Afrika im digitalen Aufbruch

Eric Chinje ist Leiter der African Media Initiative und will den technologischen Fortschritt nutzen, um die afrikanischen Medien unabhängiger und moderner zu machen. Digitalisierung soll den ganzen Kontinent voranbringen.

Afrika verbessern. Für Eric Chinje ist das nicht nur ein abstrakter Wunsch, es ist sein Beruf und seine Lebensaufgabe. Development and Digital Media lautet der Titel seines heutigen Vortrags. Im Flieger nach Leipzig hat er eine Powerpoint-Präsentation vorbereitet, die sein iPad vor Ort nicht abspielen will. Nach wenigen Anlaufversuchen gibt er auf, er halte seine Reden ohnehin lieber frei. „Jetzt denkt wieder jeder: Typisch, der Afrikaner hat keine Ahnung von Technologie. Aber das stimmt nicht“, sagt er und lacht.

Chinje hat sehr wohl Ahnung, vor allem, wenn es um die mediale und digitale Entwicklung Afrikas geht. Seit 2014 leitet er die African Media Initiative, kurz AMI, eine Organisation, die sich für die Unabhängigkeit und digitale Entwicklung des Mediensektors auf dem ganzen Kontinent einsetzt. Ein Kontinent, den der Westen bis heute hauptsächlich mit Hunger, Ausbeutung und Gewalt verbindet. Oder auch: „The Hopeless Continent“, wie Chinje eine Überschrift der amerikanischen Fachzeitschrift The Economist aus dem Jahr 2000 zitiert. Solche Titel haben den gebürtigen Kameruner schon immer geärgert. Als Chinje begann, in Washington zu arbeiten, fühlte er sich zunächst wie ein Wirtschaftsflüchtling. Der schlechte Ruf Afrikas gab ihm das Gefühl, er wäre von einem perspektivlosen Kontinent gerettet worden. Und das, obwohl er vorher bereits an der renommierten Universität Harvard studiert hatte.

„Mein Leben hat sich schon immer um den Journalismus gedreht”

Chinje wählt seine Worte sorgfältig, gestikuliert ruhig, aber eindringlich. Sein Englisch ist druckreif. Er trägt ein längeres Oberteil aus schwarzem Samt mit weißen Stickereien, das im Scheinwerferlicht glänzt und ihn vom Rest der Redner in klassischen Anzügen und Hemden unterscheidet. Die dunkle Haut ist fast faltenfrei, sein Haar schwarz und dicht. Nur der graue Bart deutet daraufhin, dass es sich hier um einen Anfang Sechzigjährigen handelt. „Ich mache mir prinzipiell wegen gar nichts Stress. Die meisten Dinge sind die Aufregung überhaupt nicht wert“, sagt er.

Eric Chinje ist heute eines der bekanntesten Mediengesichter Afrikas. Als Journalist arbeitete er unter anderem für CNN und machte sich in Afrika einen Namen als erster englischsprachiger Nachrichtensprecher des kamerunischen Nationalfernsehens. „Mein Leben hat sich schon immer um den Journalismus gedreht”, sagt Chinje. Als fünfjähriger Junge hatte er die Aufgabe, jeden Tag die Batterien aller Radios seines Heimatdorfes in der Sonne aufzuladen. Sobald er damit fertig war, hörte er den ganzen Tag die Lieblingssender seines Vaters: BBC und The Voice of America. „Als er nach Hause kam, musste ich ihm erzählen, was alles auf der Welt passiert war“, erzählt er.

Später arbeitete Chinje als Kommunikationsmanager und -berater, unter anderem für die World Bank und die African Development Bank. Während seiner beruflichen Laufbahn hat er in vielen Ländern gelebt, vor allem in Großbritannien und den USA. Er kennt die unterschiedlichen Mediensysteme und orientiert sich am liebsten am amerikanischen. „Journalisten, die mit Daten umgehen können und digital vernetzt sind, erzählen bessere Geschichten. Für mich sind diese Technologien nichts weiter als Instrumente, die den Medien dabei weiterhelfen sollen, ihre Aufgabe zu erfüllen“, sagt er. Sein Ziel: Afrikas Medien weiterentwickeln, den Kontinent digitalisieren. Und tatsächlich, in Afrika tut sich momentan einiges.

Fortschritt, wo ihn keiner erwartet hat

Viele afrikanische Länder, die früher als wirtschaftlich unattraktiv galten, werden mittlerweile auch international als Märkte entdeckt. Vor allem der digitale Sektor übertraf alle Erwartungen. Die Entwicklung begann in den frühen 2000ern, als MTN, ein südafrikanischer Mobilfunkanbieter, beschloss, auch in andere afrikanische Länder zu expandieren. In Nigeria wurden in fünf Jahren 500.000 neue Handynutzer erwartet, tatsächlich verdoppelte sich diese Zahl in nur 6 Monaten auf eine Million, mittlerweile liegt sie bei rund 78 Millionen.

