„Wer den längeren Atem hat, wird überleben“

Zwei Kommunikationswissenschaftler im Interview über den Reisejournalismus der Zukunft, Reibungsflächen mit der PR und warum Journalisten auf den Buchmarkt schauen sollten.

Von Theresa Moebus

Prof. Dr. Markus Behmer

Prof. Dr. Markus Behmer (Bild: Björn Sasse)

Welche Stellung hat der Reisejournalismus in den Kommunikationswissenschaften?

Markus Behmer (Institut für Kommunikationswissenschaft der Uni Bamberg): Er spielt noch eine eher kleine Rolle, weil sich die Kommunikationswissenschaft selten mit Spezialbereichen beschäftigt. Zum anderen stehen in journalistischen Fächern eher Politik-, Wirtschaftsjournalismus und das Feuilleton im Vordergrund. Reisejournalismus behandelt man meist nur, wenn dieser etwa auch wirtschaftliche Belange thematisiert.
Bernhard Goodwin (Institut für Kommunikationswissenschaft, LMU München): Reisejournalismus wird recht wenig untersucht, weil er ein Randphänomen ist. Allerdings sind die normativen und empirischen Probleme der Abgrenzung von Journalismus und PR hier besonders deutlich – vielleicht sollten wir uns mehr mit diesem Thema beschäftigen. Es gibt da aber eine gegenseitige Ignoranz von Journalismus und Wissenschaft. Der Reisejournalismus könnte auch von Empirie und Theoriebildung profitieren.

War das ein Grund für die Entstehung der Bildkorrekturen?
Behmer: Ja, auch. Aber der wesentliche Grund war eher die Entwicklungspolitik und der Zusammenhang zum Journalismus. Im Reisejournalismus zeigt sich das Spannungsfeld Journalismus und PR sehr viel deutlicher als in anderen Bereichen.

Wie bewerten Sie die finanzielle Abhängigkeit von Reisejournalisten? Gibt es Lösungsvorschläge?
Behmer: Ich glaube uns geht es da wie vielen Wissenschaften: „Good in diagnoses (hoffentlich) – bad in therapy.“ Also richtige Lösungen haben wir nicht. Wir sind nur der erhobene Zeigefinger, der auf die Probleme im Reisejournalismus hinweist. Das ist ein allgemeines Anliegen der Bildkorrekturen: Nicht nur erkennen, wie der Journalismus ist, was daran schlecht ist und welche Bilder zu korrigieren sind, sondern vor allem zu erkennen, warum der Journalismus so ist wie er ist. Die sehr schlechte Bezahlung der Reisejournalisten schafft dabei viele Abhängigkeiten und Zwänge.
Goodwin: Es gibt den allgemeinen Trend in den Medien, an Journalisten zu sparen. Das steigert die Qualität nicht unbedingt. Und es kann zu einem Teufelskreis führen: Weniger Qualität bedeutet langfristig eine schwächere Leserbindung und damit auch geringere Ressourcen"Der Begriff kommt aus dem Lateinischen (resurgere – „hervorquellen“) bzw. Französischen (la ressource – Mittel, Quelle). Er bezeichnet im weiteren Sinne alle Mittel, die in die Produktion von Gütern und Dienstleistungen einfließen. Zu den natürlichen Ressourcen zählen zum Beispiel Rohstoffe, Wasser, Boden und Luft. Sie werden unterschieden in regenerierbare (z.B. Wälder) und nicht regenerierbare Ressourcen (z.B. fossile Brennstoffe).". Es lohnt sich, in Qualität zu investieren. Wer hier den längeren Atem hat, wird überleben.

Dr. Bernhard Goodwin

Dr. Bernhard Goodwin

Haben Reisejournalisten die Aufgabe, auf die politische und gesellschaftliche Situation des bereisten Landes aufmerksam zu machen?
Behmer: Guter Reisejournalismus fängt immer die Hintergründe ein. Dazu gehört in vielen Ländern natürlich auch die Beschränkung der Medienfreiheit und die der Menschenrechte. Die nicht zu thematisieren, blendet einen großen Teil der Realität aus.
Goodwin: Ich glaube nicht, dass das die zentrale Aufgabe ist. Wenn es zu einem vollständigen Bild gehört, dann sollten diese Punkte allerdings nicht verschwiegen werden. Es ist die Rolle der Journalisten, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und davon zu berichten. Die Reisejournalisten sind davon nicht ausgenommen.

Können Reisejournalisten denn an den Umständen des Landes etwas ändern?
Behmer: Das ist die Frage nach der Wirkung des Journalismus. Der Journalist muss ein Bewusstsein für Probleme schaffen. Und wenn dann Touristen in diese Länder fahren, fahren sie vielleicht etwas aufmerksamer hin. Also einen sehr kleinen Beitrag leistet der Journalismus schon.
Goodwin: Jeder ändert das bereiste Land und sich selbst durch eine Reise. Die Frage ist, ob es eine Änderung zum Besseren ist. Es sollte der Anspruch jedes Menschen sein, die Welt besser zu machen. Bei Journalisten kann das vor allem dadurch geschehen, dass sie auf die Realität hinter den Broschüren aufmerksam machen – in ihren positiven und negativen Facetten.

Was ist die Zukunft des Reisejournalismus: Entpolitisierte Texte oder Reisejournalismus, der Politik und Hintergrundinformationen mit einfängt?
Behmer: Es wird für entpolitisierte Texte ein großes Feld geben und das andere wird eher die Nische bleiben. Die Reiseteile von der Zeit, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Süddeutschen Zeitung oder auch von GEO Saison sind diese Nischen. Ganz interessant für Reisejournalisten ist aber auch der Buchmarkt. Das ist etwas, was hier noch gar nicht thematisiert wurde. Dort können auch viele Hintergründe aufgezeigt werden und die Journalisten ganz gut davon leben. Das ist eine große Chance.
Goodwin: Ich denke, dass es um die Zukunft für beide Formen schlecht bestellt ist: Der entpolitisierte Reisebericht kann zukünftig günstiger und hochwertiger direkt von PR-Autoren hergestellt werden, denn diese müssen nur anständig bezahlt und nicht mit einer teuren Luxus-Behandlung umworben werden. Der Leser kann über Social Media besser direkt erreicht werden. Solange Redaktionen nicht mehr das Geld für ausführlich recherchierte Hintergrundgeschichten in die Hand nehmen, werden Journalisten solche Berichte nicht nachhaltig anbieten können. Es ist eine Entscheidung der Leser: Wollen sie für guten Journalismus gutes Geld bezahlen oder nicht.

Haben Sie denn einen persönlichen Bezug zum Reisejournalismus?
Behmer: Gelegentlich habe ich im Rahmen meiner früheren journalistischen Tätigkeit Reisereportagen zu den Azoren und Österreich geschrieben. Ich war aber noch nie in Kuba, Ägypten oder in der Arktis. Ein Grund mehr, genau diese Länder beziehungsweise Regionen hier vorzustellen. Goodwin: Ich reise gerne, aber habe kein allzu großes Interesse an den Reiseseiten. Vielleicht habe ich da aber auch Vorurteile.