schnell mit einer neuen Winterjacke eindecken möchte, dem rät Musiolek: „Kaufen Sie die warme Winterjacke, wo immer Sie wollen. Es geht nicht nur darum, wo Sie Ihr Geld ausgeben, sondern auch darum, ob Sie Parteien Ihre Stimme geben, die verbindliche menschenrechtliche Regeln für deutsche Unternehmen entlang deren Lieferketten fordern.“ Wer sich für Fortschritte in der Branche einsetzen möchte, der solle in NGOs und Aktionsgruppen für saubere Kleidung mitarbeiten – „die gibt es in den meisten Städten Deutschlands bereits“. Außerdem könne die Kundin beim Einkaufen an der Kasse Karten ihrer Kampagne abgeben, mit denen man Auskunft über den Lohnanteil der NäherInnen einfordern kann.

Das sei dringend notwendig, um die Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie zu verbessern: „Auch in europäischen Fabriken ist es im Sommer meistens so heiß, dass viele ArbeiterInnen wegen der Temperatur, der Hitze und des Arbeitsdrucks bewusstlos werden. Häufig existieren gar keine Arbeitsverträge. Das Recht auf Organisation und Tarifverhandlungen wird oft nicht eingehalten. Wer Beschwerden äußert, wird sofort entlassen. Ich spreche dabei ausschließlich über die europäische Bekleidungsindustrie.“

KiK ist nicht die Inkarnation des Bösen

Kollabierende ArbeiterInnen in europäischen Fabriken? Niedriglöhne, die in Mazedonien ebenso wenig zum Leben wie in Bangladesch reichen? Das mag auf den ersten Blick verwundern, wird aber von unabhängigen Beobachtern bestätigt. Wer sich mit der Textilindustrie beschäftigt, verliert schnell die Schwarz-Weiß-Sicht auf die Branche: „Made in Europe“ steht keineswegs per se für gute Arbeitsbedingungen und KiK ist nicht die Inkarnation des Bösen:

Doch das Unternehmen gilt als schwarzes Schaf der Modeindustrie. Schließlich wirkt das Konzept verdächtig, jeden Kunden von der Socke bis zur Mütze für 30€ komplett einkleiden zu wollen. Dabei ist KiKs Engagement in puncto sozialer Verantwortung größer, als man zunächst vermutet: So nimmt KiK am Textilbündnis teil, einer freiwilligen Partnerschaft von Unternehmen, NGOs und Gewerkschaften für ökologische und soziale Verbesserungen in der Branche. KritikerInnen werfen dem von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) gestarteten Bündnis vor, kaum regulative Eingriffe vorzunehmen.

CSR-Richtlinie begünstigt auch journalistische Arbeit

Außerdem hat KiK schon Berichte zur „Corporate Social Responsibility“ (CSR) herausgegeben, als sie noch nicht verpflichtend waren. Seit Januar 2017 gilt nun die CSR-Richtlinie der EU, wonach Unternehmen ab 500 Beschäftigten ihre Lieferketten offenlegen und Angaben zu sozialen und ökologischen Standards ihrer Geschäftstätigkeit machen müssen.

Edith Dietrich

Edith Dietrich, WDR-Investigativjournalistin

Journalistin Dietrich: „Seit der CSR-Berichtspflicht haben wir Journalisten es viel leichter.“

Von der steigenden Transparenz profitieren nicht nur AktivistInnen wie Bettina Musiolek, sondern auch JournalistInnen. „Damit haben wir es viel leichter“, erzählt die WDR-Investigativjournalistin Edith Dietrich. „Zum Beispiel, wenn es darum geht, Produktionsstätten erst einmal zu finden. Vor zwei Jahren war das noch unmöglich.“

KiK-Manager Lohmann kündigt auf Nachfrage sogar Lohnerhöhungen in manchen Produktionsländern an:

KiK-Bereichsleiter Lohmann: „In Pakistan wollen wir das Lohnniveau um 5% erhöhen. In Bangladesch könnten es 10% sein.“

Wenige Sätze später warnt er jedoch vor steigenden Inflationsraten als Folge von Lohnerhöhungen. Und: „Die Fabriken gehören nicht KiK. Selbst wenn wir als westliche Auftraggeber den Lohnanteil erhöhen würden, heißt das noch lange nicht, dass der Fabrikinhaber diesen auch an die Beschäftigten weitergibt.“ Nach wirklichem Änderungswillen klingt das nicht.

