Wenn die Kuh mit auf’s Bild muss Klischees über Indien in den Medien - und wie sie sich überwinden lassen

Indien ist vielfältig, dennoch verbreiten Medien über das Land häufig Klischees. Deutsche Journalisten wollen gegensteuern, indem sie über mehr berichten als nur über Gewalt und Armut. Dafür benötigen sie WhatsApp und einige Dolmetscher.

Jürgen Webermann berichtet für die ARD seit 2013 aus Indien (CC: EG / Foto-Zentrum Leipzig)

Wenn dem indischen Außenministerium etwas besonders wichtig ist, dauert es nicht lange, bis auf Jürgen Webermanns Handy ein WhatsApp-Chat aufploppt. Webermann schaut dann auf sein Display und öffnet die Nachricht vom Minister-Sprecher, ohne sich darüber zu wundern, wer ihm da schreibt. Längst hat sich der Indien-Korrespondent daran gewöhnt, wie in Indien politische PR gemacht wird: mit Social Media statt mit drögen Pressemitteilungen.

Bereits vor zwei Jahren bekamen indische Journalisten zu spüren, was es heißt, wenn Spitzenpolitiker lieber twittern als mit ihnen zu reden: Nach seiner Wahl im Mai 2014 ließ sich Premierminister Narendra Modi zunächst mehrere Monate Zeit, bis er den Zeitungen des Landes Interviews gab. Erst als die Presseleute diese Praxis öffentlich monierten, sprach der Premier mit ihnen. Denn ähnlich wie Donald Trump liebt es Modi, der auf Twitter 26 Millionen Follower hat, seine Statements und Vorhaben direkt in den sozialen Medien zu verbreiten. Dort erreicht er seine Wähler schneller als beim Gespräch mit einem Reporter, und zudem hat er selbst die Hoheit darüber, wie die Informationen beim Publikum ankommen. Das Nachsehen haben die klassischen Medien, sie bangen um die Exklusivität ihrer Stories.

 

Korrespondent für ein Viertel der Weltbevölkerung

Darüber, wie er an gute Stories kommt, muss sich Jürgen Webermann meist keine Sorgen machen. Im Gegenteil: Für die ARD berichtet er seit 2013 als Hörfunk-Korrespondent über ein gewaltiges Territorium: ganz Südasien, darunter Indien und Afghanistan; eine Region, in der fast zwei Milliarden Menschen leben – ein Viertel der Weltbevölkerung. Geschichten gibt es für Webermann dort immer und überall. Gleichzeitig fordert ihn die Größe der Region heraus: Ständig besteht das Risiko, Bedeutsames zu verpassen, Stereotype abzubilden oder ganze Bevölkerungsgruppen zu stigmatisieren, etwa jene Millionen Menschen, die in den noch immer bitterarmen ländlichen Gegenden von Indien leben.

Nur etwa zehn deutschsprachige Journalisten berichten regelmäßig aus Indien, darunter Reporter für die Neue Zürcher Zeitung, die Zeit, das ZDF oder für die Deutsche Welle (DW). Für die DW, den deutschen Auslandssender, hat auch Christoph Kober eine Zeit lang in Indien gearbeitet, sein Schwerpunkt sind Wirtschaftsthemen. Die Indien-Klischees, die ihm immer wieder begegnen, ermüden ihn: “Man könnte flapsig sagen: In jedem Beitrag des ZDF über Indien läuft irgendwann eine Kuh durchs Bild, weil die Leute das von Indien erwarten.” Das, was Journalisten wie Jürgen Webermann und Christoph Kober tun, beeinflusst das Bild der Deutschen von Indien maßgeblich. Allein 60 Radiosender strahlen Webermanns Beiträge aus, darunter der Deutschlandfunk und sämtliche Sender der ARD. Was Webermann sagt, das hören Millionen. Und was er kommentiert, formt deren Meinungen über ein Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern. Deshalb möchte er nuancieren und einordnen, so gut es geht.

 

Rassistische Stereotype bringen Quote

„Wird in Indien eine Touristin vergewaltigt, springen wir nicht gleich auf das Thema auf“, sagt Webermann. In Europa werde ja auch nicht jede Vergewaltigung einer Touristin in den Medien hochgejazzt. Das Problem dabei: Geschichten aus Indien über solche Vorfälle funktionieren gut in Deutschland, so Webermann. Sie bringen Klicks und Quote. „Auch weil sie rassistische Stereotype bedienen, von dunkelhäutigen Männern, die wie Tiere über Frauen herfallen. Dagegen wehren wir uns.“ Ignorieren will Webermann Themen wie Vergewaltigungen aber auch nicht. Wichtig sei es, einen Kontext zu schaffen.

Zum Jahrestag der Gruppenvergewaltigung, bei der 2012 sechs Männer in Neu-Delhi eine junge Frau misshandelt haben, bieten Webermann und seine Kollegen etwa eine Reportage-Serie an, in der die unterschiedlichen Sphären der Gesellschaft abgebildet werden. Dabei geht es nicht nur um Frauen, die schwere körperliche Gewalt erleben, sondern auch um solche, die beruflich erfolgreich sind, aber an Glasdecken stoßen. „Und das sind Probleme, die es auch bei uns im Westen gibt”, sagt Webermann.

