Wenn Traditionen zu Trends werden Fashion ist global: Das gilt nicht nur für die Materialien, aus denen unsere Kleidung gemacht ist, sondern auch für die Ideen.

Illustration: Annabel Frenzel

Die Fashion-Industrie ist rücksichtslos, sie nimmt sich, was sie braucht: Arbeitskräfte? Da, wo sie am wehrlosesten sind. Rohstoffe? Da, wo sie billig sind. Und Ideen? Überall, wo sie zu finden sind.

Alle Kulturen als Inspirationsquelle nutzen – ist das ok?

 

Anna Schade und Vera Weber denken nach.

Nein!

Das ist kultureller Diebstahl, eine weitere Dimension der globalen Ausbeutung.

Beyoncé tanzt, das Gesicht mit indischem Schmuck behangen, in einem Musikvideo. Etwas weiter unten in der Trendsetter-Hierarchie übernimmt das Versandhaus ASOS im selben Stil ein Accessoire in sein Sortiment und labelt dieses lapidar mit „chandelier hair clip“. Diese perlenbesetzte „Kronleuchter-Haarspange“, die Frau vom Scheitel herab auf der Stirn trägt, ist Menschen aus Südasien unter einem anderen Namen wohl bekannt: als Tikka. Ein traditioneller Kopfschmuck, den Frauen in Indien und Bangladesh zu Festen tragen – in Regionen also, die durch die Modeindustrie am meisten ausgebeutet werden. Näherinnen stehen hier über zwölf Stunden am Tag in Fabriken, um westlichen Versandhäusern termingerecht die saisonalen Neuerfindungen zu liefern.

Denn von denen lebt die Modewelt. Und irgendwo her müssen sie kommen. Da wird das Fremde anderer Ethnien spannend und und prompt finden sich Features oder Zeichen dieser Kulturen hier in den Läden und Katalogen: 12,95 Euro, steht vielleicht auf dem Preisschild eines „chandelier hair clip“. Und noch „Made in Bangladesh“. Nicht aber: „Made by women, who wear this jewelry regularly as it is part of their culture“.

 Ja!

Das Spiel mit Ästhetiken ist Ausdruck des globalen Austauschs.

Kulturen, die wirtschaftlich nicht viel zu melden haben, bringen wunderschöne Dinge hervor. Die Fashion-Industrie erkennt das natürlich – und diese Erkenntnis ist wertvoll. Sie ist wertvoll, weil sie auch jenen den Blick für das Andere öffnet, die sich sonst nicht in multikulturellen Sphären bewegen.

Gerade Mode als Ausdrucksform hilft dabei, andere Ästhetiken zu entdecken. Denn sie sucht immer das Neue, sie muss revidieren und ja, Mode lebt von Mut. Sie lebt von dem Mut mit Altbekanntem und „klassisch Schönem“ zu brechen und neuartige Vorschläge zu machen – und diese Vorschläge kommen in einer globalisierten Welt von überall her. Damit kann Mode zum Scharnier zwischen den Kulturen werden. Aber eben nur, wenn sich Modemacherinnen und Modeliebhaber gleichermaßen mit ihr auseinandersetzen.

Denn sobald Konsumentinnen wissen und schätzen, woher ihre Kleidungsstücke kommen, ist das auch für die Produzenten in fernen Ländern von Bedeutung. Sowohl ihre Arbeit als auch die kulturellen Ursprünge von Modetrends werden dadurch sichtbar. Auf diese Weise entsteht ein Austausch, der den Grundstein legt für ein fruchtbares und respektvolles Miteinander der Kulturen.

Das ist die schöne Seite der GlobalisierungUnter Globalisierung wird die weltweite Vernetzung zu einem einheitlichen Markt von Ware, Kapital und Dienstleistungen verstanden. Der Prozess der Globalisierung wird insbesondere durch neue Technologien n den Bereichen des Kommunikations-, Informations- und Transportwesens gefördert. Zum Begriff der Globalisierung gehören ebenfalls die Begriffe Global Player, GlobalVillage, Global Governance, Joint Venture, Traide, Vulnerabilität, Sonderwirtschaftszonen, Rentenkapitalismus und Transformation..

 

Kulturen als Inspirationsquelle nutzen – ob das ok ist oder nicht, entscheidet sich an einem Punkt: Der Haltung, mit welcher Anbieter Elemente von anderen Kulturen vermarkten und Konsumenten diese auf ihrer Haut tragen.

Es gibt Modemacher, die die Herkunft ihrer Ideen anerkennen. In Zusammenarbeit mit denjenigen, die ihre Traditionen hüten, kreieren sie Neues. Auch so reisen Trends um die Welt – diese Karte zeigt ihre Routen.