Weit weg vom Netz und einer sexuellen Revolution Wie die Digitalisierung Indiens Stadt- und Landbevölkerung weiter spaltet

Indien ist das Land der Kontraste: Während die Mittelschicht in den Städten online shoppt oder Datingportale nutzt, ist die Mehrheit der Bevölkerung vom Internet ausgeschlossen und kämpft ums Überleben. Jürgen Webermann, ARD-Korrespondent in Delhi, zeigt, warum in Sachen Digitalisierung noch viel zu tun ist.

Neu-Delhi im Februar 2009. (Foto: Christian Haugen, CC BY 3.0 DE)

Vom fein bestickten gelben Sari bis zum neuen Mittelklassewagen: Die urbane Mittelschicht Indiens liebt es, online zu shoppen. 2009 erlebte das Land einen digitalen Boom. Für Smartphone- und Social-Media-Anbieter ist Indien derzeit einer der am stärksten wachsenden Märkte weltweit. 375 Millionen der 1,3 Milliarden Einwohner sind heute online. Bis Ende dieses Jahrzehnts soll sich die Zahl auf eine halbe Milliarde erhöhen. Gleichzeitig ist Indien aber auch der Rekordhalter bei den Offlinern, der sogenannten „unconnected billion“. Eine Milliarde Menschen, vor allem die Landbevölkerung, bleibt außen vor. Wer Glück hat, lebt in einem Dorf mit Cybercafé und kann sich, solang der Strom nicht ausfällt, mit dem Word Wide Web vertraut machen. Doch die Zukunftsvisionen von Premierminister Narendra Modi gehen viel weiter: Bereits im September 2015 hat er angekündigt, über Glasfaserkabel innerhalb von fünf Jahren alle ländlichen Regionen mit Internet zu versorgen. Das bedeutet, in 600.000 Dörfern Kabel zu verlegen; Zum Vergleich: In Deutschland gibt es gerade einmal 15.000 Gemeinden mit weniger als 5000 Einwohnern und auch hierzulande läuft der Ersatz der DSL-Verbindungen durch schnelles Glasfasernetz sehr schleppend. Während in Japan bereits 73 Prozent der Haushalte mit High-Speed-Internet surfen, sind in Deutschland laut OECD nur 1,3 Prozent der Haushalte schon mit Glasfaseranschluss ausgestattet.

 

 Verpasste Chance: Digitalisierung könnte die Armut auf dem Land bekämpfen

 Die großspurigen Versprechungen von Modi verfolgt der deutsche Journalist Jürgen Webermann mit Skepsis. Seit knapp vier Jahren ist er Indien-Korrespondent der ARD und beobachtet die indische Netzwelt. Für seine Recherchen ist er auch häufig in den ländlichen Regionen unterwegs. Hier leben fast 70 Prozent der Inder. „Es gibt tolle Ideen, wie man die Leute auf dem Land ins Internet bringen kann, aber die müssten eben auch umgesetzt werden und an der Umsetzung hakt es in Indien eigentlich immer“, sagt der Radioreporter. Dabei könne die Digitalisierung auf dem Land das Leben nicht nur modernisieren, sondern existenzielle Probleme lösen. Erst in diesem Jahr belegte Indien Platz 97 von 118 des Welthungerindex. Unter den asiatischen Ländern stufte die Welthungerhilfe nur Afghanistan, Pakistan, Nordkorea und Osttimor schlechter ein. „Die Digitalisierung könnte auf dem Land eine riesige Chance sein, wenn man es mit satellitengestütztem Internet schaffen würde, mobile Bankstationen einzurichten“, sagt Jürgen Webermann. So könne man endlich sichergehen, dass Bedürftige auf dem Land staatliche Subventionen direkt auf ihr Konto bekommen, ohne das Mittelsmänner in den Behörden vorher etwas abzwacken. Laut Webermann verfügt nur jedes vierte Dorf in Indien über eine Bank im Umkreis von weniger als fünf Kilometern.

Zudem mangelt es der Landbevölkerung an einem qualifizierten Bildungsangebot; nicht einmal Englisch- und Matheunterricht für jedes Kind ist garantiert. Der Korrespondent kennt die Bürgermeisterin eines Dorfes in Rajasthan, für dessen Schule sich nur ein Lehrer für Sanskrit und indische Geschichte finden ließ. Ohne diese Grundlagen heißt das für die Schulabsolventen: keine Chance auf einen Job in der florierenden Start-UpDer Begriff beschreibt ein neues und schnell wachsendes Unternehmen. Sie versuchen, einen Marktbedarf zu erfüllen und bieten ein innovatives Produkt, Prozess oder Service. Häufig nutzen Startup-Unternehmen das Internet, E-Commerce, Computer und Telekommunikation.-Szene in Bangalore oder Neu-Delhi. Viele junge Inder zieht es trotzdem in die Städte, obwohl es außerhalb des informellen Sektors für sie dort meist keine Anstellung gibt. Jürgen Webermann ist der Auffassung, dass sich die große Lücke zwischen Stadt und Land in den kommenden Jahren sogar noch verstärkt: „Die Digitalisierung treibt die TransformationIn der Politikwissenschaft, insbesondere in den Internationalen Beziehungen, bezeichnet die Transformation den Vorgang der grundlegenden Veränderung eines politischen Systems und damit auch die gegebene gesellschaftliche wie wirtschaftliche Ordnung. Dabei beschäftigt sich die Forschung vor allem mit Veränderungsprozessen in Staaten sowohl in die Richtung der Demokratisierung als auch in die Richtung der Ent-Demokratisierung. in den Städten deutlich voran und die Leute auf dem Land werden immer weiter abgehängt.“ Diese Spaltung, in Fachkreisen „Digital Devide“ genannt, fällt Webermann besonders dann auf, wenn er von seinen Recherchen wieder zurück nach Neu-Delhi kommt. Neben Startup-Büros und Onlineshops habe sich eine Ausgehkultur entwickelt, die er vorher so nicht erlebt hat.