Mit Vorurteilen über seine Landsleute wird auch der indische Kommunikationswissenschaftler Jacob Puthenparambil konfrontiert, der derzeit an der TU Dresden promoviert. Besonders häufig bekommt der 37-Jährige zwei Fragen gestellt: Ernährt sich wirklich jeder Inder vegetarisch? Und sind eigentlich alle Inder IT-Experten? Sicher, es sind Vorurteile der harmloseren Art, aber auch sie werden von den Medien vermittelt, findet Puthenparambil, der in London studierte und in Singapur eine PR-Agentur leitet. Um sich über Deutschland und über das Bild der Deutschen über Indien zu informieren, verfolgt er die englische Ausgabe von Spiegel Online oder die Deutsche Welle. Problematisch ist laut Jacob Puthenparambil die Tatsache, dass sich westliche Journalisten hauptsächlich in den zwei indischen Metropolen Neu-Delhi und Mumbai aufhalten. Dort seien Armut, Hunger und Korruption aber nicht so ausgeprägt wie auf dem Land. “Neu-Delhi und Mumbai sind aber nicht Indien”, sagt Puthenparambil. „Das ist genauso falsch, wie von New York oder San FrancisDer Begriff Cisgender bezeichnet Menschen, deren Geschlechtsidentität mit ihrem körperlichen Geschlecht übereinstimmen. Somit identifizieren sich Cisgender-Personen mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht weitestgehend und unterscheiden sich von Transgender-Personen. Synonym können auch die Begriffe „geborene Frauen/Männer“, „genetische Frauen/Männer“ oder „Biomann“ bzw. „Biofrau“ verwendet werden. Der Begriff wurde 1991 eingeführt, um deutlich zu machen, dass das normal unterstellte Zusammenfallen von Körpergeschlecht und Geschlechtsidentität keine Selbstverständlichkeit sind.co auf die gesamte USA zu schließen.“

ARD-Korrespondent Jürgen Webermann kennt diese Bedenken, auch sein Studio befindet sich mitten in Neu-Delhi und somit in einem der wenigen, modernen, digitalisierten Zentren Indiens. Verlässt er für Reportagen die Stadt, wird die Arbeit komplizierter für ihn. Etwa wenn es nicht mehr reicht, nur auf Englisch miteinander zu sprechen. „Das ist ein großes Hindernis“, sagt Webermann. „Wenn ich mit Leuten Hindi spreche, helfen mir zwei indische Producer beim Übersetzen. Schwieriger wird es, wenn es für eine Reportage über Hunger nach Maharashtra geht, wo Marati gesprochen wird. Dann brauche ich auch noch jemanden, der von Marati auf Hindu und dann wiederum ins Englische übersetzt. Vieles kann dadurch verloren gehen.“

 

Ist das Publikum nicht offen für Differenzierungen?

Was verloren gehen kann, wenn eine Nachricht nicht vollständig wiedergegeben wird, hat Webermann auch im November 2013 erfahren, als er sich dazu entschlossen hat, nach Bangalore zu reisen. Der Grund: Erstmals gelang es Indien, eine Rakete zum Mars zu schicken. Die Mission war von geringer wissenschaftlicher Relevanz, das Budget lag mit 60 Millionen US-Dollar unter dem eines Hollywood-Films. Aber Indien jubelte. Indes ergoss sich in den Kommentarspalten der ARD-Websites der Hohn. Warum nur, fragten dort viele, leistet es sich ein armes Land mit so viel Hunger eine Rakete ins All zu schießen? Webermann hatte zunächst eine ähnliche Einschätzung wie die Kommentatoren, aber anstatt weiter zu spekulieren, reiste er zur indischen Weltraumagentur, ins 2.000 Kilometer südlich gelegenen Bangalore, um einen zweiten Bericht zu erstellen. „Was ich dort vorfand, war der Muff einer 80er-Jahre-Behörde in Deutschland, es roch nach Bohnerwachs, nach Spießigkeit und es war alles andere als schick“, sagt Webermann. Statt auf Patriotismus und Pathos fokussierten sich die Forscher auf das Wesentliche. Ohnehin war das primäre Ziel nicht die Marslandung, sondern eine Rekrutierungskampagne: Dank der Aufmerksamkeit für die Mars-Mission hätten sich sofort 200.000 College-Absolventen um einen Job beworben, die sonst wohl zu besser zahlenden Firmen gegangen wären. Mit den jungen Fachleuten sei es wiederum möglich, an wichtigen Verbesserungen zu forschen, die allen Indern zugutekommen, etwa an Satelliten, die genauere Wettervorhersagen oder Internet für entfernte Regionen ermöglichen.

Nun gehört es aber zu den Paradoxien der Mediengesellschaft, dass nuancierte Berichte zwar leicht zu finden sind, das Publikum diese aber nicht unbedingt mit großer Aufmerksamkeit würdigt. So auch bei Webermanns zweiter Geschichte über die Weltraumagentur. “Das Interesse war wirklich gering“, sagt er. „Ich hatte nicht das Gefühl, dass das Publikum offen war für diese Differenzierung.“ Was aber sollen deutsche Medien tun, wenn aufgewärmte Klischees stets besser funktionieren als Differenzierung? Jacob Puthenparambil gibt einen pragmatischen Rat, von dem die deutschen Zuschauer nur wenig hätten: „Die Medien sollten ihr Publikum vergrößern und mehr auf Englisch berichten“, empfiehlt der indische Kommunikationswissenschaftler. “Schon jetzt sprechen Millionen Inder Englisch. Die wollen wissen, wie der Westen über sie denkt.” Und Millionen Inder, die Jahr für Jahr ins Internet kommen, haben erstmals die Möglichkeit dazu.

Jürgen Webermann spricht über den Digital DivideDer Begriff beschreibt Unterschiede im Zugang zu und der Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologie, insbesondere dem Internet, zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen aufgrund von technischen und sozioökonomischen Faktoren. Er bezieht sich sowohl auf regionale, nationale als auch internationale Unterschiede. (CC: EG / Foto-Zentrum Leipzig)