Ansgar Lohmann

Ansgar Lohmann, Bereichsleiter bei KiK für „Corporate Social Responsibility“ (CSR)

KiK-interne Umfragen haben ergeben, dass CSR-Standards wie Sozial- oder Umweltverträglich für KiK-KundInnen so gut wie keine Rolle spielen. Doch wie sieht es bei den PassantInnen in der Leipziger Innenstadt aus?

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Verbraucherinitiative „Rank a Brand“ will Transparenz schaffen

Was können KonsumentInnen nun tun, außer weniger zu konsumieren und politisch aktiv zu werden, wie es Bettina Musiolek fordert?

Eine Antwort liefert Mario Dziamski. 2011 gründete er den deutschen Ableger der niederländischen Verbraucherinitiative „Rank a Brand“. Auf der Plattform können sich VerbraucherInnen über die Produktionsbedingungen einzelner HerstellerInnen informieren. „Damit sinkt für viele Verbraucher die Hürde, sich mit dem Thema überhaupt auseinanderzusetzen. Außerdem bauen wir Druck auf die Unternehmen aus, damit sie transparenter werden“, erklärt Dziamski. „Rank a Brand“ schickt umfangreiche Bewertungsfragen an die HerstellerInnen. „Anhand der Antworten auf diese Fragen ermitteln unsere Ranker, wie vertrauenswürdig uns eine Marke erscheint“, so Dziamski.

Gründer Dziamski: „Unsere Bewertungen orientieren sich an den Energieeffizienzlabeln, die man von Waschmaschinen oder Kühlschränken kennt.“

Ein A-Label bekommt, wer über 75% der Fragen positiv beantwortet. Wer weniger als 15% der Fragen positiv beantwortet, erhält ein E-Label.

Mario Dziamski

Mario Dziamski, Gründer des deutschen Ablegers der niederländischen Verbraucherinitiative „Rank a Brand“

„Rank a Brand“ gibt KiK ein D. Das heißt „kaum empfehlenswert“. In der Erklärung der Initiative heißt es: „Erste Punkte erzielt KiK beim Klimaschutz. Die Berichterstattung zum Gebrauch von nachhaltigen Rohstoffen und Chemikalien muss hingegen präziser werden.“ Hessnatur erhält von „Rank a Brand“ ein B – „empfehlenswert“: „Aktuellere Angaben zur Klimabilanz könnten die Gesamtwertung jedoch noch verbessern. Beim Umwelteinsatz erhält Hessnatur viele Punkte, denn das Produktionsvolumen besteht mehrheitlich aus nachhaltig produzierten Rohstoffen.“

CSR-Richtlinie als Warnschuss

Wie geht es nun politisch weiter? Auf europäischer Ebene fordern Grüne und Linke ein Gesetz, das menschenrechtliche Sorgfalt in der Modeindustrie verbindlich macht. Nur supranational durchgesetzte Umwelt- und Sozialstandards würden für wirkliche Verbesserungen in der Branche führen, glauben die Parteien. In Frankreich existiert ein solches Gesetz zur menschenrechtlichen Sorgfalt bereits.

Branchenkenner Mario Dziamski ist sich sicher: „Die Modeindustrie sollte die CSR-Berichtspflicht als Warnschuss begreifen: Auf politischer Ebene hat ein regulativer Prozess eingesetzt, der bislang nur die Berichterstattung betrifft, in Zukunft aber durchaus zu mehr verpflichten könnte.“