Äthiopien als neues Bangladesch? Nur noch viel günstiger ...

Die weltweite Textilproduktion zieht weiter: Vom armen Bangladesch in ein Land, in dem die Produktion noch günstiger ist: Nach Äthiopien. Wie und warum das klappt, lest Ihr hier.

Äthiopien wird in der Textilbranche seit einigen Jahren als das neue Bangladesch gehandelt. Doch eigentlich ist es sogar noch viel besser: Kürzere Wege nach Europa, politische Stabilität im Land, unzählige Arbeitslose, die jeden Job annehmen würden und die ganze Produktion auch noch viel günstiger. Perfekt!

Große Textilfirmen aus China, der Türkei und Indien produzieren bereits dort. Für Kik, Tchibo, Tommy Hilfiger, Calvin Klein und H&M. Warum? Damit wir die Mode noch schneller und günstiger bekommen. Wie das funktioniert? Die Löhne sind noch einmal deutlich unter dem Niveau von Bangladesch. Circa einen Euro bekommen die Arbeiterinnen pro Tag (in Bangladesch sind es immerhin zwei Euro). Auch in einem Land wie Äthiopien ist das zu wenig zum Leben. Sechs Euro wären das Existenzminimum.

Doch noch schlimmer: Sind die Näherinnen einmal krank, ist das ein großes Problem, das existentiell werden kann. Die fehlenden Tage werden ihnen vom Lohn abgezogen. In einem Artikel in der Zeit heißt es: „Für jeden Tag, den du fehlst, werden dir 135 Birr vom Lohn abgezogen, umgerechnet 4,14 Euro. Und du verdienst nur 35 Birr am Tag. Nur wenn du ein Attest vorlegen kannst, bist du entschuldigt, aber dafür musst du ins Krankenhaus. Das kostet 100 Birr, allein für die Aufnahme, und dann hast du noch keine Medizin.“ Gute Arbeitsbedingungen sehen anders aus.

Druck und Stress in der Fabrikhalle

Tonnenweise Fast-Fashion: Damit wir T-Shirts für zwei Euro kaufen können, werden in Äthiopien Arbeiterinnen ausgebeutet. Foto: High Contrast (CC BY 3.0 de) via Wikimedia Commons

Hinzu kommen der Druck und der Stress: In den Fabrikhallen ist es laut, die Vorabreiter schreien die Näherinnen an, um sie zu einem immer höheren Tempo anzutreiben. Die Arbeiter müssen viele Stunden auf ihrem Platz sitzen, dürfen mit niemandem reden. Spaß haben sie nicht bei der Arbeit.

Klar, wir denken sofort: Warum zahlen die Manager den Arbeiterinnen nicht einfach mehr. Würden sie so nicht auch besser und schneller arbeiten, weil sie motivierter wären? Vielleicht könnte man Sonderzahlungen einführen, als besondere Belohnung? Die Fabriken schieben den Schwarzen Peter an die Regierung. Die wollen nicht, dass die Löhne steigen. In einem autoritären Staat wie Äthiopien entschieden die Politiker bei der Lohnentwicklung mit. Sie wollen natürlich, dass ihr Land weiterhin attraktiv bleibt für die weltweite Textilindustrie. Und das um jeden Preis.

 

 

Ein Überblick zur Produktion in Äthiopien findet Ihr in diesem Video auf ZeitOnline.

Arbeiten wie im Paradies?

Was gut zu klappen scheint: Gewisse Sozialstandards werden eingehalten. Jedenfalls besser als in Bangladesch. Das berichten zumindest Experten und Journalisten – auch auf der Bildkorrekturen Konferenz. Die Rede ist von geregelten Arbeitszeiten, bezahlten Überstunden, kostenlosen Mittagessen und keine Berührung mit giftigen Stoffen in den Fabriken. Klingt ja schon einmal besser als in anderen Ländern.

Im Moment arbeiten circa 80.000 Beschäftigte in Äthiopien im Textilsektor. In den kommenden Jahren sollen 350.000 dazu kommen. Damit dieses Ziel erreicht wird, baut zum Beispiel H&M mit der DBL Group, einem Textilunternehmen aus Bangladesch, ein Berufsbildungszentrum.

Die Jobs sind trotz der schlechten Bedingungen und dem viel zu geringen Lohn begehrt. Warum? Die Näherinnen berichten von einer neu gewonnen Freiheit und der Chance auf Selbstbestimmung. Für die Frauen ist es extrem wichtig, auf eigenen Beinen zu stehen. In einem Artikel in der SZ erzählt eine Näherin: „Lieber schufte ich in der Fabrik, als dass ich verheiratet werde und von meinem Mann abhängig bin.“ Wenn ein Unternehmen neue Arbeiterinnen sucht, werben sie also auch mit dem Traum der emanzipierten afrikanischen Frau.

Tolle Arbeitsbedingungen oder Ausbeutung?

In diesem Video zeigt Tchibo, wie für sie in Äthiopien produziert wird. Die Frauen lachen und scheinen Spaß bei der Arbeit zu haben. Sie sind glücklich und dankbar.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Man kann von diesem Video halten was man möchte. Das Positive in Äthiopien ist jedoch, dass die komplette Wertschöpfung im Land bleibt. Es wird Baumwolle angebaut, die direkt im Land bis zum fertigen Produkt weiterverarbeitet wird. Somit ist eine transparente Produktion möglich, es werden viele Arbeitsplätze geschaffen und das Geld bleibt im Land.

Das große Manko – der Lohn – aber bleibt. Während Näherinnen zwischen 25 und 35 Dollar pro Monat verdienen, liegt der gesetzliche Mindestlohn in Äthiopien bei 48 Dollar. Dieser gilt natürlich nicht für den Textilsektor. Denn dann würde das T-Shirt für uns nicht zwei Euro sondern 2,50 Euro kosten.