Die meisten Länder haben in der Entwicklung einen Schritt übersprungen: Die wenigsten Haushalte besaßen einen Festnetzanschluss, als Mobilfunk sich bereits verbreitete. Während in der restlichen Welt die Zahl der Mobilfunknutzer in den letzten zehn Jahren um 107 Prozent stieg, waren es in Afrika 370 Prozent. Damit stiegen auch die Möglichkeiten der Vernetzung und des Ideenaustausches, zwei wichtige Faktoren für die Entwicklung. „Dieser Fortschritt öffnet die Unterhaltung und gibt neuen Stimmen eine Chance, gehört zu werden. Diese Chance sollten wir unbedingt nutzen“, sagt Chinje.

Laut Schätzungen der World Bank  nutzt in Kenia mittlerweile fast die Hälfte aller Menschen das Internet. Zum Vergleich: Auf diesem Niveau war Deutschland 2002, mittlerweile sind es 84%. Für ein EntwicklungslandAus eurozentristischer Perspektive (der sogenannten Industrieländer) ist ein Entwicklungsland ein Land, dessen mehrheitliche Bevölkerung - gemessen am eigenen Leben - in deutlich schlechteren sozialen wie wirtschaftlichen Verhältnissen lebt. Indikatoren sind unter anderem eine schlechte Versorgung mit Nahrungsmitteln und Konsumgütern, Hunger, eine mangelnde medizinische Versorgung, ein schlechter Zugang zu Bildung sowie eine niedrige Alphabetisierung. Ab wann ein Land als Entwicklungsland kategorisiert wird, hängt vom jeweilig gewählten Maßstab ab. ist das kein schlechter Schnitt, trotzdem gibt es noch große Probleme was die Bezahlbarkeit und somit auch die Erreichbarkeit angeht. Während in Deutschland ein Internetanschluss nur 1 Prozent des Durchschnittseinkommens ausmacht, sind es in Kenia 45 Prozent. Ein mobiler Internetzugang ist mit 15 Prozent etwas günstiger. Für einen Nutzer in Deutschland wären das umgerechnet immer noch 600 Euro im Monat. Durch Hürden wie diese entsteht eine Lücke in der Gesellschaft, die sogenannte „digital divideDer Begriff beschreibt Unterschiede im Zugang zu und der Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologie, insbesondere dem Internet, zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen aufgrund von technischen und sozioökonomischen Faktoren. Er bezieht sich sowohl auf regionale, nationale als auch internationale Unterschiede.“.

Eine noch bessere technische Struktur und mehrere Anbieter sollen diese Lücke mit der Zeit schließen und den digitalen und somit gesellschaftlichen Fortschritt voranbringen, so hofft auch Chinje. Denn das Potenzial ist gegeben, viele der Länder sind extrem jung, in Kenia sind 43 Prozent der Bevölkerung unter 14 Jahre alt. Hier kann viel Fortschritt entstehen, aber es braucht Perspektiven.

Crowdsourcing, Made in Africa

Bereits jetzt gibt es zahlreiche Initiativen, die die Digitalisierung für positive Entwicklung einsetzen. Ushahidi, Swahili für Zeugenaussage, ist ein Vorzeigebeispiel, das es sogar bis in den US-Wahlkampf schaffte. Das Tool wurde 2008 in Nairobi entwickelt, um mithilfe von Crowdsourcing die Gewaltausbrüche nach den Wahlen in Kenia zu dokumentieren. Jeder Bürger konnte per Handy oder Email einen Angriff melden. Diese wurden per GPS automatisch auf einer Karte verzeichnet, ein sogenanntes Crowdmapping. Innerhalb weniger Tage führten diese individuellen Zeugenaussagen zu einem umfassenden Überblick über die Lage im Land; besser, als es jede professionelle Organisation hätte schaffen können.

Die Ushahidi-Applikation ist von jedem internetfähigen Mobiltelefon aus abrufbar. Quelle: CC Erik Hersman, Flickr

Obamas Team verwendete das Tool, um 2012 die Ereignisse rund um den Wahlkampf zu verfolgen. Auch bei den aktuellen US-Wahlen kam Ushahidi zum Einsatz, nach Trumps Sieg wurden damit Gewalttaten und Angriffe gegen Minderheiten gesammelt. Mittlerweile wird es außerdem von der Website Syria Tracker benutzt, um zivile Opfer und Verstöße gegen die neuesten Waffenruhen festzuhalten.

„Neue Technologien werden mit Sicherheit nicht Probleme wie Armut oder Krieg lösen. Aber sie verändern die ganze Welt, auch Afrika. Wir leben momentan in einer sehr interessanten Zeit, in der Innovation für jeden eine Rolle spielt“, erklärt Chinje.