 

Im Netz werden traditionelle Gesellschaftsmuster auf die Probe gestellt

Im Kontrast zu diesen neuen Freiheiten ist die arrangierte Ehe auch in indischen Städten noch weit verbreitet. Doch seit einiger Zeit bekommen Eltern in der Männerwahl für ihre Töchter Konkurrenz. Über 1500 Rating-Apps und Websites stehen in Indien zur Auswahl. „Es geht gar nicht unbedingt darum, jemanden abzuschleppen, sondern erstmal überhaupt Kontakt zum anderen Geschlecht aufzunehmen“, so Webermann. In Konkurrenz zum kalifornischen „Tinder“ stehen indischen Heiratsportale wie „shaadi“ und „bharat matrimony“, die von ihren Nutzern auch Religion und Kaste abfragen. Auch wenn manchmal doch noch die Familie mit hinter den Bildschirmen sitzen dürfte, kann sich Jürgen Webermann vorstellen, dass der Anteil an ‚Love Marriages’ durch die Verbreitung solcher Apps steigt. Denn anders als Bollywood suggeriert, sind nach einer Studie der Universität in Chicago 2007 nur fünf Prozent der indischen Ehen Liebes-Heiraten. Doch steckt die Tradition der arrangierten Ehe schon mitten im Umbruch? Im Netz beobachtet Webermann neben den Dating-Sites eine Fülle an Kleinanzeigen in Foren: von Frauen, die versuchen auf diese Weise ausländische Geschäftsmänner aufzuspüren, bis zu indischen Pärchen, die einen dritten Spielpartner für sexuelle Abenteuer suchen. „Das fand ich total abgefahren, weil Sex in der indischen Gesellschaft normalerweise wirklich noch ein Tabuthema ist“, erklärt der Journalist.

Die vielfältigen Kontaktmöglichkeiten im Internet kommen auch Homosexuellen in Indien zugute – und das obwohl Homosexualität immer noch unter Strafe steht. Erst 2013 wurde das Gesetz, das homosexuelle Praktiken als illegal einstuft, vom indischen Supreme Court bestätigt. Doch weder im Alltag und schon gar nicht im Netz scheint das antiquierte Gesetz noch zu greifen, jedenfalls finden sich in den Anzeigeforen auch viele Gesuche nach gleichgeschlechtlichen Partnern. „Ich glaube, in den Foren kann man recht leicht Leute finden, mit denen man seine Homosexualität ausleben kann. Freunde von uns, die homosexuell sind, machen das auch so“, sagt Webermann. Die Angst, dass gleichgeschlechtliche Liebschaften übers Netz auffliegen könnten, sei unbegründet, denn der Staat sei so ineffektiv, da blieben keine Kapazitäten für eine Art Gesinnungspolizei, die das Internet durchstreift. Langfristig glaubt der Indien-Korrespondent, habe die Digitalisierung das Potential, das Verbot von Homosexualität zu kippen. Der Wandel wirkt für ihn immer deutlicher wie eine kleine sexuelle Revolution.

 

In indischen Dörfern fehlt es noch an den Basics

 Von all dem bekommen die Inder auf dem Land nichts mit. „Während wir in der Stadt schon manchmal im 21. Jahrhundert angekommen sind, stecken die ländlichen Regionen noch im Mittelalter“, formuliert Webermann. Ein drastisches Urteil, das aber auch der indische Journalist und Blogger Sanjay Kumar stützt: “Internet ist wohl das letzte Problem von jemandem, der um drei Mahlzeiten am Tag kämpfen muss.”

Dass Bildung und Existenzsicherung Vorrang haben, wissen auch eine Hand voll Initiativen, die sich der „unconnected billion“ zuwenden und mit rudimentären, digitalen Angeboten versuchen, zu helfen. Das sind Dienste wie „vahan“, bei dem ein Lehrer, hunderte Kilometer entfernt, seine Schüler anruft und via Handy-Dialog Englisch-Nachhilfestunden gibt. Die „Whole in the Wall“-Initiative dagegen hat es sich zum Ziel gesetzt, Jugendliche spielerisch an das Internet heranzuführen und installiert internetfähige Rechner in Wänden von öffentlichen Gebäuden, die zur freien Verfügung stehen. Auch erste wackelige Versuche mit Telemedizin über Cybercafés zeigen, dass es noch andere Möglichkeiten gibt, als allein darauf zu hoffen, dass Narendra Modi bis 2020 sein Versprechen einhält.

In einem deutschen Artikel über Inden darf die Kuh natürlich nicht fehlen: Hier vor der Werbung für ein Internetcafé – in Indiens’ ländlichen Gebieten meist der einzige Zugang zum Netz. (Foto: Vincent Desjardins, CC BY 3.0 DE)