Als Selbstversorger zum reinen Energie-Gewissen

Romantisch oder rückständig? Robert ist Teil einer Versorgungsgemeinschaft, lebt in seinem Bauwagen und nutzt Solarenergie.

von Julia Habermann

Schmölln, ein Ortsteil der Gemeinde Hummelshain, im thüringischen Saale-Holzland-Kreis gelegen. Wer hier wohnt, braucht sich keine Straßennamen zu merken, um sein Haus zu finden. Schmölln heißt der Ort, Schmölln heißt die Straße. Hausnummern aber gibt es, sie gehen bis Nummer 21. Dann ist Schluss. Insgesamt leben hier rund 60 Menschen und seit einem Jahr auch drei junge Gärtner. Sie sind die „Neuen“ und hausen so ganz anders als der Rest der Dorf-Bewohner. Hinter der kleinen Kirche St. Nicolai  befindet sich ein scheinbar verlassener Vier-Seiten-Hof, Schmölln Nummer 16. Hier leben diese „Neuen“. Mehr oder weniger. Denn streng genommen wohnen, essen und schlafen sie derzeit noch in ihren 20 Quadratmeter großen Bauwägen. Zwei davon befinden sich hinter der Scheune des Hofs, auf einem kleinen Hang mit Sicht auf den 1,4 Hektar großen Gemüse-Garten. Dort steht auf freiem Feld ein dritter Bauwagen. Hier lebt Robert und ich besuche ihn einen Tag.

„Heute müssen die Möhren geerntet werden!“, schallt es in den Bauwagen. Angenehme 12 Grad hat es innen, draußen sind es fünf Grad. Um beim gemeinsamen Frühstück Luxus-Temperaturen von 22 Grad genießen zu können, muss zunächst Holz gehackt und der Ofen in Gang gebracht werden. Um 8 Uhr setze ich Wasser für den Tee auf. Es stammt aus einer nahegelegenen Quelle. „Durch diese Wasserversorgung sparen wir erhebliche Verpackungsmengen und Kosten, und vermindern die Umweltbelastung“, erklärt Robert. Mit selbstgebackenem Brot starten wir anschließend in den Tag. „Warum lebst Du so scheinbar unzeitgemäß?“, frage ich nach. „Selbstversorger zu sein, bedeutet für mich Freiheit. Ich möchte für mich leben und arbeiten und nicht fremdbestimmt werden. Mit biologisch-dynamischer Landwirtschaft möchte ich Lebensmittel erzeugen, die die Bezeichnung Lebensmittel auch verdienen. Dabei kommt es mir auf eine gesunde, naturverbundene und nachhaltige Lebensweise an.“

Vor einem Jahr haben sich Robert und Sebastian den Vier-Seiten-Hof gekauft, um in Schmölln gesundes Obst und Gemüse anzubauen, mit dem Ziel 100 Menschen das ganze Jahr hindurch zu ernähren. Sie betreiben solidarische Landwirtschaft, das heißt sie haben sich für eine marktunabhängige Wirtschaftsweise entschieden. Die Kosten für die Gärtnerei werden dabei durch mehrere Privathaushalte getragen, die im Gegenzug einen Anteil an der Ernte erhalten. Dadurch, dass die Mitglieder der Gemeinschaft ihren finanziellen Beitrag direkt für die Landwirtschaft zahlen und nicht für die Produkte selbst, erhalten die Gärtner Planungssicherheit für ihren Betrieb und können gewährleisten, mit der Umwelt verantwortungsbewusst umzugehen.

Nach dem Frühstück geht es auf den Acker und auch Gäste dürfen mit anpacken. Also: rein in die Gummistiefel und ab ins Gemüse! Drei Stunden und 110 kg Möhren später wird das Mittagessen auf einem Gasherd zubereitet, natürlich vegetarisch. Pro Monat werden für täglich ein bis zwei warme Mahlzeiten fünf Kilogramm Propangas verbraucht. Die Kosten pro Jahr belaufen sich auf 132 Euro. Nach dem Essen möchte ich mich nützlich machen und schnell abwaschen. Doch so schnell geht´s nicht, denn zum Abwaschen wird Regenwasser genutzt. Ehe das geholt und auf dem Herd erhitzt wurde, vergehen gut 20 Minuten. Anschließend wird bis zur Dunkelheit weiter geerntet.

Abends wird’s gemütlich, beinahe friedlich. Erneut wird Holz gehackt, Feuer gemacht und ein paar Kerzen angezündet. Robert freut sich, denn heute hat endlich mal wieder die Sonne geschienen und wir können nachher einen Film schauen. In der Winterzeit ist Solarenergie nicht unbedingt die vorteilhafteste Variante. Im November 2014 hat es in Thüringen durchschnittlich gerade einmal rund 40 Minuten Sonne pro Tag gegeben. Die dadurch erzeugte Energie reicht ungefähr für einen Abend. Als Selbstversorger denkt der Gärtner daher momentan darüber nach, wie er aus Waschmaschinenschrott ein Windrad baut. Ich bin beeindruckt über so viel Eigenständigkeit eines jungen Erwachsenen, doch bemerke auch, dass die Sanierung des Hofs wohl eine Lebensaufgabe sein wird.

Dieser war seit über zehn Jahren unbewohnt und momentan fehlen Zeit und Geld, um ihn wieder in Schuss zu bringen. Die Mitgliedschaftsbeiträge aus der Landwirtschaft genügen, um die Gärtnerei zu betreiben und die notwendigen Lebenserhaltungskosten der Gärtner zu decken, doch für die Sanierung und den Ausbau des Hofs sind sie auch auf Unterstützung angewiesen. Und solange leben die Gärtner weiterhin auf romantische Weise in ihren Bauwägen. Dafür allerdings mit einem reinen Energie-Gewissen.